
Wer liest heute noch Uwe Johnson (1934-1984)? Wer kennt die „Mutmaßungen über Jakob“, „Das dritte Buch über Achim“ oder die vier Bände der „Jahrestage“? Wen kümmert, was der Schriftsteller wo und wann und zu wem gesagt hat? Das sind Fragen, die man der Uwe-Johnson-Gesellschaft in Rostock nicht stellen muss. Schon gar nicht am 20. Juli, an dem der Autor vor 90 Jahren in Cammin in Pommern geboren wurde.
Zur Feier des Tages blättern wir im aktuellen, dem 29. Jahrbuch der Gesellschaft, das im Wallstein Verlag erschienen ist. Mal sehen, was uns da ins Auge fällt. Es handelt sich also um keine Würdigung der Beiträge, sondern um Fundsachen: Sätze und Sichtweisen über den Autor. Puzzleteile eines Gesamtbildes.
Die Landschaft und der Mensch
Auf geht’s mit einer Spurensuche von Rainer Paasch-Beeck. Er kommt am Ende seines Beitrags zu dem Ergebnis: „Es ist noch einmal deutlich geworden, wie tief der Autor Uwe Johnson nicht nur in Mecklenburg, sondern speziell in der Landschaft rund um den Cramoner See verwurzelt ist.“ Der See, gelegen im Landkreis Nordwestmecklenburg, ist nicht so renommiert wie der Bodensee. Aber immerhin wird er im vierten Band der „Jahrestage“ erwähnt: „Im Sommer 1951 waren wir mit den Rädern unterwegs. Am Cramoner See, schräg gegenüber dem Dorf Drieberg machten wir Halt für eine halbe Stunde Schwimmens.“
Von der Landschaft zu den Menschen. Uwe Neumann widmet sich in seinem Beitrag einem „geheimen Einverständnis“. Ein solches habe zwischen Uwe Johnson und Hermann Lenz (1913-1998) bestanden. Da habe er von Hanne Lenz erfahren, der Ehefrau. Dabei sei doch, wie sie sagt, Johnson ein Mensch gewesen, „der auf Distanz hielt, um den eine seltsame Aura von Fremdheit lag“. Johnson selbst hat einmal in einem Brief an Max Frisch bekannt, dass er eine „fast reflexhafte Achtung vor Älteren“ habe. Hermann Lenz lässt die einschlägige Begegnung in seinem Roman „Herbstlicht“ (1978) aufscheinen – mit ihm als Eugen Rapp und mit Johnson als Ulrich Detlevsen: „Jetzt ging Detlevsen neben ihm, ein schwerer und hochgewachsener Mann mit kurzem blondem Haar und einem urtümlichen Schädel, einem wie störrischen Kopf. Trotz seinem ungefügen Leib ging Detlevsen behend und redete mit mecklenburgischem Tonfall wie Eugen mit schwäbischem; und ihm erschien’s, als passe beides gut zusammen. Es bildete sich zwischen ihnen ein Gefühl, als brauchten sie sich gesprächsweise weder zu verkrampfen noch zu zieren.“
Die KI und die Postkarte aus Rom
Die Editionswissenschaft im Allgemeinen beleuchtet Fabian Kaßner. Anlass dafür ist die historisch-kritische Werkausgabe, die seit 2014 von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften an der Universität Rostock vorangetrieben wird. Kaßner führt zunächst zurück zu den Anfängen mit Karl Lachmann (1793-1851). Der Urvater der modernen Textkritik verlangte nach einer „recensio“, einer Musterung der Vorlage, also nach einer „ausführliche(n) Begutachtung des Gegenstandes“. Dass die Künstliche Intelligenz dabei hilfreich sein kann, räumt Kaßner behutsam ein: „es wäre falsch, sie nur als Spielerei abzutun.“ Umso entschiedener bekennt er sich zum Adjektiv „digital“: „War es früher noch ein schmückendes Beiwort, um einen Bonus zu beschreiben, ist es heute der essenzielle Teil einer Edition, ohne den sie nicht bestehen kann. Zukünftig wird dies sicherlich noch deutlicher werden.“
Vom Grundsätzlichen zum Konkreten geht es bei Cordula Greinert. Sie schildert „materiale und mediale“ Aspekte bei der Erstellung der Johnson-Werkausgabe. Ein Beispiel? Da müsse bei einer Postkarte aus Rom berücksichtigt werden, dass die gedruckte Bildlegende zum „Mosaico con testa Oceano tra mostri marini (Museo Nazionale Romano)“ in drei Übersetzungen dargeboten werde. Auch auf Deutsch: „Mosaik mit Ozean Kopf unter den Meerungeheuer (Römisch National Museum)“. Nicht nur die fehlerhafte Übertragung sei zu dokumentieren. Auch klinge die Vokabel „Ozean“ sehr nach „Ossian“ – dem Spitznamen für Johnson im Leipziger Freundeskreis. Ziemlich spitzfindig. Aber wenn’s der Forschung hilft…
Der QR-Code und das N-Wort
Noch ein dritter Beitrag widmet sich der Werkausgabe. Darin machen Hanna Bott, Henni-Lisette Busch und Magdalena Vitoria Höft deutlich, dass die Kommentierung der umfangeichen, fast 2000 Seiten zählenden „Jahrestage“ eine besondere Herausforderung darstellen. Ziel müsse es sein, mit der Edition nicht nur Wissenschaftler, sondern auch „gebildete Vielleser oder Freizeitleser“ zu erreichen. Ihre Anregung: Jede Buchseite sei mit einem (aus ästhetischen Gründen möglichst kleinen) QR-Code zu versehen, um jederzeit den Weg ins Digitale zu ermöglichen. Final räumt das Trio ein, dass „dieser Artikel mehr Fragen aufwirft als er beantwortet.“ Jetzt müsse geredet werden.
Aber muss, wer Johnson veröffentlicht, an den Originaltext ran? Michael Bengel zeigt auf das N-Wort in den „Jahrestagen“ und stellt die Frage, ob man es durch „Schwarze“ oder „People of Color“ ersetzen sollte. Zur Beantwortung werden ein paar sachdienliche Hinweise gereicht. So verweist Bengel darauf, dass der Roman aus dem Jahre 1970 stamme, dass es kein Sachtext sei, dass die Unterdrückung der Schwarzen in den USA kritisiert werde und dass es auf den je eigenen Akt des Lesens ankomme. Wir verstehen das so: lieber die Kunst belassen, wie sie geschaffen worden ist.
Der Roman und die Politik
Immer wieder stößt man in diesem Jahrbuch auf Johnson-Zitate, die zur weiteren Johnson-Lektüre animieren. So auch in Nils Plaths Beitrag „Zu Auslassungen und anderen Punkten bei Uwe Johnson“. Dort zitiert er eine poetologische Ansicht des Autors, vorgestellt unter dem Titel „Wenn Sie mich fragen…“: „Wozu also taugt der Roman? Er ist ein Angebot. Sie bekommen eine Version, einen Zustand der Wirklichkeit. Es ist nicht eine Gesellschaft in der Miniatur, und es ist kein maßstäbliches Modell. Es ist auch nicht ein Spiegel der Welt und weiterhin nicht ihre Widerspiegelung; es ist eine Welt, gegen die Welt zu halten. Sie sind eingeladen diese Version der Wirklichkeit zu vergleichen mit jener, die Sie im Kopf haben.“
Gleich im nachfolgenden Beitrag von Gregor Baszak, der den „Jahrestagen“ gewidmet ist, wird aus einem Interview mit Dieter E. Zimmer zitiert. Darin erklärt Uwe Johnson sein Missfallen darüber, als „Dichter der beiden Deutschland“ rubriziert zu werden: „Diese Einschränkung meiner Erzählung auf ein politisches Problem habe ich nie gern gesehen.“ Gleichwohl macht Baszak deutlich, dass das Werk selbstverständlich auch „politisch“ sei.
Der Student und der Professor
Vier Ausflüge ins Feuilleton werden unternommen. Unter anderem bespricht Greg Bond die Uraufführung der „Mutmaßungen über Jakob“ am Staatsschauspiel Dresden. Die Bühnenfassung von Camille Dagen und Katrin Breschke hat dem Rezensenten zugesagt. Aber muss er uns auch noch ein Versäumnis unter die Nase reiben? „Wenn Sie (oder Ihre Freunde) das Stück nicht gesehen haben“, schreibt Bond, „dann haben Sie etwas Besonderes verpasst: einen sehr intensiven und stimmigen Theaterabend, der sich sehen und hören lassen kann – oder konnte.“
Weiter stellt Erdmut Wizisla eine Dissertation von André Kischel vor, die mittlerweile im Verlag V&R Unipress vorliegt: „wofern man nur richtig zu lesen versteht. Weder Lektor noch Autor – der Student Uwe Johnson“. Zwar widerspricht der Rezensent mit guten Gründen der Einschätzung Kischels, wonach Johnson als Student noch kein Schriftsteller gewesen sei. Ansonsten findet er viel Substanz in der Arbeit. Durchaus kurios das skizzierte Verhältnis zu Hans Mayer, der seinerzeit Professor an der Leipziger Universität war. Johnsons Analyse von Heinrich Heines „Wintermärchen“ habe Mayer nicht bewertet, „weil er sie angeblich nicht entziffern konnte“. Eine „Provokation“ sei dann die Klausurarbeit über den IV. Deutschen Schriftstellerkongress der DDR gewesen. Johnson habe fiktive Personen aus seinem entstehenden Debütroman „Ingrid Babendererde“ in den Text einfließen lassen und damit die Geduld des Prüfers Hans Mayer überstrapaziert. Gleichwohl rühmte Mayer sich später, in Uwe Johnson den Schriftsteller entdeckt zu haben.
Feier und Lesung
Schließlich, aber tatsächlich zu Beginn des Jahrbuchs, schildert Kerstin Preiwuß ihre Lesebekanntschaft mit Uwe Johnson. Bei dem Text handelt es sich um einen Vortrag, den die Autorin vor genau einem Jahr anlässlich des 89. Geburtstags des Autors gehalten hat. Dies geschah in einer Reihe, die 2017 in Rostock aufgelegt wurde: „Wie Schriftsteller Johnson lesen – Eine literarische Geburtstagsfeier“. Immer am 20. Juli. Zusammen mit dem Literaturhaus Rostock im Peter-Weiss-Haus.
In diesem Jahr, an diesem Samstag steht Matthias Göritz auf dem Programm. Und er ist gewiss nicht der einzige, der heute noch Uwe Johnson liest.
Martin Oehlen
Das Foto
auf dem Cover des Jahrbuchs stammt von Renate von Mangoldt und zeigt Uwe Johnson im November 1981 in Berlin-Friedenau.
Holger Helbig, Bernd Auerochs, Katja Leuchtenberger und Ulrich Fries (Hg.): „Johnson-Jahrbuch“, Band 29/2023, Wallstein Verlag, 218 Seiten, 38 Euro.

Wohltuende Bescheidenheit mit Charly Hübners Meister aller Klassen. „Die Zeit“, die unter Rolf Michaelis einst einst ein ganzes Johnson-Forschungszentrum war, sagt beim Jubiläumsspaziergang dem vielleicht armen, vor allem aber toten Tilman Jens nach, den toten Uwe gefunden zu haben, und der hier, wenn nicht beworbene, so doch avisierte Matthias Göritz bringt den Uwe-Satz der Sätze, den Auftakt eines Lebenswerks („Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.“) , ohne das kleine Adverb „quer“, der fast jedem zweiten der folgenden Sätze eine andere Bedeutung geben könnte, wenn man denn nur wollte.
Das homerische Lachen des Meisters wäre ihm wirklich nicht zu wünschen gewesen. Fazit: Beim Feiern sich auch selber feste an die Name packen: Johnson nicht als TIp verkümmern lassen. Selber lesen macht erst wirklich schlau.
M.B.
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