
Ein Klassiker der portugiesischen Literatur – das ist der Roman „Die Maias“ aus dem Jahre 1888. José Maria Eça de Queirós (1845-1900) schildert in seinem voluminösen, amüsanten und lebensklugen Gesellschaftsroman die Geschicke von drei Generationen einer wohlhabenden Lissaboner Familie. Im Mittelpunkt steht dabei Carlos da Maia, der sich kurzzeitig als Arzt versucht, aber dann doch den Müßiggang vorzieht. Darüber verstreicht die Zeit. Lakonisch heißt es hier und da so ähnlich: „Und dieses Jahr verging. Menschen wurden geboren, Menschen starben. Ernten reiften, Bäume welkten. Weitere Jahre vergingen.“
Gefühl statt Vernunft
Das zentrale Ereignis im Leben des Carlos da Maia ist seine Liebe zu Maria Eduarda – einer Frau, deren Vita einige Überraschungen bereithält. Und den Müßiggang pflegt er vorzugsweise mit seinem Freund João da Ega. Der fragt ihn einmal: „Was sind wir denn gewesen, seit der Schulzeit, seit dem Latinum? Romantiker: Sprich, niedrigere Wesen, die sich im Leben vom Gefühl leiten lassen und nicht von der Vernunft.“
José Maria Eça de Queirós gilt als der bedeutendste Vertreter des portugiesischen Realismus. Wovon sein Roman im Detail handelt, fasst der Literaturwissenschaftler Carlos Reis im Nachwort zusammen: „Eheschließungen und Ehebrüche, berufliche Versuche und ihr Scheitern, glühende Lieben und familiäre Krisen, Konflikte und ihre Befriedung.“
„Die Adjektive sind schlichtweg eine Zumutung“
Dabei verweist der emeritierte Professor aus Coimbra darauf, dass José Maria Eça de Queirós ein Sittenbild der portugiesischen Gesellschaft zeichnet, von der er sich selbst ferngehalten hat. Zwar war er seit 1872 im diplomatischen Dienst, so dass ihm die Gepflogenheiten in den „besseren Kreisen“ vertraut waren. Allerdings lebte er zumeist im Ausland: als Konsul zunächst in Havanna, dann in Newcastle upon Tyne, in Bristol, wo große Teile des Romans entstanden sind, und schließlich in Paris, wo der Autor im Jahre 1900 gestorben ist.
„Die Maias“ sind vor vier Jahrzehnten schon einmal in der Übersetzung von Rudolf Krügel im Aufbau-Verlag erschienen. Die Neuübersetzung von Marianne Gareis ist – wie sie selbst ausführt – darum bemüht, „den ungewöhnlichen Individualstil“ des Autors zu bewahren. Wo in der Krügel-Fassung die Originalsätze zuweilen geteilt wurden, um die Lesbarkeit zu erleichtern, belässt es die Gareis-Variante bei den komplexen Gebilden. Doch keine Bange – den Überblick verliert man dabei nicht. Weitere Eigenarten des Autors, so sagte es Marianne Gareis in ihrer „Editorischen Notiz“, seien neue Wortschöpfungen und eine Vielzahl von Adjektiven, die „schlichtweg eine Zumutung“ seien.
Lebenskünstler spurten zur Pferdebahn
José Maria Eça de Queirós hat zudem dafür gesorgt, dass im Portugiesischen ein Adjektiv auch einmal dem Substantiv vorangestellt werden kann. Weil nun diese Reihenfolge im Deutschen keine Rarität ist, hat sich Marianne Garais eines Kniffs bedient. Um den Effekt des Ungewöhnlichen nachzubilden, den der Autor so sehr schätzte, ist die deutsche Übersetzung gelegentlich bestrebt, ein Eigenschaftswort hinter das Hauptwort zu stellen. Eine Idee schöne?
So ist diese Ausgabe eine Finesse in mancherlei Hinsicht. Sie macht bekannt mit scheinbar zeitlosen Lebenskünstlern. Das Finale führt es noch einmal pointiert vor Augen. Da versichern sich Carlos da Maia und João da Ega: „Es lohnt sich wirklich nicht, sich abzumühen und hinter etwas herzurennen.“ Doch dann rennen sie im Mondlicht los, um die Pferdebahn noch zu erreichen, die gerade an der Station angekommen ist. „Die kriegen wir noch!“ sagt der eine. „Die kriegen wir noch!“ bekräftigt der andere. Ob sie die Pferdebahn je gekriegt haben?
Martin Oehlen
José Maria Eça de Queirós: „Die Maias – Episoden aus dem romantischen Leben“, dt. von Marianne Gareis, Hanser, 944 Seiten, 44 Euro. E-Book: 36,99 Euro.
