
Luisa träumt vom Schreiben. Erst noch behutsam, dann aber immer offensiver lässt sie sich darauf ein. Häufig macht sie sich Notizen, wenn ihr eine Szene reizvoll erscheint oder ihr ein Zitat in den Sinn kommt. Auch recherchiert sie, um Passagen zu optimieren. Zudem folgt sie einer Schreibtrainerin auf Instagram. Am Ende allerdings liegt kein abgeschlossenes Manuskript vor, sondern das Zeugnis einer Frau, die keinen Halt im Leben findet.
„Hat immer Probleme“
Und so ist es nicht Luisa, die uns ihre Geschichte erzählt, sondern Reinhard Kaiser-Mühlecker in seinem Roman „Brennende Felder“. Der fügt sich ein in die Geschwister-Trilogie, zu der die Romane „Fremde Seele, dunkler Wald“ (2016) und „Wilderer“ (2022) gehören.
Der Autor – bei dem kaum eine Rezension den Hinweis unterschlägt, dass er in Österreich die Landwirtschaft seiner Vorfahren betreibt – verortet die Protagonisten im bäuerlichen Milieu. Allerdings tritt dieser Hintergrund nicht so stark in den Vordergrund wie noch bei seinem vorangegangenen Roman „Wilderer“ (eine Besprechung gibt es HIER). In jenem vielgepriesenen Werk stand Jakob Fischer im Zentrum, der seinen Hof vorzüglich führt („Betrieb des Jahres“). Doch in der Psyche des Landwirts lauert ein Schatten, der ihn ein ums andere Mal umhüllt. Das liegt wohl in der Familie. Jakob sagt über seine Schwester Luisa: „Hat immer Probleme.“
Liebe zum Stiefvater
Um welche Untiefen es sich bei Luisa handelt, merken wir im druckfrischen Roman „Brennende Felder“ erst mit der Zeit. Denn Reinhard Kaiser-Mühlecker, 1982 in Kirchdorf an der Krems in Oberösterreich geboren, fällt nicht mit der Tür ins Haus. Vielmehr öffnet er zunächst sachte einen Spalt. Stimmt etwas nicht mit der Frau?
Luisa hat als 15-Jährige erfahren, dass der Ehemann ihrer Mutter gar nicht ihr Vater ist. Vielmehr sei sie, stellt die Mutter in einer schlechten Stimmung klar, „das Produkt einer schnellen Nummer zweier Betrunkener auf einem Maskenball“ gewesen. Daraufhin – ja, daraufhin erklärt Luisa dem Stiefvater ihre Liebe. Robert, dessen Name in ihren Ohren „verdammt cool“ klingt, weist sie zunächst schroff ab. Doch Jahre später, als Luisa in Hamburg lebt und bereits von zwei Männern einen Sohn in Dänemark und eine Tochter in Schweden hat, kommt Robert auf dieses Bekenntnis zurück.
Roberts dubioser Raubzug
Es ist ein ungleiches Paar, das nach Österreich zieht. Robert nämlich hat Heimweh. Luisa selbst fällt auf, „dass sie immer das tat, was er sagte, wie das folgsame Kind, das sie nie gewesen war, dass sie immer nur ‚ja‘ sagen konnte, nichts anderes oder fast nichts: Ja, ziehen wir zurück. Ja, von mir aus. Ja, du hast recht. Ja, ziehen wir zurück.“
Hinzu kommt, dass Robert in fremde Höfe einbricht, die einst von „arisiertem“ Vermögen profitiert haben sollen – ein Motivkreis, der auch im Vorgängerroman anklingt. Was er erbeutet, lässt er angeblich jüdischen Hilfsorganisationen zukommen. Doch wenn wir Luisa glauben dürfen, war Roberts Diebeszug alles andere als eine selbstlose Mission. Im Gegenteil.
„Zehrung“ und „Gesätze“
Bei einem dieser Einbrüche kommt Robert ums Leben – und Ferdinand, ein alter Bekannter, ins Spiel. Luisa ist kein Mauerblümchen. Sie investierte zeitlebens viel Energie darauf, so lesen wir, Männer für sich einzunehmen. Angetrieben wurde sie vermutlich von der „Befriedigung darüber, auch diesem, auch jenem mehr als nur zu gefallen.“ Nun verliebt sie sich aufs Neue, diesmal also in Ferdinand – und der Roman treibt einer weiteren dramatischen Zuspitzung zu.
Faszinierend ist die Finesse, mit der Reinhard Kaiser-Mühlecker die Geschichte aus Luisas Perspektive erzählt. Er tut dies nicht eilend, aber entschlossen, in einem ruhigen und klaren Ton, inklusive einiger Austriazismen wie „Tuchent“, „Zehrung“ und „Gesätze“ des Rosenkranzes. Am Ende sind wir Leserinnen und Leser nicht aller Fragen ledig. Wie Luisa zu helfen wäre, was aus der ruhelosen Frau wird – das bleibt offen.
Alle haben keine Ahnung
Selbst die Lesart, dass „Brennende Felder“ genau das Buch ist, das Luisa schreiben wollte, kann nicht vollends ausgeschlossen werden. Es haben sowieso alle keine Ahnung, sagt die Möchtegernschriftstellerin gegen Ende des Romans. Und diese Ahnungslosen würden sich dann wundern, wenn ihr Buch fertig sei. Mit der Erfahrung, die sie mittlerweile gewonnen habe, „würde es sich fast von selbst schreiben.“
Doch wie wir Luisa kennengelernt haben, sehen wir sie keineswegs als Autorin einer Autofiktion. Aus einem Instagram-Schreibkurs entsteht so schnell keine Prosa von derart subtiler Güte. Also kein Aufbruch ins Freie für Luisa, sondern ein weiterer Schritt in die Dunkelheit. Reinhard Kaiser-Mühleckers Roman „Brennende Felder“ ist ein bannendes Buch der Unruhe.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir Reinhard Kaiser-Mühleckers Roman „Wilderer“ HIER besprochen.
Lesungen
mit Reinhard Kaiser-Mühlecker in Wien am 4. 10. (Österreichische Gesellschaft für Literatur), in St. Veit im Pongau am 8. 10., in Passau am 22. 11., noch einmal in Wien am 25. 11. (Morawa Wollzeile) und in Berlin am 25. 11. 2024.
Reinhard Kaiser-Mühlecker: „Brennende Felder“, S. Fischer, 368 Seiten, 25 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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