
Zupackend sind die Frauen, die in dem Roman „Alles soll sehr weiß sein“ zu Wort kommen. Doch der Tatkraft zum Trotz hatte jede von ihnen eine Last zu tragen. Die Schriftstellerin Ute Wegmann hat nun aufgeschrieben, was diese Lebensläufe zwischen 1930 und 1989 bestimmt hat. Dazu lässt sie Hertha, Ellen und Dora in jeweils kurzen Kapiteln selbst zu Wort kommen.
Es ist ein generationenübergreifender Wechselgesang von Zeitzeuginnen. „Man schwieg, aus Angst“, sagt Großmutter Hertha über die Nazi-Zeit. „Ich wollte einfach alles vergessen“, erklärt ihre Tochter Ellen, die bei Kriegsausbruch vier Jahre alt war. „Ich frage und warte und frage und warte“, stellt schließlich „Kriegsenkelin“ Dora fest, nachdem sie sich aus dem Disziplin-Korsett ihrer Eltern befreit hat. Dora – das nur am Rande – wurde 1960 geboren und ist damit ungefähr so alt wie die Autorin.
„Wir wollten ans Licht“
Mit dem Trio erleben wir den Zweiten Weltkrieg, die Befreiung vom Nationalsozialismus, das westdeutsche „Wirtschaftswunder“, die 68er-Proteste, ein wenig auch den „deutschen Herbst“ und den Fall der Mauer. All diese historischen Großereignisse drängen sich in den Alltag der selbstbewussten Frauen. Der wird nicht allein bestimmt von der Hausarbeit, sondern auch vom Gelderwerb. Das geht damit los, dass die Großmutter in der Wäscherei eines Lazaretts arbeitet, das in dem aufgehobenen Kloster Knechtsteden für Soldaten mit schweren und schwersten Kopfverletzungen eingerichtet worden ist. Die Laken können gar nicht weiß genug sein. Und das Leben, so scheint es, soll es auch sein. Ganz im Sinne des Titels: „Alles soll sehr weiß sein“.
Tatsächlich herrscht auf dem Buchmarkt kein Mangel an Familiengeschichten, die in der NS-Zeit wurzeln. Solche Szenen von Schuld und Schweigen werden aus guten Gründen immer wieder erzählt. Diesem Mosaik fügt Ute Wegmann einen schönen Stein hinzu. Sie errichtet kein Tribunal. Vielmehr versucht sie zu begreifen, was in und zwischen den Generationen vorgegangen sein könnte. Einmal sagt Ellen: „Gab es einen richtigen Zeitpunkt, um mit den Kindern über die Vergangenheit zu sprechen? Wir sahen keine Notwendigkeit. Worüber hätten wir reden sollen, wir waren selbst Kinder und wollten die dunkle Zeit vergessen, wollten ans Licht. Später sah ich ein, dass es wichtig gewesen wäre. Später hatte ich keine Kraft mehr.“ Später ist man eben meistens klüger.
Papierkügelchen in den Ohren
Der Plot legt keinen Wert auf extravagante Wendungen – da lauert weder ein unerhörtes Geheimnis noch schockt ein nie zuvor vernommener Schicksalsschlag. Vielmehr überzeugt der Roman gerade dadurch, dass er eine Alltagsgeschichte erzählt, die vielen vertraut oder zumindest nahe erscheinen wird. Staunenswerte Akzente bietet die Lektüre gleichwohl. So erfahren wir, dass dem Kriegskind Ellen Papierkügelchen in die Ohren gesteckt wurden: „Wegen der Kälte, dachte ich, doch sie sollten die Schreie der Verwundeten abhalten.“ Und Dora lässt uns wissen, dass sich die Eltern keine Tochter, sondern einen Sohn gewünscht hatten – weshalb ihr Haar kurzgeschnitten bleibt bis zur Ersten Kommunion, bis zum Weißen Sonntag.
Geschickt verknüpft Ute Wegmann die Kapitel, deren Momente und Motive einander ergänzen und spiegeln. So werden Erlebnisse und Einsichten aus drei Perspektiven fokussiert. Da blitzen Kontinuitäten und Brüche auf, werden Verhaltensmuster beibehalten und Ansichten über den Haufen geworfen.
„Zorn, Sorge, Ärger“
Die Autorin erzählt diese Geschichte in meist kurzen, dynamisch arrangierten Sätzen. Die Neigung zum Dreiklang ist ausgeprägt: „Sauber. Sauber. Sauber.“ Oder so: „Zorn, Sorge, Ärger.“ Auch mischen sich lyrische Passagen unter diese Prosa: „Hab mich kurz verloren / bin auseinandergefallen wie ein Puzzle / in fünftausend Stücke / suche / setze mich mit Vorsicht / wieder zusammen (…)“. Dieser Genre-Mix belebt die Rückschau.
Bringen wir es auf den Punkt: „Alles soll sehr weiß sein“ bietet einen attraktiven Blick in die deutsche Geschichte des vergangenen Jahrhunderts. Der Roman ist behutsam im Zugriff, facettenreich in der Ausgestaltung und fair in der Abwägung. Denn „später“, wie schon gesagt, ist man meistens klüger.
Martin Oehlen
Lesung
mit Ute Wegmann am 14. April 2026 um 19 Uhr im Literaturhaus Köln; die Moderation übernimmt Sabine Küchler. Zum Auftakt der neuen Programmreihe „Lokalrunde“ wird außerdem Bastian Schneider seinen neuen Roman „Umschreibung“ (sonderzahl) vorstellen (Moderation: Martin Mittelmeier).
Ute Wegmann: „Alles soll sehr weiß sein“, Maro, 248 Seiten, 24 Euro.
