Bis zum 5. September wird der Gelbe Pavillon auf dem Kölner Neumarkt mit einem Kulturprogramm bespielt. Ein Schwerpunkt von „Nimm Platz“: das tägliche Literaturangebot. Schon einige Male haben wir darüber berichtet (die Links gibt es am Ende des Beitrags). Nun folgen Anmerkungen zu einigen der jüngsten Lesungen.
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Maren Gottschalk: „Viva la vida“
Die Autorin hat einen Koffer mitgebracht. Darin ihre drei Romanbiografien über Frida Kahlo, Margarete Steiff und Tania Blixen. Doch an diesem Spätnachmittag geht es nur um „Frida“. Auch eine Kasse hat Maren Gottschalk dabei. Aber wo ist der Schlüssel? „Eine Kasse ohne Schlüssel ist unpraktisch“, raunt sie und eilt noch einmal in den Backstage-Bereich. Dann geht es los. Und wie.
Souverän und mit Elan präsentiert Maren Gottschalk einige Szenen aus dem Leben der Frida Kahlo (1907-1954). Das ist ganz in der Tradition der mexikanischen Malerin, die noch auf einem ihrer letzten Gemälde die Losung „Viva la vida“ in eine Melone schrieb. Dieser Lebenswille sei es auch, der den anhaltenden Kult um Frida Kahlo befeuere, meint Maren Gottschalk. Trotz Krankheit und trotz einer schwierigen Ehe mit dem Maler Diego Rivera habe sie sich nicht unterkriegen lassen. Zudem habe sie „sich selbst erfunden“ – auch mit einer Mode nach ganz eigenem Geschmack. Die populäre Variante des Kultes ist Maren Gottschalk vertraut: „Sie können sich nicht vorstellen, was bei mir zuhause an Frida-Kahlo-Kram herumliegt.“ Nicht wenige ihrer Gäste, die vor dem Besuch Ausschau nach einem Mitbringsel halten, werden in diesem Segment fündig. „Ja, ich freue mich darüber, aber jetzt ist es auch gut.“

Über Frida Kahlo hatte Maren Gottschalk zunächst eine Biografie veröffentlicht: „Die Farben meiner Seele“ (2010). Zehn Jahre später folgte „Frida“, die Romanbiografie. Sie liebe es zu recherchieren, sagt die Autorin, und was ihr Roman an Fiktivem biete, liege dicht bei den Fakten. Eine schöne Verlockung sei es zudem, dass man in so einem Werk die Hauptfigur an Orte schicken könne, die man selbst gerne aufgesucht hätte. So lässt sie Frida Kahlo ein in Rot und Schwarz getauchtes Ladenlokal von „Elizabeth Arden“ in New York aufsuchen.
Am Ende der Lesung ist der Tisch der Autorin umlagert. Der Koffer wird bei der Heimkehr um ein paar Bücher leichter gewesen sein. Und wie gut, dass der Kassenschlüssel noch gefunden wurde.
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Georg Smirnov: „Schmerz, Wut und Trauer“
Der Lyrikband „Zurichtungen“ zielt auf die Familie des Autors. Es ist eine Reise aus dem Osten in den Westen, aus der Diktatur in die Demokratie, aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Georg Smirnovs Großeltern stammen aus der Ukraine, geboren wurde er 1981 in Russland, und aufgewachsen ist er in Kirgistan. Im Alter von acht Jahren ist er mit seiner „russland-deutschen“ Familie in die Bundesrepublik emigriert. Migration und Integration sind seine Themen.
Zumal die Traumata der Vergangenheit wirken in seinen Gedichten fort, der Nationalsozialismus und der Stalinismus, die Suche nach dem „neuen Menschen“, der doch nicht erschaffen werden konnte. All das packt er aus in einer „harten“ und „körperlichen“ Sprache, wie das spürbar gebannte Publikum in der Fragerunde feststellt.

Georg Smirnov hatte zuvor schon im Gespräch mit Moderatorin Marie Foulis einige Einblicke in sein Schreiben gegeben. Das sei geprägt von diversen Gewalterfahrungen, sagt er. Schon früh habe sein Leseinteresse den Autoren gegolten, die sich mit dem Schmerz befasst haben – Majakowski, Rimbaud, Trakl, Celan. Sein eigenes Schreiben werde geleitet von „Schmerz, Wut und Trauer“. Das müsse man nicht so machen. Andere Autoren, die sich mit postsowjetischen Themen befassten, hätten sich für den Humor entschieden. Vielleicht sei auch er eines Tages dazu fähig. Aber jetzt noch nicht.
Wo seine Heimat sei, könne er nicht sagen. Sie liege zum Teil im Osten, zum Teil im Westen. Aber wohnhaft ist er in Köln. In einer Stadt, in der – wie er meint – „literarisch viel los“ sei. Hier ist er als Dokumentar beim NS-Dokumentationszentrum beschäftigt. Und hier schreibt er an seinem nächsten Gedichtband: „Richter und Königinnen“.
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Anke Glasmacher: Die Grenzen der Kunst
Ganz in Blau präsentiert sich der Gelbe Pavillon beim Auftritt von Anke Glasmacher. Die Lyrikerin ist mit ihren Büchern „Der Buchstabe Blau“ und „Zur Stunde Blau“ zu Gast. Was es mit der Farbe auf sich hat? Zum einen sei Blau in der Kunst sehr vertraut, wie Anke Glasmacher sagt, in der Dichtung wie in der Malerei. Daher habe sie einmal erkunden wollen, was sie selbst der Farbe abgewinnen könne. Zum anderen sehe sie Farben, wenn sie an Buchstaben und Zahlen denke. Die Ziffer 4 entspreche in etwa dem Blau, und wenn es ums Gelb gehe, assoziiere sie damit ein I oder – aber das sei dann schon eher ein Gelborange – ein E .
Anke Glasmachers Lyrik ist mit der Tagesaktualität, die wir erfahren, eng verbunden. Die Flutkatastrophe im Ahrtal kommt darin vor. Und auch der russische Überfall auf die Ukraine. Allerdings haben sich bei der Lyrikerin Zweifel eingenistet. Der Lauf des Weltgeschehens sei mittlerweile so schnell, bekennt sie, dass man kaum noch Schritt halten könne. Da gelange sie mit ihrem Versuch, die Politik lyrisch zu erfassen, an ihre Grenzen.

Wenn sie also den Krieg erwähne, dann erscheine ihr das „völlig oberflächlich“ zu sein, weil sie diesen doch nur aus der sicheren Distanz wahrnehme. Da ist einerseits etwas dran. Andererseits – möchte man erwidern – ist auch die hiesige Zeitzeugenschaft von Bedeutung. Also – wie man in Deutschland denkt und fühlt, wenn es in der Ukraine um Leben und Tod geht. Um dies zum Ausdruck zu bringen, ist die Literatur ein guter Ort.
Anke Glasmacher liest an einem Tag, an dem der Brunnen auf dem Neumarkt nicht sprudelt. Aus unbekanntem Grund. Stattdessen gibt es reichlich Regen aus den tiefhängenden Wolken. Das Publikum hat sich davon nicht abhalten lassen: die Reihen sind auch diesmal gut besetzt. „Der Gelbe Pavillon hebt den Platz um einiges“, sagt die Autorin ins Mikrophon. Und er tat es diesmal ganz in Blau.
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Thea Mantwill: „Das ist ein wilder Ritt“
Thea Mantwill, 1990 in München geboren, hat an der Kunstakademie in Düsseldorf studiert. „Ausgerechnet Bildhauerei“, sagt sie. „Dabei kann ich nicht einmal einen Nagel gerade in die Wand schlagen.“ Dann hat sie den Weg zur Literatur gefunden, ohne die Bildende Kunst aufzugeben. Für ein Ausstellungsprojekt im Düsseldorfer KiT (Kunst im Tunnel), das „eine betretbare Geschichte“ erzählen wollte, schrieb sie eine Künstlerinnennovelle. Ob das ein neues Genre der Kunsthochschule für Medien in Köln sei, fragte später eine Zuhörerin. Aber nein, das sei nicht der Fall.
„Glühfarbe“ spielt im Jahr 2025, in einer fernen Zeit, in der sich die gesellschaftlichen Probleme weiter verschärft haben. Es ist die Geschichte eines Paares, das in prekären Verhältnissen in einer Fabrik lebt. Während die Erzählerin zunächst von Apathie geplagt wird, bemüht sich der Mann um einen Job. Eines Tages hat er Erfolg: Er wird angestellt als „Ampelclown“ – das ist eine Tätigkeit, wie die Autorin erläutert, mit der man aktuell in Köln viel Geld verdienen könne. Dann sieht auch die Ich-Erzählerin plötzlich Land, als sie mit ihren Fotografien Aufmerksamkeit erzielt: „Die Fotos gehen viral, weil die Leute nicht wissen, ob sie gestaged sind oder ob jemand wirklich so lebt.“

Thea Mantwill hat die erste Ausgabe von „Glühfarbe“ für die Ausstellung in einer Auflage von 50 Exemplaren selbst gestaltet. Wie andere Bücher auch, die sie dem Publikum zur Ansicht reicht. Mittlerweile ist ihre Novelle, für die sie 2023 das Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln erhalten hat, im März-Verlag erschienen. Wie ihr das Kunststück gelungen sei, einen etablierten Verlag zu überzeugen, will ein Zuhörer wissen. Das verrät die Autorin gerne.
Zunächst habe sie „stumpf“ eine Liste mit Verlagen und Literaturagenturen aufgestellt. Als sie dann entdeckt habe, dass viele davon ihre E-Mail-Adresse für Einsendungen angeben, sei sie „ein sehr glückliches Pony auf einer grünen Wiese“ gewesen. Ihre Anschreiben habe sie mit Hinweisen versehen, welche Autorinnen und Autoren sie im jeweiligen Verlagsangebot besonders interessierten. Allerdings habe sie da nichts vorgetäuscht. „Ich kann ja nicht einmal Kurzstrecke schwarzfahren.“ Die Anmerkungen zum Programm seien offenbar gut angekommen. Der März-Verlag habe jedenfalls angebissen. „Seitdem ist das ein wilder Ritt.“
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir über die diesjährige Eröffnung von „Nimm Platz“ HIER berichtet (inklusive des kompletten Leseprogramms).
Der Auftritt von Ulrike Anna Bleier ist HIER nachzulesen.
In einer ersten Sammelbesprechung sind wir auf die Lesungen von Julius Vapiano, Claus Daniel Herrmann, Jan Schillmöller, André Patten und Sehnaz Dost HIER eingegangen.
„Nimm Platz“
ist ein gemeinsames Projekt der Kölner Kulturverwaltung und der Freien Kulturszene in Köln.