
Famos – dieses Comeback für Heinrich Bölls tiefenentspannten Fischer mit der roten Mütze! Die „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“, eine Kurzgeschichte zum „Tag der Arbeit“ im Mai 1963, wurde gleich mehrfach zitiert, als nun Heike Geißler die höchste Literaturauszeichnung der Stadt Köln erhielt. Im Rathaus wurde ihr der mit 30.000 Euro dotierte Heinrich-Böll-Preis für ein Werk überreicht, das nach Ansicht der Jury zeigt, „wie Literatur auf den gesellschaftlichen Imperativ der Optimierung und Effizienzsteigerung, der ständigen Produktivität lustvoll, empathisch, subversiv und unerwartet begegnen kann.“
Damit stehe Heike Geißler ganz in der Tradition von Heinrich Böll. Und damit schreibt die Autorin, möchte man hinzufügen, auf ihre Weise die „Anekdote“ vom Fischer fort, der die Vorschläge eines Touristen, wie man noch mehr Geld mit dem Fischfang machen könnte, als Absurdität bloßstellt.
„Praktiken der Verachtung“
„Die meisten der gegenwärtigen Ökonomien interessieren sich nicht für den Fischer und seine Art, mit dem Meer in Einklang, in – wie man sagen könnte – beidseitigem Einvernehmen zu leben“, stellte Heike Geißler in ihrer Dankesrede fest. „Die vorherrschenden gegenwärtigen Ökonomien sind Praktiken der Verachtung, sind ignorant und kein bisschen am Wohlergehen aller Lebewesen interessiert. Sie profitieren von Kriegen, schüren sie und sind lebensfeindliche Gegner.“
Der Kapitalismus, den Heinrich Böll einst kritisiert habe, sei „der Feind aller Menschen, selbst derer, die von ihm zu profitieren scheinen“, sagte die 1977 in Riesa in der DDR geborene Heike Geißler. Es sei schwer, sich das Ende des Kapitalismus vorzustellen, aber leichter, so meint sie, das Ende des Kapitalismus zu vollziehen. Dabei könnte es hilfreich sein, an die „Anekdote“ vom Fischer zu denken, der nicht zu verlocken war: „Es ist längst und immer noch Zeit zu sagen: Wir wissen genug, wir ändern vieles und im Zweifelsfall nach und nach alles.“ Dann noch ihre feine Losung, die jeder Protestbewegung vorangestellt werden könnte: „Es ist zu spät, um zu resignieren.“
„Demokratie braucht Meinungsvielfalt“
Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester nahm diese erste Böllpreis-Verleihung seiner Amtszeit nicht wahr – wegen eines „unaufschiebbaren Termins in Berlin“, wie Bürgermeisterin Derya Karadag mitteilte. Dass die Stadtspitze dem stadtkulturellen Großereignis fernblieb, war höchst ungewöhnlich. Aber immerhin waren mit Jürgen Roters und Henriette Reker zwei Amtsvorgänger zugegen. Heike Geißler dankte ausdrücklich der ehemaligen Oberbürgermeisterin, die sie an einem Mittwoch im vergangenen Oktober über die Ehrung informiert habe: „Der Anruf sitzt für immer in meinem Herzen.“
In der Ansprache von OB Torsten Burmester, die seine Vertreterin Derya Karadag verlas, war von „Demut“ gegenüber dem Werk der Autorin die Rede. Auch wurde im Sinne Heinrich Bölls auf die „Verantwortung“ des Schriftstellers verwiesen, unbequeme Fragen zu stellen und Widersprüche zu benennen. Dies sei eine demokratische Aufgabe.
Mit Verweis auf die Debatte um die Eingriffe von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, der unter anderem drei Buchhandlungen vom Deutschen Buchhandlungspreis ausschließen ließ, betonten Burmester/Karadag, wie wichtig es sei, dass die Künste einen Raum haben, in dem sie frei atmen können: „Ohne dass jemand von oben entscheidet, welche Meinung gerade opportun ist und welche nicht. Eine lebendige Demokratie braucht Meinungsvielfalt – nicht Meinungspflege.“ Dafür gab es Szenenapplaus.
„Bölls Werk ist hochaktiv“
Die Laudatio auf Heike Geißler hielt die Literaturkritikerin Insa Wilke, die das Kölner Literaturhaus von 2010 bis 2012 geleitet hat. Die Preisträgerin, so sagte sie in ihrer Würdigung, handele „schreibend in die Welt hinein, indem sie Bestandteile des Friedens in sie hinein flechtet, indem sie Zuversicht und Möglichkeiten in diese Welt hinein erzählt.“ Sie sei eine Autorin, „die nichts zwischen die Zeilen schreibt, sondern alles in die Zeilen.“ Für die Laudatorin zählen Heike Geißlers Bücher zu jenen, „die standhalten, wenn man die schwierigen einfachen Fragen an sie stellt.“
Noch mehr war über und von Heike Geißler am Vorabend der Verleihung zu vernehmen gewesen. Da trat die Preisträgerin, wie es gute Tradition ist, in der Stadtbibliothek Köln auf. Im Interim auf der Hohe Straße kam im Gespräch mit Moderator Mathias Zeiske einiges zur Sprache. So wurde an den jüngst verstorbenen Alexander Kluge erinnert, der US-Versandhandelsgigant „Amazon“ kritisiert, die Verbindung zwischen Verzweiflung und Hoffnung angesprochen und das abstrakte Cover des Romans „Rosa“ gedeutet. „Nora Gomringer meint, es sei ein Penis, aber das sehe ich nicht“, sagte Heike Geißler. Für sie deute die Abbildung auf „eine sehr dynamische Bewegung“ hin. Auch bekannte die Autorin, dass ihr Heinrich Bölls Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ nur zu gut in die Gegenwart zu passen scheine. „Wir sind in einem Zeitalter der Verachtung gelandet“, erklärte sie. Vor diesem Hintergrund sei Bölls Werk „hochaktiv“.

„Für immer eine Kellnerin“
Heike Geißler, das „Arbeiterkind aus der DDR“, sieht sich selbst als Angehörige einer scheinbar elternlosen Generation: „Denn die Eltern mussten arbeiten.“ Wohl auch deshalb kreist ihr Denken und Schreiben um das Thema Arbeit und die damit verbundenen Zumutungen und Überforderungen. Davon ist in ihrem Werk vielfach die Rede – beginnend bei ihrem ersten Roman „Rosa“ von 2002 über „Saisonarbeit“ und „Die Woche“ bis zum Essayband „Arbeiten“ von 2025, den sie ihren Eltern gewidmet hat.
Einblicke in ihr eigenes Arbeitsleben gab es zudem. So habe sie sich zunächst eingebildet, Journalistin werden zu wollen, doch habe sie dann festgestellt, dass der Journalismus nicht ihre Sache sei. Auch berichtete sie von ihrer Arbeit als Sekretärin. Zu ihren Aufgaben gehörte es, für ihren Chef Sekt zu kaufen und kurz vor Feierabend seine handgeschriebenen Briefe abzutippen. Dieser Vorgesetzte habe sie wissen lassen: „Sie werden für immer eine Kellnerin bleiben.“
„Michaela Kohlhaas“ im Anflug
Schließlich die Arbeit als Schriftstellerin. Die erste Würdigung gab es gleichsam vorab: 2001 erhielt sie den Alfred-Döblin-Förderpreis, überreicht von Günter Grass, für den noch nicht veröffentlichten Roman „Rosa“. Später trat sie gleich zweimal beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt auf. Doch froh wurde sie dort nicht: „Das ist ein zerstörerisches Format.“ Sie wolle sich lieber in einer anderen Sportart messen – ihr gefalle Curling ganz gut, das sie kürzlich im Fernsehen verfolgt habe. Weil aber Klagenfurt nicht alles ist, stellt Heike Geißler grundsätzlich fest, dass sich der Literaturbetrieb „sehr zum Positiven verändert“ habe. Der einst männlich dominierte Betrieb sei „viel offener, vielfältiger“ geworden.
Dann noch eine schöne Zugabe! Die hatte Heike Geißler im Rollkoffer von Leipzig nach Köln transportiert. Das Publikum der Stadtbibliothek ließ sich nicht lange bitten, um sich bei den mitgebrachten Frageheften zu bedienen, die zu einem Literaturprojekt (mit Hörspiel und Website) gehören. „Fragen für alle“ auf jeweils 48 Seiten. Fragen wie diese: „Haben Sie heute noch viel vor?“, „Ist das noch Ihre Welt?“, „Wer lässt Ihnen keine Wahl?“.
Eine Frage kommt dort allerdings nicht vor: Wie geht es weiter im Werk von Heike Geißler? Die Antwort fällt leicht: der nächste Roman erscheint Mitte Mai. „Michaela Kohlhaas“ wird angekündigt als eine „Überschreibung“ der Kleist-Novelle – mit einer widerständigen Frau im Zentrum.
Martin Oehlen
Drei Titel
von Heike Geißler: ihr Roman „Die Woche“ (Suhrkamp) von 2022, der Essayband „Arbeiten“ (Hanser Berlin) von 2025 und der im Mai 2026 erscheinende Roman „Michaela Kohlhaas“ (Suhrkamp).


