„Frauen, wenn ihr Euch verwirklichen wollt“: Dada-Ausstellung im Arp-Museum widmet sich den Dadaistinnen und der „Unordnung der Geschlechter“

Musidora als Irma Vep in der Kinoserie „Les Vampires“ von Louis Feuillade aus dem Jahr 1915. Foto: Collection La Cinémathèque française / Arp-Museum

Eine Premiere am Rhein: „Erstmals sind die Werke von Dada-Frauen gleichberechtigt neben denen ihrer männlichen Kollegen in einer großen Überblicksschau zu sehen.“ So schreibt es Julia Wallner im Katalog zur Ausstellung „der die Dada – Unordnung der Geschlechter“, die an diesem Freitag im Arp-Museum im Bahnhof Rolandseck in Remagen eröffnet wird. Die Direktorin des Museums hat die Schau gemeinsam mit Helene von Saldern und Joëlle Warmbrunn kuratiert. „Dada war im Kern eine revolutionäre Bewegung, die sich als kreative Protestform gegen Krieg, Militarismus und die Mechanisierung der Lebenswelt verstand“, sagt Julia Wallner. „Mit dem unbedingten Willen, die alte Ordnung zu stürzen, bricht Dada viele Grenzen, auch die der Geschlechter.“

„Die Lügen von Jahrhunderten“

In Ausstellung und Katalog geht es um Werke und Wirken von Emmy Hennings, Sophie Taeuber-Arp, Suzanne Duchamp, Hannah Höch, Sonia Delaunay, Beatrice Wood, Angelika Hoerle, Luise Straus-Ernst, Gabrielle Buffet-Picabia, Marta Hegemann, Elsa von Freytag-Loringhoven (die Baroness hebt das Knie auf dem Cover des Katalogs), Marietta di Monaco, Valeska Gert – oder auch Musiodora. Die Stummfilmschauspielerin, mit bürgerlichem Namen Jeanne Roques, galt in Paris als Muse der Dadaisten und der Surrealisten. Möglicherweise trug dazu auch ihre Rolle in der Kinoserie „Les Vampires“ von Louis Feuillade bei. Sie selbst sagte dazu: „Die Vorstellung, eine boshafte Frau zu verkörpern und in jeder Episode das unschuldige Opfer zu ermorden, war für mich von ungeheurer Anziehungskraft“.

Auch Mina Loys „Feministisches Manifest“ von 1914 findet Beachtung: „Frauen, wenn ihr Euch verwirklichen wollt – Ihr seid am Vorabend einer verheerenden psychologischen Umwälzung – all Eure kleinen Illusionen müssen entlarvt werden – die Lügen von Jahrhunderten müssen verschwinden – seid Ihr bereit für den großen Ruck –? Es gibt keine halben Maßnahmen – Kein bloßes Kratzen an der Oberfläche des vermüllten Haufens von Tradition wird eine Reform bringen, der einzige Weg ist die Absolute Zerstörung.“

„Durchlässigkeit von Rollenbildern“

Es ist in kurzem Abstand bereits die zweite Ausstellung im Arp-Museum, die sich lange vergessenen Künstlerinnen widmet. Eben erst, im Juni, ist die Ausstellung „Maestras – Malerinnen 1500 – 1900“ zu Ende gegangen (worüber wir auf diesem Blog HIER berichtet haben). So sehr wir den Katalog jener Schau lobten, so sehr können wir ihn auch im aktuellen Fall loben. Der Band aus dem Hirmer Verlag, auf den wir uns bei diesem Beitrag beziehen, ist gleichermaßen ansprechend wie liebevoll gestaltet. Auch geht es in kurzen Kapiteln flott voran – fast so, als wäre es eine Dada-Revue (aber eine ohne „Unsinn“). 

Mit Nachdruck machen die Kuratorinnen darauf aufmerksam, dass Dada die erste Kunstströmung gewesen sei, „in der Frauen wie Männer aktiv und aktionistisch an der Durchlässigkeit von Rollenbildern wirken.“ Die „zementschwer lastenden Zuschreibungen“ von Männlichkeit und Weiblichkeit lösten sich im Dadaismus auf. Dafür seien die „Crossdressing“-Fotografien von Man Ray nur ein Beispiel.

Komposition aus Farbfeldern und Masken: Sophie Taeuber-Arps „Motif abstrait (masques), Composition verticale-horizontale“ aus dem Jahre 1917. Foto: Stiftung Arp e.V., Rolandswerth/Berlin / Arp-Museum

„Dada – das Wort stammt von mir“

Jedoch – all dieser „Fluidität“ zum Trotz seien „die meisten Frauen des Dada in den langen Schatten der selbst-erklärten Gründungsväter in Zürich, Köln, Berlin, Paris und New York nahezu unsichtbar geblieben.“ Ihre Beteiligung sei nicht nur von der Kunstgeschichte, sondern auch von Kollegen kleingeredet oder übergangen worden.

Dabei ist selbst die Fantasie-Bezeichnung eine weibliche Schöpfung. Jedenfalls hat Emmy Hennings, die 1916 mit ihrem späteren Ehemann Hugo Ball das „Cabaret Voltaire“ in Zürich gegründet hat, im Rückblick festgehalten: „Dada – das Wort stammt von mir, und ich hab’s in einer Spielerei oft Hugo gesagt, wenn ich spazieren gehen wollte. Alle Kinder sagen zuerst ‚Dada‘.“ Allerdings habe sie bald schon eine Aversion gegen den Dadaismus entwickelt. „Es waren mir zuviele Leute entzückt davon. Es war nichts Rares und nichts Bares, weder Fisch noch Fleisch, und die Dadaisten haben ja selbst zuerst nicht gewusst, was es ist. Das ist ein Kompliment. Hätte man nur nicht so früh mit der Interpretierung begonnen.“

„Sie vergessen meinen Beitrag“

Immerhin – rund um das Dada-Jubiläum zum 100-jährigen Bestehen im Jahre 2016 ist die Aufmerksamkeit für Dadas weibliche Seite größer geworden. Julia Wallner verweist im Katalog auf die Ausstellung und Publikation „Die Dada – Wie Frauen Dada prägten“ von Ina Boesch. Da sei viel Grundsätzliches erarbeitet worden.

Ina Boesch selbst gibt in ihrem Essay einen Einblick in die Rezeption. Da erinnert sie an Céline Arnauld. Die Schriftstellerin und Aktivistin habe zwar zum Olymp der Pariser Dada-Szene gehört, doch komme in Tristan Tzaras Dada-Geschichte von 1924 nicht vor. Sie schreibt in einem sarkastischen Brief an den einstigen Kollegen: „Mein lieber Freund, ich bin sehr erstaunt, dass Sie in Ihrer Geschichte der Dada-Bewegung – in der Sie sich sogar sehr großzügig gegenüber Ihren gegenwärtigen Feinden zeigen – meinen Beitrag sowohl zur Lyrik als auch zur Aktion zu erwähnen vergessen.“

„Vive la Dada“

Andererseits merkt Ina Boesch an, dass die Dadaistinnen selbst wenig unternahmen, um den männlichen Kanon zu korrigieren: „Nur einige – und vor allem Randfiguren – haben über ihre Dada-Zeit geschrieben. Häufig erschöpften sich ihre Erinnerungen in Anekdoten.“

Immerhin sind die Verhältnisse in der Gegenwart in Bewegung geraten. Die tradierten Narrative werden korrigiert, verworfen oder erweitert – je nach dem Grad der Ignoranz. Ina Boesch selbst ruft aus: „Vive la Dada.“

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir die Ausstellung „Maestras – Malerinnen 1500 – 1900“ im Arp-Museum HIER vorgestellt.

Die Ausstellung

im Arp-Museum im Bahnhof Rolandseck in Remagen wird am 5. Juli 2024 um 19 Uhr eröffnet und ist bis zum 12. Januar 2025 zu sehen. Eintritt: 12 Euro (erm. 9 Euro).

Ergänzt wird die Präsentation durch eine Klanginstallation von Susan Philipsz, einen Film von Barbara Visser, eine Tanzperformance von Brygida Ochaim und Dirk von Lowtzows Vortrag von DADA-Texten.  

Julia Wallner (Hg.): „der die Dada- Unordnung der Geschlechter“, Hirmer Verlag, 288 Seiten, 38 Euro.

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