
Sasha Marianna Salzmann war nach Köln gekommen, um Mut zu machen. Die Schriftstellerin, deren Debütroman „Außer sich“ auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stand und deren zweiter Roman „Im Menschen muss alles herrlich sein“ mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet worden ist, trat mit einem Impulsvortrag beim Festival-Symposium „kindly invited“ in der Comedia auf. Ihr Fazit: „Ich habe keine Zweifel an der Zukunft der Kunst.“
Auch nicht in Phasen wie diesen, wenn ein Krieg auf den nächsten folgt. Ja, gerade mit zwei Szenen aus Regionen der jüngsten Verwerfungen unterstrich sie ihre These. Zum einen verwies sie auf den ukrainischen Lyriker Serhij Zhadan. Der habe auf die Frage, was ihm in Zeiten des Krieges besonders am Herzen liege, geantwortet: Er wolle Schulkindern Bücher zur Verfügung zu stellen.
Bücher in Gaza
Zum anderen referierte sie einen Beitrag von Mohamed Al-Zaqzouq aus der „Berlin Review“. Unter dem Titel „Bücher verbrennen in Gaza“ schildert der Autor den Moment, als seine Frau ihn bat, er möge ihr einige Bücher aus seiner Bibliothek zur Verfügung stellen. Mit ihnen wollte sie ein Feuer entzünden, um ihren Kindern eine warme Mahlzeit bereiten zu können. Denn zu dem Zeitpunkt mangelte es in Gaza an Brennmaterial. Doch der Familienvater sagte „nein“.
Seine Begründung: „Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr fühlte ich, dass meine Büchersammlung lebendig war. Dass sie einen Körper besaß, aus Fleisch, Blut und Erinnerung, der sich aus vielen Leben und zahllosen Spaziergängen durch Gaza zusammensetzte, mit seinen Cafés, seinen Gassen und seiner Küste, an Sommerabenden und in Winternächten.“ Es müsse eine andere Lösung geben, sagte er, und machte sich auf den Weg – mit Erfolg.

Den ganzen Körper beachten
Was Sasha Marianna Salzmann weiß und was sie bei Serhij Zhadan und Mohamed Al-Zaqzouq bestätigt sieht: „Dort, wo das Leben ist, wird es immer Kunst geben. Oder anders herum: Kunst ist das sichere Signal dafür, dass es noch Leben gibt.“ Die Büchermenschen, meinte sie, spielen dabei eine wichtige Rolle. Literatur – wie die Kunst im Allgemeinen – sei der „Blutstrom“, der stetig fließen müsse, damit der Körper nicht absterbe oder der Organismus vergiftet werde.
Dabei regte sie an, sich nicht nur auf jene Autorinnen und Autoren zu konzentrieren, die ein großes Publikum anlocken. Man müsse den ganzen Buchwelt-Körper im Blick behalten – nicht nur den virtuos frisierten Schopf, sondern auch die Zehennägel.

„Wir fühlen uns zuhause“
Das Ganze in den Blick zu nehmen – darum geht es bei diesem Branchentreffen zur Gegenwart und Zukunft der Literatur-Veranstaltung. Es ist ein Trip quer durch den Garten. Eine besonders frische Pflanze ist darin das Literaturhaus Vorarlberg. Vor elf Monaten wurde das jüngste Literaturhaus im deutschsprachigen Raum eröffnet. Dabei handelt es sich um eine Villa im österreichischen Hohenems, die bis 1938 einem jüdischen Ehepaar gehörte und dann in die Hände eines österreichischen Zahnarztes geriet. Diese Geschichte aus der Nazi-Zeit, so sagte es die Leiterin Frauke Kühn, lerne jeder Besucher kennen.
Zu dem architektonischen Juwel (Klassizismus und Jugendstil) gehört eine Kutschenauffahrt, die akustisch bespielt wird, ein Park, eine Grotte, ein Wintergarten und eine Kegelbahn, wo die Gastronomie untergebracht ist. Besonders nachdrücklich wird in Hohenems die Gastfreundschaft betont: „Niemand von uns wohnt hier, aber wir fühlen uns alle zuhause.“ Das Haus ist den ganzen Tag geöffnet und ermöglicht den Müßiggang ebenso wie das Studium. Es bietet seine Veranstaltungen prinzipiell kostenlos an („pay as you wish“) und versteht die „Beziehung“ zum Publikum als Teil der Infrastruktur. Zur Begrüßung der Gäste gibt es neben dem Literaturhaus-Team sieben ehrenamtliche „Gastgeberinnen“ – gerne hätte man auch einen Mann im Team, sagt die Leiterin, aber den habe man noch nicht gefunden.


Die Welt ein bisschen besser machen
An diesem Sonntag endet das internationale Festival-Symposium „kindly invited“, das Svenja Reiner kuratiert hat. Mit einem weit gefächerten Programm. Mit vielen zufriedenen Gästen. Mit einem Füllhorn an Vorschlägen. Und mit einer außerordentlich hohen Frauenquote auf allen Ebenen.
Auch bei der Diskussionsrunde „Curators Connection“, das sich mit der Lage von Literaturfestivals befasste, waren ausschließlich Festival-Macherinnen am Start. Da bekannte Teresa Grotan vom Literaturfestival im norwegischen Bergen, was sie bei ihrer Arbeit motiviere: „To make the world a better place“. Das ist immerzu ein schönes Ziel und mal wieder: gerade jetzt.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir bereits zweimal über „kindly invited“ berichtet. Zunächst über die fulminante Eröffnung und dann über den Maschinenraum der Literaturvermittlung.
Das Festival
„kindly invited“ endet an diesem Sonntag, 1. März 2026, in der Comedia in Köln.
