
Schriftlich soll der Patient seine Lage schildern. So wünscht es die Klinik, in die er sich selbst eingeliefert hat. Es hat eine Weile gedauert, ehe er zu diesem Bericht in eigener Sache bereit war. Nicht weil ihm das Schreiben schwerfiele, denn immerhin ist er ein erfolgreicher Schriftsteller. Aber es ist ja diesmal keine Fiktion, zu der aufgefordert wird, sondern es geht um ihn und nur um ihn – um nichts als die Wahrheit. Nun also schreibt er: „Ich heiße Christoph Peters und bin Alkoholiker.“
„Als Erstes ein Schnaps“
Zum ersten Mal hatte er diesen Befund ein paar Tage zuvor formuliert. Nicht schriftlich, sondern mündlich. Da sitzt der Ich-Erzähler in Christoph Peters‘ Roman „Entzug“ seiner Frau gegenüber und ist am Ende. Physisch und psychisch. Es ist der Moment der „Kapitulation“, ohne die keine Hoffnung besteht: Schluss mit der Beschönigung und dem Selbstbetrug. Er bekennt: „Ich bin Alkoholiker. Ich muss einen Entzug machen.“ Stille. „Ja“, sagt sie. „Dann aber sofort.“ Der Erzähler beendet dieses Kapitel mit dem Satz: „Sie steht nicht auf.“ Denn groß ist die Angst, dass die Ehefrau dieses körperliche und seelische Wrack, das ihr Mann ist, verlassen könnte. Aber sie bleibt.
Begonnen habe es mit Likör-Pralinen in der Kindheit, lesen wir. Überhaupt sei der Alkoholkonsum im heimischen Umfeld ausgeprägt gewesen: „Am Niederrhein wurde einem, wenn man irgendwo ins Haus kam, als Erstes ein Schnaps angeboten.“ Nüchtern sei einem doch gar nichts eingefallen, was man hätte erzählen können. Seit er 16 Jahre alt ist, könne er, ohne zu trinken nicht schreiben, zeichnen, denken. Vor elf Monaten habe er die Grenze überschritten, an der noch die Möglichkeit bestanden habe, mit weniger Alkohol auszukommen. Danach galt: „Wenn ich trinke, geht es nicht, wenn ich nicht trinke, geht es auch nicht.“
„Rückfallquote bei über 90 Prozent“
Mit dem Alkoholismus verbunden ist die Anstrengung, nur ja nicht aufzufallen. Niemand darf von seiner Sucht etwas mitbekommen, schon gar nicht die Ehefrau. Das erfordert ein ausgeklügeltes Täuschungs-Management. Zugleich ist dem Trinker bewusst, dass er sich in Lebensgefahr befindet. Das Zittern der Hände, die Taubheit in den Füßen, die Panik im Kopf. Dann die Schreibarbeit, die nicht mehr möglich ist, auch nicht das Zeichnen. Vor allem aber ist da die kleine Familie, die er zu verlieren droht – „die Frau“ und „das Kind, unser Kind, mein kleines Mädchen“, wie er die beiden mantramäßig bezeichnet. Erst gegen Ende der Geschichte, als der Alkoholnebel sich lichtet, wird er die Ehefrau mit „V.“ ansprechen.
„Entzug“ ist eine Wucht. Christoph Peters schildert in diesem „sehr persönlichen Roman“, wie der Luchterhand Verlag wissen lässt, höchst anschaulich den Weg mit der Sucht und aus ihr heraus. Heraus? Nicht ganz. Die Krankheit lauert immerzu, aber es gibt die Möglichkeit, ihr nicht zu verfallen. Ja, ein Arzt weist ihn ausdrücklich darauf hin, „dass die Rückfallquote von Alkoholikern bei über 90 Prozent“ liege. Die Zahl wird später noch einmal wiederholt. Doch die Chance besteht. Der Ich-Erzähler, der in der Klinik mit 2,3 Promille aufgenommen wird, will sie ergreifen.
„Mit drei Irren zusammengepfercht“
Indem der Autor so radikal wie möglich die Fakten benennt, gewinnt der Text eine große Stärke. Der Roman bettelt nicht um Mitleid. Ganz und gar nicht. Auch wird nichts kleingeredet. All das zu lesen ist packend und bedrückend. Denn wir werden Zeuginnen und Zeugen eines großen Kampfes. Um ihn zu bestehen, darf es keinerlei Beschwichtigungen und Abschweifungen geben. Da muss man die – nun ja – Nüchternheit und Unerbittlichkeit an den Tag legen, die auch das Personal in der Entzugsklinik auszeichnet. Anders können Entgiftung und Neuaufstellung nicht gelingen.
Der Erzähler wird in einem hässlichen Klinik-Gebäude „mit drei Irren in einem viel zu kleinen Raum zusammengepfercht“. Diese „Irren“ und noch einige mehr, die allesamt einer Sucht verfallen sind wie er selbst, lernen wir im Laufe des Romans ein wenig kennen. Dies geschieht auf der Station, im Raucherraum, bei der Gesprächs-Therapie. Da werden die Leidensgenossen und -genossinnen in ihrem Elend sichtbar, mit ihrer Redseligkeit und Verschlossenheit, aber auch mit ihrer Hilfsbereitschaft. Der Erzähler sagt: „Nichts von all dem, was hier mit mir passiert, innerlich wie äußerlich, ist mir vertraut.“
„Für Veronika, die immer noch da ist“
Christoph Peters, 1966 in Kalkar geboren, debütierte als Romancier im Jahre 1999 mit „Stadt Land Fluss“. Zahlreiche Werke folgten, auch solche, in denen sich sein Interesse an der japanischen Kultur spiegelte. So präsentierte der Autor, der in Karlsruhe Bildende Kunst studiert hat, in einer Ausstellung nicht nur seine Sammlung von Teeschalen, sondern auch seine einschlägigen Zeichnungen. Zuletzt erschien von ihm eine Trilogie in Anlehnung an das Werk von Wolfgang Koeppen. Besondere Aufmerksamkeit erfuhr dabei der Roman „Innerstädtischer Tod“ (2024), in dem sich der Berliner Galerist Johann König und dessen Ehefrau zu erkennen glaubten; die juristische Auseinandersetzung endete vor dem Bundesverfassungsgericht, das die Verfassungsbeschwerde nicht zur Entscheidung annahm.
Nun der „Entzug“! Darin sagt der Erzähler: „Ich habe einen Beruf, für dessen Ausübung jede Erfahrung in Material verwendet werden kann.“ Das Ergebnis liegt nun vor. Dem Schriftsteller Christoph Peters ist ein Roman geglückt, der so erfahrungssatt ist, dass die Intensität aus allen Seiten dampft. Er hat ihn seiner Ehefrau Veronika Peters gewidmet. Sie ist selbst als Autorin erfolgreich und wird im Mai ihren neunten Roman bei Kindler veröffentlichen. „Für Veronika“, lautet die Widmung, „die immer noch da ist“. Darauf eine Tasse Tee!
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir über eine Veranstaltung mit Christoph Peters in der Buchhandlung Bittner in Köln HIER berichtet, in der er seinen Roman „Innerstädtischer Tod“ vorgestellt hat.
Lesungen
mit Christoph Peters und seinem Roman „Entzug“ gibt es in den kommenden Monaten zuhauf. Die „Premierenlesung“ findet am 25. 3. 2026 beim rbb in Berlin statt. Weitere Stationen sind u.a. das Literaturhaus München (14. 4.), die Mediothek in Krefeld (20. 4.) und das Literaturhaus Köln (5. Mai 2026).
Christoph Peters: „Entzug“, Luchterhand, 398 Seiten, 24 Euro. E-Book: 18,99 Euro.
