Merci Paris (2): Die Spur der Literatur führt von Victor Hugos Salon zur Buchhandlung im neunten Land

Weiter geht es durch Paris. Nach der Auftaktfahrt im Linienbus widmen wir uns nun einigen literarischen Orten in der Stadt. Wir gehen die Sache so zufallsgetrieben an, wie es sich beim Flanieren ergibt. Kurzum: die Auswahl ist wieder einmal nichts als subjektiv.

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Victor Hugo an der Place des Vosges: Léon Bonnats Porträt des Schriftstellers als schon etwas älterer Mann ist als Replik von Daniel Saubès ausgestellt. Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Hausbesuch beim Großmeister

An der Place des Vosges besteht die Möglichkeit zum Hausbesuch bei Victor Hugo (1802–1885). Auf den Schöpfer des „Glöckner von Notre Dame“ oder von „Les Misérables“ trifft man an vielen repräsentativen Orten, auch in der Nationalversammlung im Palais Bourbon und im Senat im Palais du Luxembourg, denn er war eine Weile als Abgeordneter und anschließend als Senator aktiv. Doch hier, im zweiten Stock des „Maison de Victor Hugo“, wohnte er von 1832 bis 1848 auf über 200 Quadratmetern. Die Räume sind prall gefüllt mit dem Mobiliar aus der Zeit des Schriftstellers, stammen also nicht zwingend alle aus seinem Nachlass. Zudem gibt es jede Menge Büsten, Bücher, Bildnisse. Aktuell und noch bis Ende April 2026 ist die Sonderausstellung „Hugo décorateur“ zu sehen. Wie sehr sich der Dichter für die Gestaltung seines Wohnraums engagierte, unterstreichen nicht zuletzt der eigenwillige Rote und der Chinesische Salon, das Speise- und das Arbeitszimmer. (6 Place des Vosges)

Das „Maison de Balzac“, das nur am Rande, lohnt ebenfalls einen Hausbesuch.  Es ist kein gar so repräsentatives Gebäude, aber führt blendend ein in das Werk des Honoré de Balzac. Noch bis in den März hinein läuft hier eine Sonderausstellung, die sich den Mühen der künstlerischen Schöpfung zuwendet; da geht es nicht nur um den Hausherrn, sondern auch um Kollegen der bildenden Kunst wie Picasso und Rodin. Das Balzac-Haus bietet einen kleinen Garten, von dem der Blick auf den Eiffelturm fällt. (47 rue Raynouard)  


Anne Franks Kastanienbaum und das Literaturhaus

Im „Jardin Anne Frank“, abgehend von der Rue Beaubourg schräg gegenüber dem derzeit wegen einer umfassenden Sanierung geschlossenen Centre Pompidou, erinnert ein Kastanienbaum an die von den Nazis ermordete Anne Frank. Angeblich handelt es sich um einen Ableger jenes Baums, auf den sie in Amsterdam so gerne geschaut hat. Gleich daneben die „Hommage à Paul Celan“ des Berliner Künstlers Alexander Polzin von 2016. Zu sehen ist eine sich rücklings krümmende Männergestalt, daneben eine aufrechtstehende Frauenfigur. Dazu ein Gedicht des Lyrikers, der in Paris gelebt hat und hier auch in den Tod gegangen ist: „Nachmittag mit Zirkus und Zitadelle“. (14 impasse Berthaud)

Nur vier Gehminuten entfernt befindet sich das „Maison de la poésie – Scène littéraire“. Das Literaturhaus setzt nicht auf Pomp und Prunk, die in der Stadt zur Genüge anzutreffen sind, sondern wirkt knuffig-bescheiden. Mitten im Marais bietet es in der Passage Molière hinter dunkelblauem Entrée eine „petit bar“ und ein dichtes Programm. Das Haus will ein Ort sein, „der sowohl Menschen anspricht, die immer ein Buch in der Tasche haben, als auch jene, die den Text auf andere Weise entdecken werden – durch die Bühne, die Stimme, die Musik, das Bild …“ (Eingang zur Passage: 157 rue Saint-Martin)


Im Schatten des Panthéon liegt die Buchhandlung Pedone. Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Buchhandlungen für viele Geschmäcker

Die „Librairie Comme Un Roman“, seit 2001 gleich neben dem Marché des Enfants Rouges zuhause, ist nur eine der sehr vielen gut sortierten Buchhandlungen der Stadt. Zwar ist ihre Zahl auch in Paris zurückgegangen. Doch immer noch sind sie unübersehbar im Straßenbild. Die wohl bekannteste Buchhandlung ist „Shakespeare and Company“, die regelmäßig gefeiert wird und auf die wir hier nicht näher eingehen. Auffällig sind die vielen Spezialbuchhandlungen – für Esoterik, für „fremde“ Sprachen, für das Recht und für die Kunst, für Geschlechtsspezifisches, Comics, Krimis und so weiter. „Comme un roman…“ ist nur eine Buchhandlung unter Hunderten. Aber eine gute. (39 rue de Bretagne)

Ein paar Spezialitäten gefällig? Die „Librairie Pedone“ wurde 1838 gegründet und ist seit den 1860er Jahren auf juristische Texte spezialisiert. Im Schatten des Panthéon werden unter dem Label „Éditions A. Pedone“ auch eigene Bücher veröffentlicht. Ein Mitarbeiter macht uns aufmerksam auf den polnisch-jüdischen Juristen Raphael Lemkin, mit dem man in den 1930er Jahren zusammengearbeitet habe. Angesichts der nationalsozialistischen Verfolgung von Jüdinnen und Juden habe der Autor 1944 den Begriff „Genozid“ erstmals öffentlich eingeführt. Sein Buch „Axis Rule in Occupied Europe“, das zunächst in den USA veröffentlicht worden ist, liegt in einer aktuellen französischen Ausgabe vor – selbstverständlich auch in dieser Buchhandlung. (13 rue Soufflot)


Buchhandlung „Le neuvième Pays“ in der Rue Bonaparte Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Deutschsprachiges auf der Rive Gauche

Noch nicht so lange im Geschäft ist die Buchhandlung „Le neuvième Pays“. Sie wurde 2023 von Sophie Semin-Handke auf der Rive Gauche eröffnet. Damit wurde eine Lücke geschlossen, denn eine deutsch-französische Buchhandlung gab es zu dem Zeitpunkt nicht mehr in der Stadt. Sophie Semin-Handke bittet um Nachsicht: An diesem Morgen sei es ein wenig unordentlich in der Librairie, weil am Abend zuvor eine stark besuchte Lesung mit Jenny Erpenbeck stattgefunden habe. Das heißt doch wohl: die Buchhandlung hat sich als literarischer Ort etabliert.

Das bilinguale Angebot ist hier die Attraktion. Im ersten Raum französischsprachige, im zweiten Raum deutschsprachige Literatur in guter Auswahl, auch Antiquarisches. Vor allem: Peter Handkes Werke liegen in schöner Fülle vor. Der Name der Buchhandlung bezieht sich auf „das neunte Land“, das auch in einem Romantitel von Peter Handke auftaucht. Es bezeichnet einen Sehnsuchtsort. (84 rue Bonaparte)


Die „Halle Saint Pierre“ am Fuße des Montmartre Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Die Kunst, Dinge zu werfen

Am Fuß des Montmartre, im 18. Arrondissement, liegt die „Halle Saint Pierre“. Die ehemalige Markthalle, erbaut im Jahre 1868, bietet einen schönen Raum mit deckenhohen Fenstern und stählernem Gerüst. Er wird jetzt genutzt vom „Musée d‘Art Brut et Art Singulier“, einem Café mit schönen Tischen und einer Buchhandlung mit einem exquisiten Spezialprogramm. Dort gibt es reichlich Literatur zur Art brut, aber auch viele Angebote jenseits des Mainstreams.

„L’art de lancer des choses“ (Die Kunst, Dinge zu werfen) fällt uns als erstes in die Hände. Auch sehr schön sind die Bücher, in denen die Seiten noch aufgeschnitten werden müssen. Selbst das schmale, nur 38 Seiten füllende Werk, in dem Paul Gauguin seine Notizen zur Weltausstellung von 1889 festgehalten hat, bedarf eines Papiermessers. Darin stellt er fest, die Ausstellung sei der Triumph des Eisens – nicht nur in Bezug auf die Maschinen, sondern auch auf die Architektur. Schon schaut man sich um in der Halle, in dessen Architektur ebenfalls das Eisen triumphiert, und geht mit den „Notes zur l’art à l’Exposition universelle de 1889“ zur Kasse. (2 rue Ronsard)


Die Fassade des „Institut du Monde Arabe“ ist ein Hingucker. Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Arabien und Judentum

Im „Institut du Monde Arabe“, das vor bald 40 Jahren eröffnet wurde und äußerlich weiterhin gut in Schuss ist, bietet die Buchhandlung im Erdgeschoss einen sehr guten Überblick zu Neuerscheinungen mit arabischen Themen. Aktueller Schwerpunkt ist Palästina. Wenn wir schon mal hier sind: einen guten Blick auf Paris bietet die Dachterrasse, die erreicht, wer auf dem Gang zum Restaurant „Dar Mima“ scharf links abbiegt. (1 rue des Fossés Saint-Bernard)

Das historische jüdische Viertel, das „Pletzl“, erstreckt sich rund um die Rue des Rosiers im Viertel Marais. Am „Parvis des 260 Enfants“, gleich an der Ecke zur Rue des Rosiers, befindet sich die Buchhandlung „Librairie du Temple“. Auf schmalen Pfaden streift die Kundschaft vorbei an Schränken, Tischen und Regalen, die reich beladen sind mit Literatur zur jüdischen Religion und Geschichte. Das Spektrum reicht vom Talmud-Studium bis zur Antisemitismus-Debatte unserer Tage. Auch religiöse Objekte sind im Angebot: Lampe und Leuchter, Kerze und Kippa. (1 rue des Hospitalières Saint Gervais, Ecke Rue des Rosiers)

Martin Oehlen

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Noch mehr literarischen Spuren

folgen wir in einem Beitrag über einige herausragende Bibliotheken der Stadt. Demnächst in diesem Programm.

Auf diesem Blog

haben wir zum Start unseres Pariser Herbstes eine Busfahrt quer durch die Stadt unternommen (HIER).

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