
In Barbara Kingsolvers Roman „Die Unbehausten“ bleibt im wahrsten Sinne des Wortes kein Stein auf dem anderen. Im Elternschlafzimmer der Familie Knox-Tavoularis fällt der Putz von der Decke. Die Wände des Kinderzimmers weisen zentimeterbreite Risse auf; auch der Rest des Hauses in der East PlumStreet 744 ist weitgehend unbewohnbar. „Das Einfachste wäre, es abzureißen“, erklärt ein Bauingenieur den entgeisterten Besitzern. Willa Knox und ihr Ehemann Iano Tavoularis haben das baufällige Gebäude von einer Tante geerbt. Es stammt noch aus der Gründerzeit von Vineland, einer Kleinstadt in New Jersey. Inzwischen ist es kaum mehr als eine Ruine.
„Alles richtig gemacht“
Der Zustand des Hauses symbolisiert den wirtschaftlichen Niedergang einer amerikanischen Mittelstandsfamilie, „die im Leben alles richtig gemacht“ hat und dennoch auf keinen grünen Zweig kommt. Willa findet keinen neuen Job, seit die Zeitschrift, für die sie viele Jahre als Redakteurin gearbeitet hat, eingestellt wurde. Iano hangelt sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten. Der Politikwissenschaftler ist seit Jahren auf der Suche nach einer Festanstellung und zieht mit der Familie von Universitätsstadt zu Universitätsstadt – ein „gebildeter Nomade“ wider Willen wie viele Akademikerinnen und Akademiker in den USA.
Schonungslos zeigt Barbara Kingsolver auf, wo es hakt in der US-amerikanischen Gesellschaft. Da ist Willas schwerkranker Schwiegervater, der durch die Maschen des staatlichen Gesundheitswesens fällt. Tochter Tig hat ihr Biologiestudium abgebrochen, weil, wie sie sagt, der Klimawandel ohnehin alle Zukunftspläne zunichte zu machen drohe. Die Generation der Eltern trage daran eine Mitschuld, wirft sie der Mutter vor. Jene habe „ihr ganzes Leben in dem Glauben gelebt, dass die Speisekammer nie leer wird“, und sei nun unfähig umzudenken.
Maßhalten wird zu einem Muss
Die junge Frau steht für ein Amerika, das sich abwendet vom kapitalistisch geprägten Fortschrittsglauben der Vorgängergenerationen und in eine Zukunft blickt, in der Maßhalten ein Muss ist, um zu überleben. „Freunde werden wahrscheinlich wichtiger sein als Geld, denn zu viele Dinge haben zu wollen, wird toxisch sein“, erklärt Tig der Mutter. „Wir haben nicht darum gebeten – es ist eben das, was wir bekommen.“
Schon 150 Jahre zuvor prallten in der East Plum Street 744 unterschiedliche Ansichten und Zukunftserwartungen hart aufeinander. Davon erzählt Barbara Kingsolver in einer zweiten Geschichte, die eng mit der der Familie Knox-Tavoularis verbunden ist. Im Zentrum steht der Biologielehrer Thatcher Greenwood, ein Emporkömmling und Anhänger der Evolutionstheorie des Charles Darwin. Er wohnt mit seiner Familie in einem – ebenfalls baufälligen – Vorgängerbau in der East Plum Street 744. Mit seinen fortschrittlichen Ansichten eckt Thatcher Greenwood nicht nur bei Ehefrau Rose und deren Mutter an, die beide gefangen sind im konventionellen Denken des 19. Jahrhunderts. Auch dem stockkonservativen Gründer von Vineland, dem Immobilienmogul Charles K. Landis, sind seine Ansichten ein Dorn im Auge.
Schlaglicht auf die USA
Allein die Naturforscherin Mary Treat, wie Charles K. Landis eine historische Persönlichkeit, versteht seinen Wunsch nach Veränderung und Neuorientierung in einer sich rasch verändernden Welt. Ebenso wie das Ehepaar Knox-Tavoularis wird auch Thatcher Greenwood Vineland eines Tages verlassen, um anderenorts einen Neuanfang zu wagen.
Recherchen von Willa Knox über das Haus in der Plum Street bilden die Klammer zwischen den beiden Geschichten. Sie werfen jede auf ihre Weise ein Schlaglicht auf die Befindlichkeit der US-amerikanischen Gesellschaft. Das liest sich gut und interessant, auch wenn dem Buch die erzählerische Wucht des Romans „Demon Copperhead“ fehlt – für diese Geschichte über einen suchtkranken jungen Mann aus den Appalachen erhielt Barbara Kingsolver 2023 den Pulitzerpreis für Belletristik.
Petra Pluwatsch
Auf diesem Blog
haben wir Barbara Kingsolvers Erfolgsroman „Demon Copperhead“ HIER besprochen.
Barbara Kingsolver: „Die Unbehausten“, dt. von Dirk van Gunsteren, dtv, 624 Seiten, 26 Euro. E-Book: 20,99 Euro.

Danke! Steht auf meiner Liste …
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Sehr gerne! Und wann kommt das nächste Buch? Indiens Tempel, Wuppertals Botanik?
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Hihi, Greise an Gleisen in Wuppertal oder Deppen an Treppen in Varanasi?
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👍 Schon vorbestellt!
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