
Zugegeben – Paris ist ein besonderer Ort. Ach so, das ist schon bekannt? Dann können wir gleich auf Günter Grass (1927-2015) zu sprechen kommen, dem das dortige Goethe-Institut eine kleine Ausstellung widmet. Im Jahre 1956 zog der deutsche Schriftsteller und bildende Künstler mit der Schweizer Tänzerin Anna Schwarz (geboren 1932) in die französische Hauptstadt. Das Paar, das zwei Jahre zuvor geheiratet hatte, bliebt dort bis 1960. Und „besonders“, um auf diese Vokabel zurückzukommen, war der Aufenthalt für die beiden gewiss.
Heimstatt der „Blechtrommel“
Das bestätigt jedenfalls die Wanderausstellung „Anna & Günter Grass – Die Pariser Jahre des Künstlerehepaars“. Horst Monsees hat die Erinnerungsschau im Auftrag der Bremer Günter Grass Stiftung konzipiert. Erste Station: Paris. Vor wenigen Tagen wurde sie im Goethe-Institut in der Avenue d’Iéna eröffnet. Dort ist sie noch bis zum 28. Oktober 2025 auf zwei Etagen zu sehen.
„Paris wird wegweisend für die Wechselwirkung ihrer Künste“, heißt es auf einer der roséfarbenen Schrifttafeln. Grass habe durch Schwarz ein Faible fürs Ballett entdeckt, sie sei ihm in die bildende Kunst gefolgt. Aber für literarisch interessierte Kreise ist entscheidender, dass in Paris, zumal in der Avenue d’Italie 111 im 13. Arrondissement, ein Hauptwerk der bundesdeutschen Nachkriegszeit entstanden ist: der Roman „Die Blechtrommel“ aus dem Jahr 1959.


„In Paris wurde ich zusehends politischer“
Zudem gibt der Autor, der als engagierter Zeitgenosse hinlänglich bekannt geworden ist, selbst zu Protokoll: „In Paris wurde ich zusehends politischer.“ Es war die Zeit des Algerienkriegs, der 1954 begann und 1962 mit der Unabhängigkeit Algeriens von der Kolonialmacht Frankreich endete. Auch in Paris gab es heftige Auseinandersetzungen. Als Charles de Gaulle 1959 „an die Macht“ kam, wie es in der Ausstellung heißt, habe auch Günter Grass demonstriert. Nach einer Polizeirazzia sei er 24 Stunden lang in Haft gewesen: „Ich lernte, die Knüppelgewalt der Polizei zu fürchten.“
Es sei „in diesen Tagen“ gewesen, erfahren wir weiter, „dass der Autor „endlich den ersten Satz seines Romans ‚Die Blechtrommel“ gefunden habe: „Zugegeben …“ Die Schreibmaschine, auf der er ihn festhielt – ein Geschenk zur Hochzeit – ist in einer Vitrine zu besichtigen. Bei der Olivetti handelt es sich um eine Leihgabe von Bruno Grass, dem jüngsten der vier gemeinsamen Kinder. Weiter bietet die Schau Videos und Töne, auch einige Gemälde von Anna Grass, darunter Porträt und Selbstporträt.
„Dazu reichte sein Französisch nicht“
Überhaupt legt die Ausstellung einen starken Akzent auf Anna Grass. Sie sagt: „Ich war gerne in Paris, bewegte mich in einer anderen, mir vertrauten Sprache, fand mich in einem anderen Ich.“ Das Leben an der Seine schien ihr leichter und leichtfüßiger zu sein als an der Spree. „In Berlin gab es Kohl und Mohrrüben in den Gemüseläden, hier gab es alles auf dem Markt. Und es gab die Vielfalt an Menschen und anderen Sprachen.“ Auch ihr Ehemann habe das Sinnliche auf den Straßen genossen. „Mit den einfachen Leuten konnte er gut reden. Aber er hätte keinen ernsthaften Diskurs mit Pariser Intellektuellen führen können, dazu reichte sein Französisch nicht.“
Das Paar hatte große Ziele. „Wir haben uns versprochen, dass wir uns nie trennen würden“, sagt Anna Grass. Aber wer weiß denn schon, was das Schicksal in petto hat! Die Ehe wurde 1978 geschieden. Freilich bleibt Paris ein Kapitel in den Biografien von Anna und Günter Grass, das besonders ist.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir über die Bank, auf der Günter Grass und sein „Blechtrommel“-Held Oskar Matzerath in Danzig sitzen, HIER berichtet.
Die Ausstellung
im Goethe-Institut Paris ist bis zum 28. Oktober zu sehen. Sonntags geschlossen. Adresse: 17 avenue d’Iéna, 75116 Paris. Eintritt frei.
Sind Sie schon wieder oder noch immer in Paris? (Sie müssen keineswegs antworten, ich bin nur verblüfft.) Viele Grüße!
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Immer noch – aber leider nicht mehr lange. Herzliche Grüße zurück, M. Oe.
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