
Nahaufnahmen aus dem Maschinenraum des Literaturbetriebs – die bietet „kindly invited“ in Köln. Das international besetzte Festival-Symposium, das vom Kölner Literaturhaus in der Comedia angeboten wird, geht noch bis Sonntag der Frage nach, wie es um die Literatur-Vermittlung bestellt ist. Und siehe da: An Einsichten und Empfehlungen mangelt es nicht. Allein – den einen Königsweg gibt es nicht, um ein möglichst großes und diverses Publikum für literarische Veranstaltungen zu erwärmen.
„Damit die Leute Bock haben“
Die Lage insgesamt ist schwierig. Auf dem gesamten Buchmarkt. Ein oft gehörter Satz in Verlagen und Buchhandlungen, so hieß es auf dem Symposium, lautet: „Heute muss man doppelt so viel arbeiten wie früher, um ein Buch zu verkaufen.“ Diese Einschätzung spiegelt sich auch darin, dass die Zahl der unabhängigen Buchhandlungen in den vergangenen fünf Jahren um rund 25 Prozent gesunken ist.
Auch das Spektrum der Sorgen, die Literaturveranstaltende umtreibt, ist weit. Das reicht vom Preis für den Wein („die Leute trinken nicht mehr, das ist ein Problem“) bis zur Programmgestaltung, mit der neue Gäste gewonnen und Stammgäste nicht verloren werden sollen. Dann gibt es da auch noch den digitalen Raum, der sich bekanntlich immer weiter ausdehnt und ins Unendliche führt. Der analoge Veranstaltungsort selbst hat es ebenfalls in sich! „Wie präsentieren wir uns als Haus“, fragt Benno Hennig von Lange vom Jungen Literaturhaus in Frankfurt am Main, „damit die Leute Bock haben, auch wiederzukommen?“ Am schönsten wäre es wohl, meinte er, so ein Literaturhaus von morgens bis abends offen zu halten.
„Vielleicht alles über Bord werfen“
Weiter gibt es die Beobachtung, dass manche Autorinnen und Autoren „vom Honorar her nicht mehr erreichbar seien“. Jedenfalls nicht für die Mehrzahl der Plattformen. Damit verbunden ist die Frage: „Was können die kleineren und mittleren Veranstalter und Veranstalterinnen dem »Starkult« der großen Festivals und Agenturen entgegensetzen?“ Bei alledem platzt dann auch mal eine grundsätzliche Überlegung heraus. So meinte ein Teilnehmer aus Freiburg: „Vielleicht müssen wir alles über Bord werfen!“
Erfreulich ist das Redebedürfnis in den durchweg sehr gut besuchten Panels. Da reicht die Zeit oft nicht einmal aus, um alle Fragen einzusammeln. Ganz zu schweigen von den ersehnten Antworten. Exemplarisch war dies der Fall bei einer Runde unter dem doch scheinbar unspektakulären Titel „Teilen, was da ist – Die begehrte Ressource Raum“. Dass es keine geringe Herausforderung ist, Räume in etablierten Häusern an externe Anbieter zu vermieten, wurde dabei offenbar.


Unerwünschte Hochzeitsgäste
Da gibt es viele organisatorische Kniffligkeiten, was einen gewissen Personalbedarf zur Folge hat. Auch möchte man nicht jedwedem Interessenten den Schlüssel überlassen. Besonders skurril das Beispiel von der Monacensia in München, die ein Archiv, eine Bibliothek und ein Museum beherbergt. Leiterin Anke Buettner stellte fest, dass es zu „feindlichen“ Übernahmen durch die Nachbarschaft in Bogenhausen gekommen sei. Plötzlich habe es dort Hochzeiten gegeben, von denen die Leitung nichts gewusst hatte, und es wurden Kindergeburtstage gefeiert.
Solche Überraschungen hat das Literaturhaus Köln mit seinen Vermietungen noch nicht erlebt. Gleichwohl bekannte Leiterin Bettina Fischer, dass unter den bislang 45 extern organisierten Veranstaltungen im Literaturhaus auch solche gewesen seien, die man nicht ins offizielle Programm aufgenommen hätte. Angebote wie „Klimbim, Klamauk und Comedy“. Immerhin – als Haus sei man an all dem in keiner Weise beteiligt, nicht bei der Werbung und nicht bei der Finanzierung.
Stadtbibliothek Köln lädt ein
Generell scheint die Raum-Situation in Köln recht entspannt zu sein. Anja Flicker, seit einem Jahr Direktorin der Stadtbibliothek Köln, lud gar dazu ein, über die Nutzung „ihrer“ Bibliotheksräume – zumal in den Stadtteilen – ins Gespräch zu kommen: „Ich würde sehr gerne mit Euch den Weg anfangen zu gehen, damit wir in zehn Jahren sagen können, das alles sei doch längst historisch gewachsen.“
Schließlich versicherte Nadine Müseler, Literaturreferentin der Stadt Köln, dass sich die nicht-kommerzielle und mietfreie „Zwischennutzung“ am Ebertplatz bestens entwickelt habe. Seit acht Jahren schon sei das ein Ort, „wo man ganz viel machen kann“. Wesentlich für den Erfolg sei das Platzmanagement und eine Arbeitsgruppe, die beim „Eingrooven“ in das Konzept behilflich sei. Das Ganze in den Augen von Nadine Müseler: „Eine Perle.“
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir über die Eröffnung von „kindly invited“ HIER berichtet.
Das Festival
findet noch bis einschließlich Sonntag in der Comedia in der Vondelstraße in Köln statt.