
Die Anthologie „Die Stadt ist wie ein ungeheures Buch – Ansichten von Köln“, so sagte es der Literaturkritiker Michael Kohtes bei der Buchpremiere im Interim der Kölner Stadtbibliothek, gehöre „in jede Kölner Hausapotheke“. Gabriele Ewenz, die den Band mit Stadtbildern von Dieter Wellershoff herausgegeben hat, nahm es mit Wohlwollen zur Kenntnis. Die Leiterin des Heinrich-Böll-Archivs und des Literatur-in-Köln-Archivs (LiK) hat die Sammlung anlässlich des 100. Geburtstages des Kölner Schriftstellers zusammengestellt (worauf wir auf diesem Blog bereits HIER eingegangen sind).
Verlagsort Düsseldorf
Dabei handelt es sich um die erweiterte Neuausgabe des Buchs „Pan und die Engel“, das 1990 in Dieter Wellershoffs Kölner Hausverlag Kiepenheuer & Witsch erschienen ist. Warum diese Fortschreibung zum Jubiläum nicht bei KiWi erschienen sei, sondern im Düsseldorfer Lilienfeld Verlag, wollte Michael Kohtes wissen. Kiepenheuer & Witsch habe „kein großes Interesse“ gehabt, antwortete Gabriele Ewenz: „Das ist bedauerlich, aber es ist so.“
Umso erfreulicher sei die Bereitschaft von Lilienfeld gewesen, sich der Sache anzunehmen. Mit welchem Engagement der Verlag aus der Landeshauptstadt bei der Sache ist, ließ sich auch daran ablesen, dass – wenn wir richtig gezählt haben – gleich fünf Mitarbeitende in der ersten Reihe saßen. Verleger Axel von Ernst war auch darunter. Immerhin – zur Ehrenrettung von Kiepenheuer & Witsch sei gesagt, dass der Verlag im Jubiläumsjahr einen Erinnerungsband von Peter Henning beigesteuert hat.
Kölnische Spitze
Gemeinsam mit Gabriele Ewenz und Michael Kohtes saß der Literaturkritiker Hajo Steinert auf dem Podium, das vom LiK-Archiv und der Buchhandlung Klaus Bittner organisiert worden ist. Engagiert pries Hajo Steinert das Werk des Autors, berichtete von persönlichen Begegnungen, die 1985 mit einem Interview für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ einsetzten, und vermittelte eine gewisse Zufriedenheit darüber, dass sie beide in der Kölner Südstadt wohnten. Er wagte die These: „Kölnischer als Dieter Wellershoff kann man sich keinen Kölner Autor vorstellen.“ Zwar sei er in Neuß geboren, am 3. November 1925, aber habe immerhin 58 Jahre, bis zu seinem Tod, in Köln gelebt; auch habe er aus seiner Begeisterung für den Kölner Dom nie einen Hehl gemacht.
Gabriele Ewenz nutzte die Bühne, um auf die Qualität der Köln-Betrachtungen einzugehen. Diese seien sehr subtil und stimmungsvoll. Dieter Wellershoff schreibe die Stadt nicht schön, sondern verweise auf die Zerstörung durch den Krieg, auf die Brüchigkeit. Doch niemals ziehe er über Köln her, schon gar nicht mit der Wut eines Rolf Dieter Brinkmann. Reizvoll findet Gabriele Ewenz, was Dieter Wellershoff nicht berücksichtigte. So habe er die Besetzung des Stollwerck-Geländes von 1980 nie erwähnt. Dabei handelte es sich um die größte Hausbesetzung in der Geschichte der Stadt. Zudem ereignete sich diese, möchte man hinzufügen, in der südstädtischen Nachbarschaft.
Von fern tönen die Domglocken
Gabriele Ewenz rühmte zudem den kunsthistorisch geschulten Blick auf Kirchen und Kunstwerke. Weiter verwies sie auf das Engagement des Schriftstellers für die Stadtteilbibliothek Haus Balchem und für die Anpflanzung von Bäumen. Dass es sich dabei sowohl um Robinien als auch um Platanen handelte, konnte Irene Wellershoff, eine Tochter des Schriftstellers, aus dem Publikum heraus klarstellen.
Wie es klingt, wenn Dieter Wellershoff über Köln, die Südstadt und seine Wohnung spricht? Hier eine Kostprobe aus dem Jahr 1985, nachzulesen in dem neuen Lesebuch: „Obwohl das eine Großstadtwohnung ist, die noch im näheren Umkreis der Kölner Innenstadt liegt, ist es erstaunlich still hier. In meinem Arbeitszimmer höre ich keinen Lärm, sondern nur ausdrucksvolle, man könnte auch sagen erzählerische Geräusche. Wenn der Wind entsprechend steht, höre ich nachts die Güterzüge über die Südbrücke rollen, bei Nebel tuten auf dem Rhein die Lastschiffe wie riesenhafte Seekühe, die einander anmuhen. An hohen kirchlichen Feiertagen tönen von fern die Domglocken herüber und aus der Nähe die von St. Severin. Sonntagmorgens bimmelt das helle Glöckchen des Karmeliterinnenklosters und ruft ein paar Hausnummern weiter die kleinen alten Nonnen zur Andacht, denen ich häufig in der Straße begegne. Und eine Zeitlang waren in den Sommernächten aus einem der Nachbarhäuser die völlig selbstvergessenen Liebesschreie einer Frau zu hören, die einen mit wahrer Lebensandacht erfüllen konnten.“
Ein Platz für den Schriftsteller
Ja, Dieter Wellershoff war mit der Südstadt aufs Engste liiert, ohne einer Südstadt-Verklärung zu verfallen. So erinnerte Hajo Steinert an die Initiative, das inoffiziell so genannte „Eierplätzchen“ in der Nähe der ehemaligen Wohnung ganz offiziell zum Dieter-Wellershoff-Platz zu erklären. Einschlägige Bedenken, die wegen eines möglicherweise erfolgten, aber nicht geklärten Eintritts in die NSDAP aufgekommen waren, hatte zuletzt auch das NS-Dokumentationszentrum der Stadt zurückgewiesen.
Das letzte Wort hatte dann noch einmal Dieter Wellershoff. Michael Kohtes las das Finale aus dem Aufsatz „Pan und die Engel“ von 1990. Es ist eine Summa mit einem hohen Vitamin-C-Gehalt für die Stadt Köln: „Wir leben nicht nur in der Gegenwart, und gegenwärtig ist nicht nur das Heute. Jedenfalls nicht in dieser sehr alten Stadt, die immer unsentimental, ja oft brutal mit ihrer Vergangenheit umgegangen ist, weil sie so viel Vergangenheit hat, und die gewiss so modern und zukunftsorientiert ist wie jede andere Großstadt vergleichbarer Größe. Eins jedenfalls ist sicher, nicht der eindimensionale technokratische Modernismus hat gesiegt, sondern überall scheinen Symbiosen aus Altem und Neuem zu entstehen, und vieles spricht dafür, dass in diesen Mischungen die Potenzen der Zukunft liegen.“
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir zuletzt HIER zusammengestellt, welche Neuerscheinungen in diesem Jahr zu Dieter Wellershoff erschienen sind. Darunter die große Monographie „Krise und Utopie – Dieter Wellershoff – Leben und Werk“, die Markus Schwering im Böhlau-Verlag veröffentlicht hat.
Die Bemühungen, das „Eierplätzchen“ zum Dieter-Wellershoff-Platz zu erklären, haben wir HIER dargestellt.
Dieter Wellershoff: „Die Stadt ist wie ein ungeheures Buch – Ansichten von Köln“, hrsg. von Gabriele Ewenz, Lilienfeld Verlag, 328 Seiten, 24 Euro. E-Book: 18,99 Euro.
