„Tanzende Frau, blauer Hahn“ von Dana Grigorcea: Ein kirschroter Roman über die Liebe, das Lachen und den Sommer in Busteni

Und es ist Sommer! Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Was für ein sympathischer Roman! Dana Grigorcea erzählt in „Tanzende Frau, blauer Hahn“ gleich drei poetisch aufgeladene Geschichten – und eine ist schöner als die andere. Freilich ist das Schönste an alledem, dass sie ineinander verwoben sind. Und zwar nicht in einer aufwendigen Konstruktion, sondern in einer geschmeidigen Verschmelzung.

Es die neue Freiheit nach der Wende! Auch in Rumänien löst sich die Bevölkerung aus den Fängen der Diktatur. Und es ist Sommer. Beste Voraussetzungen also zum Aufatmen. Roxana, das Mädchen aus Bukarest, zieht es in ihren Ferien regelmäßig nach Busteni im Prahova-Tal am Fuße der Karpaten. Dort trifft sie Sommer für Sommer auf Camil, der gleich hinter der Bahnschranke wohnt. Sie lachen viel, oft auch Tränen, und sie kommen aus dem Erzählen gar nicht mehr heraus.

Ein Kirschbaum im Haus

Zwar ist Busteni ein kleines Dorf. Doch seine Bewohner bieten reichlich Stoff für Geschichten. Da zieht der gemeinsame Freund Radu mit seinen selbstbewussten Gänsen umher, greift Panduru zu oft zur Flasche, hält sich Filuca häufig in ihrer mysteriösen Speisekammer auf und kabbeln sich die Eheleute Flori und Aurel beharrlich. Madame Smara ist ebenfalls eine Sommerfrischlerin aus Bukarest, in deren Ferienhaus ein Kirschbaum wächst. Und Ovidiu, der uns nicht ganz geheuer ist, wird später einmal Minister. All diese Personen werden so behutsam vorgestellt, dass es eine Freude ist, ihnen zu begegnen.

Ana-Mia lebt ebenfalls in dem Ort. Sie ist „ein sehr freundliches Kind“, wie es einmal beiläufig heißt, und ihr Hund Fulgu scheint wie ein Mensch auf zwei Beinen zu gehen, seit ihm von einem Zug die Vorderpfoten abgefahren worden sind. Auch Ana-Mia war eng mit Camil befreundet. Mit ihm schwamm sie so lange in der Prahova, bis er oder sie sich den Fuß aufschnitt, denn am Grund des Flusses lag viel Müll. Die Wunden wurden ausgesaugt und mit Ringelblumenblättern bedeckt: „Nebeneinander lagen wir dann im Gras, schauten in den Himmel und beschrieben, was wir sahen, tanzende Frau, blauer Hahn, göttliche Vorzeichen für das, was uns erwarten sollte.“

Lesetournee mit Klavierbegleitung

Ja, und dann stellt sich gegen Ende des Romans auch noch heraus, dass es ausgerechnet diese Ana-Mia ist, die uns von Roxana erzählt. Sie hat die Anekdoten zusammengestellt und mit einem leicht nostalgischen, aber überhaupt nicht verklärenden Grundton versehen. Das einst so stille Kind ist jetzt eine Schriftstellerin, die sich mit ihrem Roxana-Buch auf Lesereise befindet. Da haben wir also den Roman im Roman – eine ähnliche Konstruktion hat Dana Grigorcea zuletzt in „Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen“ (2024) verwendet, den wir auf diesem Blog HIER vorgestellt haben.

Ana-Mia, auch nur Ana genannt, wird auf ihrer Tournee vom Pianisten Thierry begleitet. Denn so eine musikalische Ergänzung, da sind sich alle einig, hebt jede Lesung auf ein höheres Niveau. Wie das Duo auf seiner Reise vorankommt, wird regelmäßig in einer Art Tagebuchfassung mitgeteilt. Und siehe da – die Autorin und der Pianist finden über die Geschichten und die Musik zusammen. Am Ende landen sie in Paris, der Stadt der Liebe, wie man so sagt.

Der Biss der Ameise

Doch keine Bange! Dana Grigorcea, 1979 in Bukarest geboren, greift nicht in den Schmalztopf. Vielmehr lauert hinter jeder Liebesvariante eine kleine Unmöglichkeit. Keine Rose ohne Dorn, keine Kirsche ohne Kern. Wenn Roxana im Ferienidyll auf ihrer grün karierten Picknickdecke liegt, ein Buch in den Händen und einen schlafenden Hund an ihrer Seite, deutet der Biss einer Ameise an, dass kein Paradies ohne Fehl ist. Aber selbstverständlich verraten wir hier nicht, was das für die Liebenden in diesem Roman bedeutet – in Paris, in Bukarest und in Busteni.

Busteni ist auch der Ort, in dem Dana Grigorceas „Die nicht sterben“ (2021) angesiedelt ist. In dem Dracula-Roman, den wir auf diesem Blog HIER vorgestellt haben, geht es ein wenig schaurig zu. Nun aber dominiert die Lebensfreude. Wer sich nach ein wenig Lesewärme sehnt, dem sei „Tanzende Frau, blauer Hahn“ dringend empfohlen. So wie der Vorname Roxana, der aus dem Persischen stammt, „die Strahlende“ bedeutet, so strahlt auch dieses Prosawerk. Ein sommerlicher, geradezu kirschroter Roman im Frühling.

Martin Oehlen

Bonustrack

Der Roman gibt auch Einblicke in den Lesungsalltag einer Schriftstellerin. Was Ana (der zu Dana nur ein D fehlt) vor einem Auftritt treibt, erfahren wir hier:

„Die letzten zwei Stunden hat sie Kleider an- und wieder ausgezogen.

Als Autorin will sie so aussehen, als hätte sie keinen Gedanken daran verschwendet, wie sie aussieht.

Und das braucht jedes Mal Zeit.“

Auf diesem Blog

haben wir Dana Grigorceas Romane „Die nicht sterben“ (HIER) und „Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen“ (HIER) vorgestellt.

Dana Grigorcea: „Tanzende Frau, blauer Hahn“, Penguin Verlag, 160 Seiten, 22 Euro. E-Book: 17,99 Euro.

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