Nun also das Finale unserer Danziger Trilogie! Zum Auftakt (HIER) ging es vom Neptunbrunnen über die Frauengasse zur Bar mit nur einem Getränk. Die Fortsetzung (HIER) führte zur welthistorischen Westerplatte, rund um die backsteinrote Marienkirche und in Läden mit dem „Gold des Nordens“. Zum Abschluss suchen wir das Geburtshaus von Günter Grass in Danzig-Langfuhr, machen einen Ausflug an den Strand und geben zwei Lektüretipps.
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Zu Günter Grass nach Langfuhr

Günter Grass (1927-2015) ist der Autor der Stadt. Ja, heute gibt es auch die Werke von Stefan Chwin (Jahrgang 1949) und Pawel Huelle (1957-2023); beide stammen aus Danzig und widmen sich in ihren Werken der Stadt und der deutsch-polnischen Geschichte. Aber Grass war es, der Danzig mit seiner Trilogie – „Die Blechtrommel“ (1959), „Katz und Maus“ (1961) und „Hundejahre“ (1963) – in der Weltliteratur verankert hat. Zumal Oskar Matzerath, der kleinwüchsige Blechtrommler, ist ein vorzüglicher Cicerone: Mit ihm durchstreift man Danzig vom Rechtstädtischen Rathaus bis zur Polnischen Post und weit darüber hinaus.
Seit 2002 ruht sich Oskar auf einer Bank am Platz Wybickiego aus, am ehemaligen Neumarkt inmitten einer dichten Wohnbebauung. Langfuhr (Wrzeszcz) hieß dieser Stadtteil, als Günter Grass dort im Labesweg geboren wurde. In den „Hundejahren“ ist zu lesen: „Es war einmal eine Stadt, die hatte neben den Vororten Ohra, Schidlitz, Oliva, Emaus, Praust, Sankt Albrecht, Schellmühl und dem Hafenvorort Neufahrwasser einen Vorort, der hieß Langfuhr. Langfuhr war so groß und so klein, dass alles, was sich auf dieser Welt ereignet oder ereignen könnte, sich auch in Langfuhr ereignete oder hätte ereignen können.“
Zunächst war das Bronzedenkmal im Park allein für Oskar Matzerath, den Romanhelden, bestimmt. Im Jahre 2015 hat sich allerdings sein Schöpfer dazugesellt. Die Bank wird auch von Kindern bestens angenommen: Sie schlagen auf Oskars Trommel und sind bemüht, die Schnecke auf Grassens Buchdeckel anzuschieben. So bleibt der Glanz erhalten.


Von der Bank aus sind es nur wenige Meter bis zum Geburtshaus des Schriftstellers in der heutigen Ulica Jochima Lelewa 13 (Obacht: die Hausnummer taucht zwischen den Nummern 14a und 17 auf). Viel macht das Haus leider nicht her. Eine Plakette an der Hauswand, eine Infotafel am Gehweg – das ist schon alles. Besichtigen kann man im Inneren schon gar nichts. Eine Chance, die noch wahrgenommen werden könnte.
Am Ende der Lelewa findet sich eine Reminiszenz an den ehemaligen Anwohner. Auf „Katz und Maus“, die Novelle um den Außenseiter Mahlke und das Ritterkreuz, verweist die „Biblioteca pod kotemi i mysza“. In deren Schaufenstern werden Katze (Kot) und Maus (Mysz) in entspanntem Einvernehmen dargestellt.
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Mit der Straßenbahn an den Strand

Es ist nicht der brillanteste Strand an der Ostsee bei Danzig. Da macht Zoppot schon mehr her. Aber Stogi, einst als Heubude bekannt, ist vom Stadtzentrum aus besonders schnell erreicht. Sobald die Straßenbahn in den Wald einfährt, in dem sich kleine Dünen wellen, sollte man seine Sachen zusammenpacken: Dann ist es nur noch eine Minute bis zur Endhaltestelle.
Am Strand selbst kommt es auf den Blickwinkel an. Mit dem Gesicht Richtung Wasser ist alles prima. Auch der Blick nach rechts lässt nichts zu wünschen übrig. Doch zur Linken sieht man die Kräne der Hafenanlage aufragen. Wenngleich – so schlimm ist das auch wieder nicht. Zumal der Sand famos ist: goldig und überhaupt nicht an der Haut klebend. Und die Ostsee? Sie macht, was sie am liebsten macht: Sie schlappt sanft gurgelnd ans Ufer.
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Bücher für die Reise
Auf Günter Grass‘ Danziger Trilogie – „Die Blechtrommel“ (1959), „Katz und Maus“ (1961) und „Hundejahre“ (1963) – haben wir oben schon verwiesen. Zudem empfehlen wir Stefan Chwins Roman „Tod in Danzig“ (Rowohlt), der 1997 auf Deutsch erschienen ist. Darin schildert der polnische Autor, 1949 in Danzig geboren, zunächst die Zerstörung – „all das flog ins Feuer, leichter als der Flaum der Pusteblumen“.
Auf die Zerstörung folgt die Flucht der Deutschen aus der Stadt und der Einzug der Polen. Der Ich-Erzähler wird in jener Villa im Stadtteil Oliva geboren, die sich die Eltern bei einem Rundgang durch die verlassenen Straßen ausgesucht haben. Im Haus in der Lessingstraße, aus der die Ulica Grottgera wird, stoßen sie auf den deutschen Professor Hannemann, den die Zeitenwende noch nicht fortgespült hat. Und als sie sich die Eheleute zur ersten Nacht ins Bett legen, „da vermischten sich die beiden fremden Gerüche des Warschauer Leintuchs und des Überzugs mit dem hellblauen Monogramm“ der Familie, deren Haus nun das ihre war. Wie ja auch auf dem Danziger Wappen das Deutsche und das Polnische zusammenfinden – die beiden Kreuze des Deutschen Ritterordens und die polnische Krone. „Tod in Danzig“ – im polnischen Original: „Hanemann“, also der Nachname mit einem N weniger – ist eine melancholisch-anrührende Geschichte von Verlust und Neuanfang, ein Zeugnis deutsch-polnischer Geschichte.
Eine „Biographie“ der Stadt, von den Anfängen bis zum Beginn unseres Jahrtausends, liefert der Historiker Peter Oliver Loew in seinem Sachbuch „Danzig“ (C. H. Beck) aus dem Jahre 2011. Er schreibt zur Faszination der Metropole am Meer: „Das Geheimnis der Stadt ist das Dazwischen, sie lebt von der Spannung. Von der Spannung zwischen historischem Reichtum und relativer Peripherie, zwischen Größe und Provinz, zwischen Moderne und Konservatismus (ein Widerstreit, der oft in lähmenden Stillstand führte), zwischen Aufbruch und Beharren, zwischen Stolz und Kleinmut, zwischen Freiheitsstreben und Gefangenschaft.“ Peter Oliver Loews „Danzig“ ist eine kurze und leicht lesbare, gewissenhafte und auch die Kulturgeschichte würdigende Darstellung.
Martin Oehlen
Stefan Chwin: „Tod in Danzig“, dt. von Renate Schmidgall, rororo Taschenbuch, 288 Seiten.
Peter Oliver Loew: „Danzig – Biographie einer Stadt“, C. H. Beck, 320 Seiten, 24,95 Euro.


Auf diesem Blog
haben wir im ersten Teil unserer Danziger Trilogie einen Mini-Überblick zur Geschichte geboten, die Rechtstadt besucht, Piroggen gegessen, eine Kneipe gefunden sowie eine Bar in Rot (HIER).
Im zweiten Teil ging es zur welthistorischen Westerplatte, zur backsteinroten Marienkirche und in einige Souvenirläden (HIER).

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