
Im Alter von 80 Jahren noch einmal einen neuen Aufbruch hinzulegen – das ist nicht jedem Menschen gegeben. Friederike Mayröcker (1924-2021) hat ihn gewagt. Und gewonnen. Zum einen war die große österreichische Lyrikerin, die mit so ungefähr allen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, welche im deutschsprachigen Raum für Lyrik vergeben werden, im deutlich fortgeschrittenen Alter besonders produktiv. Da gab es Zeiten wie im Jahr 2006, in denen jeden Tag ein Gedicht entstand. Und zum anderen wandte sie sich dem Proëm zu. Noch nie gehört? Das geht den meisten so. Dabei handelt es sich um ein „Kofferwort“, in dem „Poem“ und „Prosa“ zusammenfinden und das die Dichterin beim Franzosen Francis Ponge (1899-1988) entdeckt hatte.
„Hinreichend elastisch, porös“
Marcel Beyer ist Herausgeber des in Kürze vorliegenden Suhrkamp-Bandes mit Friederike Mayröckers späten Gedichten, also jene der Jahre 2004 bis 2021. Er klärt im Nachwort auf: „Beim Proëm handelt es sich um eine Textsorte, die – hinreichend stabil wie ebenso hinreichend elastisch, porös – annähernd alle Gattungen und Genres einschließen kann, denen sich Friederike Mayröcker in ihrem langen Schreibleben zugewandt hat.“
Der Schriftsteller stellte nun als Herausgeber den Gedichtband im Rahmen des Anderland-Festivals im ausverkauften Sprachraum der Kölner Stadtbibliothek vor. Diese auf jeweils wenige Tage konzentrierte poetische Intervention, die von den Buchhändlern Klaus Bittner und Christoph Danne initiiert wurde, fand bereits zum vierten Male statt. Dabei handelt es sich um eine Kooperation der Buchhandlung Bittner mit dem Literatur-in-Köln Archiv (LiK) und dem Institut für Deutsche Sprache und Literatur I der Universität zu Köln. Und schon jetzt steht fest: es wird ein fünftes Mal geben – im kommenden Frühling.
1000 Archivboxen, 60 Umzugskisten
Gleich eines der ersten Gedichte der Neuerscheinung ist Marcel Beyer gewidmet. In diesen Zeilen fixiert Friederike Mayröcker ihre neue alte Lust am Schreiben: „bei blitzendem Tageslicht alle Lampen angeknipst weil / zu dunkel im Zimmer, hatte gedacht : nie mehr etwas schreiben / können nie mehr wieder aber heute die wallende / Seele (Brust) und das zirpende (zuckende) Auge während / ich Korrektur lese.“ Dort findet sich auch ein Hinweis auf die mit Büchern, Manuskripten, Papieren überladene Wohnung, die gerade deshalb einen legendären Ruf genoß: „die Notiz auf den Knien weil kein Platz auf der Tischplatte“.
Noch lange ist das Gesamtwerk der Friederike Mayröcker, die am 20. Dezember 100 Jahre alt hätte werden können, nicht komplett erfasst. Das liegt an der großen Materialmenge, die in der Wiener Wohnung der Verstorbenen, in der Zentagasse 16 im 5. Bezirk, gesichert wurde. So befinden sich im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, das den Nachlass verwaltet, annähernd 1000 lediglich vorgeordnete Archivboxen, was ungefähr drei Vierteln des Gesamtbestandes entspricht. Weitere 60 Umzugskisten warten darauf, überhaupt erst einmal erschlossen zu werden. Marcel Beyer ist sich sicher, dass dort noch viele weitere Gedichte gefunden werden. Allerdings: „Das Ganze wird noch Jahre dauern.“
Als die Liebe einschlug wie ein Blitz
Friederike Mayröcker sei eine Autorin gewesen, sagt der Herausgeber, die sehr in der Gegenwart gelebt habe. Für sie habe das Motto gegolten: „Jeden Tag weitermachen.“ Mit dem Dichten habe sie um 4 Uhr in der Frühe begonnen – „um 9 Uhr war dann das Tagwerk getan.“ Zum Schreiben hat sie offenbar alles benutzt, was gerade zur Hand war. Auch Pappteller, Pralinenschachteln oder die Notizblöcke von Tierschutzorganisationen, die sie unterstützte.
Aus Friederike Mayröckers Gedichten könne man einiges über ihr darin durchschimmerndes Leben erfahren, meint Marcel Beyer. Inhaltlich sei das Spätwerk zunächst geprägt gewesen von der Verlusterfahrung nach dem Tod ihres Lebensgefährten Ernst Jandl im Jahre 2000. Dann falle weiter auf, wie häufig sich das Langzeitgedächtnis zu Wort melde. Da finde die Dichterin zurück zu Momenten, die weit in der Vergangenheit liegen. Auch zum Sommerurlaub in den 1950er Jahren, als die Liebe einschlug „wie ein Blitz“.
„Alles andere als kulturbürgerlich“
Zuweilen habe Friederike Mayröcker Post von besorgten Leserinnen und Lesern erhalten, die aufgrund manch melancholisch gestimmter Gedichte befürchteten, dass die Autorin ein einsames und trauriges Leben geführt habe. Doch Marcel Beyer beruhigt: „Dem war nicht so.“ Er macht bei ihr „ein starkes anarchisches Element“ aus. Die Kollegin, die 15 Jahre vor ihm den Büchnerpreis erhalten hat, sei „alles andere als kulturbürgerlich“ gewesen.
Alles habe Dichtung werden können. Ein Salatblatt auf dem Fußboden ebenso wie ein Gemälde von Antoni Tàpies. Ja, allein das Motiv „Lebensmittel auf dem Boden“, weiß Marcel Beyer, wäre eine Seminararbeit wert. Die Besuche im Supermarkt, gleich gegenüber der Wiener Wohnung, habe sie durchaus geschätzt. Dort habe sie viele Anregungen aufgesogen. Besonders gerne sei sie vor dem Regal eines Kaffeerösters stehen geblieben, um zu klären: „Was gibt’s Neues bei Tchibo?“
„Eine poetische Existenz“
Gleichwohl reizvoller war für sie wohl die Frage, was ein Gedicht sei. Im Jahre 2005 stellte sie so freundlich wie kategorisch fest: „indem ich sage das ist 1 Gedicht ist es 1 Gedicht“. Vier Jahre später ging sie näher auf den Inhalt ein: „1 Gedicht das sind nicht Trompeten Posaunen : 1 Gedicht das ist 1 Schluchzen und Küssen : 1 Gedicht das ist die Umarmung des Freundes in 1 Oktobernacht“. Selbst wenn sie einen theoretischen Aufsatz über ihre Arbeit geschrieben habe, sagt Marcel Beyer, seien daraus poetische Texte geworden. Es ist eine Tatsache, die ihm „unglaublich gut“ gefalle. Kurzum: „Friederike Mayröcker war eine poetische Existenz.“
Der letzte Text, der von ihr vorliegt, stammt aus dem Januar 2021. Darin wird eine einige Jahre zurückliegende Fahrt nach Bratislava und retour geschildert: „endlich gleiten wir mit dem city liner nach Wien-Schwedenplatz zurück.“ Das Gedicht ist im Original nur handschriftlich überliefert. Zu jenem Zeitpunkt hatte Friederike Mayröcker nicht mehr die Kraft, auf ihrer Schreibmaschine zu tippen.
„Wird die Poesie uns allesamt retten?“
Für Marcel Beyer schließt sich mit dieser Edition ein Kreis. Erstmals als Student, im Frühjahr 1988, hatte er sich zwei Monate in Wien aufgehalten, um gemeinsam mit der Dichterin die Fülle der in der Wohnung verstreuten Manuskripte zu sichten. „Es sah chaotisch aus, aber die Stapel hatten eine innere Logik.“ Später dann hat er den ersten Band mit den „Gesammelten Gedichten 1939-2003“ herausgegeben. Und nun also auch den Band mit dem Spätwerk.
Ein reicher und packender Abend war das, den Marcel Beyer mit einem Köln-Poem von Friederike Mayröcker beendete. Tatsächlich handelt es sich um ein Proëm, das die Autorin 2018 anlässlich der Verleihung des Hörbuchpreises geschrieben hat. Es sind Zeilen, die damals wie heute voller Gegenwart sind: „ich flaniere in Köln am Rhein ich höre den Flusz rauschen, vergesse mein Schicksal, wird die Sprache mich retten wird die Poesie uns allesamt retten vor dem Unheil unserer Zeit?“
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir einen Katalog mit Zeichnungen von Friederike Mayröcker vorgestellt (HIER). Auch besuchten wir in Wien (und im Rahmen der Reihe „Habe die Ehre“) das Kaffeehaus, das die Autorin vielfach aufgesucht hat.
Marcel Beyer kommt einige Male auf diesem Blog vor – was mit Hilfe der Suchmaske leicht nachzuprüfen ist. Zuletzt ging es HIER um seine „Auerbach Lecture“ im Literaturhaus Köln.
Das Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien zeigt derzeit die Ausstellung „ich denken in langsamen Blitzen“ (bis 16. Februar 2025). Das Begleitbuch ist im Zsolnay Verlag erschienen.

„Larifari“ heißt eine Verlockung aus der Insel-Bücherei. Der schmale Band verbindet Sätze aus dem Gesamtwerk von Friederike Mayröcker mit den witzig-kraftvoll-minimalistischen Illustrationen von Nicolas Mahler (Insel Verlag, 96 Seiten, 15 Euro).

Friederike Mayröcker: „Gesammelte Gedichte 2004-2021“, herausgegeben und mit einem Nachwort von Marcel Beyer, erscheint am 18. November im Suhrkamp Verlag, 560 Seiten, 36 Euro. E-Book: 32,99 Euro.
