
Ein grauer Tag in New York. Luftballons steigen in den regenschweren Himmel, auf den Straßen ist die Hölle los. Lärmend zieht die große Thanksgiving Parade durch die Stadt, Schaulustige stehen jubelnd am Straßenrand. Auch Aaron und Grace Templeton sind unter den Zuschauern. Mit dabei: Kiera, ihre dreijährige Tochter, ein niedliches Kind mit dunklen Zöpfchen und neugierig funkelnden Augen, das ein bisschen ängstlich die Hand des Vaters umklammert.
Doch plötzlich ist Kiera in der Menge verschwunden. Ein paar Stunden später findet man ihre Kleidung und einige abgeschnittene Haarsträhnen. Es wird zwölf Jahre dauern, ehe Aaron und Grace ihr einziges Kind wiedersehen. Wie es dazu kommt, das schildert der spanische Autor Javier Castillo in seinem spannenden Krimi „Das Mädchen im Schnee“.
Das hält die Ehe nicht aus
Kiera ist seit diesem 26. November 1998 wie vom Erdboden verschluckt. Eine aufwändige Suchaktion der Polizei bleibt ohne Erfolg, eine landesweite Pressekampagne bringt ebenfalls keine Ergebnisse. Die Ehe von Aaron und Grace ist diesem Unglück nicht gewachsen. Man trennt sich – zu groß sind die gegenseitigen Schuldzuweisungen.
Doch dann, fünf Jahre nach dem Verschwinden des Mädchens, taucht ein Video auf, das Kiera beim Spielen zeigt. Acht Jahre alt ist sie inzwischen, ein Kind im schulpflichtigen Alter. In großen zeitlichen Abständen folgen weitere Aufnahmen, kurze Sequenzen nur. Der Rest der Videos ist bloßes Geflimmer, das an ein Schneetreiben erinnert. Gefunden wird Kiera nicht, und die Polizei legt den Fall zu den Akten.
Eine Journalistin lässt nicht locker
Allein die Journalistin Miren Triggs gibt nicht auf. Unermüdlich sucht sie weiter nach dem Mädchen, das beim Eintreffen des letzten Videos 15 Jahre alt ist. Doch die Aufnahme zeigt ein leeres Zimmer. Ist Kiera womöglich tot?
Virtuos spielt Javier Castillo mit mehreren Zeitebenen und erzählt die Geschichte wechselweise aus der Perspektive der Eltern, der jungen Journalistin und aus der Sicht der Täter. Mal befinden wir uns im Jahr 1998. Mal verfolgen wir den Aufstieg von Miren Tiggs zur Topjournalistin oder begleiten Kiera ein kurzes Stück durch ihr Leben. Gut gemachte Spannungsliteratur auf hohem Niveau.
Petra Pluwatsch
Javier Castillo: „Das Mädchen im Schnee – Um sie zu retten, musst du sie finden“, dt. von Sybille Martin, Goldmann, 370 Seiten, 13 Euro. E-Book: 4,99 Euro.
