„Wenn einmal so ein Stein ins Rollen gebracht ist“: Markus Schwering im Gespräch über Brachland und Blüte in der „Kölner Literaturgeschichte“

Markus Schwering widmet sich der Kölner Literaturgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Foto: Bücheratlas/M.Oe.

Um die „Kölner Literaturgeschichte“ von den Anfängen bis zur Gegenwart geht es in Deinem Buch. Wie hast Du Dich diesem Großprojekt genähert?

Es war für mich ein entscheidender Punkt, dass ich einen gedanklichen Fokus brauchte, ein erkenntnisleitendes Interesse. Ich wollte nicht nur positivistisch aneinanderhängen, was da so alles war. Das kam überhaupt nicht infrage. Das wäre auch etwas, was keiner lesen will. Wer dennoch danach sucht, soll zum Lexikon greifen – da gibt es zum Beispiel ein sehr gutes in zwei Bänden von Enno Stahl.

Was also war die zentrale Frage?

Wie konnte Köln die Literaturstadt werden, die es Jahrhunderte lang nicht war? Jürgen Becker hat in seiner Laudatio auf Hans Mayer anlässlich der Verleihung des Böllpreises an ihn im Jahr 1980 gesagt: Köln war und ist keine Stadt der Literatur. Das würde er – glaube ich – heute so nicht mehr sagen. Wie also kam es, dass aus einer literarisch dürftigen Stadt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine blühende literarische Metropole wurde. Als solche hat sie ja Michael Köhlmeier bezeichnet, als er sich anlässlich seines Auftritts rund um das „Buch für die Stadt“ ins Gästebuch der Stadt Köln eintrug.

Das war 2013, als er der Novelle „Idylle mit ertrinkendem Hund“ zu Gast war. Damals schrieb er bei einem Empfang im Rathaus voll des Wohlwollens: „Köln ist die Literatur-Hauptstadt Deutschlands“.

Ich teile das. Köln ist vielleicht nicht die Metropole, aber doch eine Metropole. Daraus resultiert meine Frage: Wie kam das und welche Hebel mussten umgestellt werden, wo musste was getriggert werden, damit diese Entwicklung überhaupt möglich wurde.

„Kölns katholische Wagenburg-Mentalität“

Mit der Beantwortung hast Du alles in allem fast 500 Seiten gefüllt. Kann man die Antwort kürzer fassen?

Es gibt nicht den einen Grund. Die Antwort muss multifaktoriell ausfallen. Was lange die literarisch-intellektuelle Entwicklung behindert hat, war die dominierende katholische Sozialmoral und die institutionelle Macht der katholischen Kirche. Das sieht man im 17. Jahrhundert, als Friedrich von Spee Zeuge des „Hexenprozesses“ gegen Katharina Henot wurde und darüber die „Cautia Criminalis“ schrieb. Im 18. Jahrhundert war die Kölner Universität der Ort einer verknöcherten Scholastik. Als Ferdinand Franz Wallraf dort seine Rektoratsrede nicht auf Lateinisch, sondern auf Deutsch hielt, war das ein Skandal in der gebildeten Community – die übrigens nicht sehr groß war. Es lässt sich also verfolgen, dass eine restriktive, antiintellektuelle katholische Moral die Entwicklung einer lebendigen literarisch-intellektuellen Szene verhindert hat.

Das hing auch zusammen mit der katholischen Wagenburg-Mentalität. Man darf nicht übersehen: Köln war die einzige große Reichsstadt, die nicht zur Reformation überging. Dazu noch dies: Der Germanist Albrecht Schöne hat auf die explosive Bedeutung des evangelischen Pfarrhauses für die deutsche Literatur hingewiesen – von Gryphius bis Benn. Die Bedeutung ist gigantisch. Durch das Zölibat gab es das im katholischen Bereich nicht. Köln war keine kunstfeindliche Stadt – die bildende Kunst und die Musik waren reich vertreten, aber eben nicht die Literatur.

Wann wurde es besser in Köln?

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Zwar endete die institutionelle Macht der katholischen Kirche mit der Franzosenzeit und der Integration Kölns ins preußische Staatsgebiet. Aber die literarische Situation in Köln wurde trotz dieses Bruchs zunächst nicht besser. Das 19. Jahrhundert ist auf weite Strecken eine deplorable Zeit für das literarische Köln. Das hing zum einen zusammen mit der katholischen Tradition, die in der lebensweltlichen Orientierung nachwirkte. Zum anderen damit, dass das Wirtschaftsbürgertum in Köln sehr stark war – was damit zusammenhing, dass die Rheinprovinz eine der industriell am stärksten fortgeschrittenen Regionen des deutschen Sprachraums war. Und die Wirtschaftsbürger wollten, von ihrer aufreibenden Tagesarbeit im Kontor ermüdet, abends keine anspruchsvollen intellektuellen Angebote wahrnehmen, sondern sich im Lachtheater unterhalten lassen.

Das hat sich nach dem Krieg geändert?

Ja. Die konfessionelle Erosion, überhaupt die Bindekraft einer Religion und religiöser Institutionen nahm immer weiter ab. Was nach dem Krieg dazu kam, das war die außerordentliche Anziehungskraft verschiedener Institutionen, vor allem der Rundfunkanstalten. Das kann man an einzelnen Biografien ablesen -bei Heinrich Böll, Paul Schallück, Dieter Wellershoff, Jürgen Becker. Es kamen Schriftsteller nach Köln, weil sie wussten, dass der WDR ihnen quasi den Lebensunterhalt sicherte. Damals sind viele Hörspiele entstanden. Auch die bis dahin notorische Schwäche des Bildungsbürgertums besserte sich, wozu die Kölner Universität ihren Beitrag geleistet hat.

Zuletzt gab es Ende des vergangenen Jahrhunderts einen Schub?

Bis weit in die 1960er Jahre hinein war der Verlag Kiepenheuer & Witsch der Platzhirsch in einer ansonsten dürftigen Gegend. Von der Stadt kamen lange Zeit keine Impulse, sieht man einmal ab vom Kölner Literaturpreis, dem heutigen Heinrich-Böll-Preis. Dann aber verdichtete sich das literarische Netzwerk, es kamen Verlage hinzu und es entwickelte sich ein öffentliches Bewusstsein für die Literatur. Schließlich die Gründung des Literaturhaus Köln. Wenn einmal so ein Stein ins Rollen gebracht ist, zieht das eine das andere nach sich.

Brinkmann, Kling und „Kölner Schule“

Gibt es in der Kölner Literaturgeschichte ein Spezifikum, das Du entdeckt hast, also ein Alleinstellungsmerkmal?

Nein, ehrlich gesagt nicht. Wenn man auf die Frage mit „Ja“ antwortet, kommt man leicht ins Mythifizieren und Mystifizieren. Was die Themen der Kölner Literatur anbetrifft, so liegt es nahe, dass da die Stadt und ihre Lebenswelt sehr viel stärker drankommen als in Hamburg oder München. Das ist aber eine einigermaßen triviale Erkenntnis. Ein spezifischer Kölner Ton abseits der Mundartliteratur? Schwierig. Die Kölner Literatur findet, so denke ich, gerade in der Gegenwart ihre Einheit in der Diversität.

Wie steht es um literarische Entwicklungen, die zur Gänze an Köln vorbei gegangen sind?

Köln hat für Literatur der Aufklärung keine große Rolle gespielt, ebenso nicht für die Romantik, wenngleich es Nachahmer gegeben hat. Realismus, Naturalismus, Expressionismus – weitgehend Fehlanzeige. Sieht man einmal von der kurzfristigen Dada-Bewegung ab, war da auch in der Moderne wenig Bemerkenswertes. Das sieht heute ganz anders aus: Da ist eigentlich alles präsent, auch avancierte Schreibstile.

Nun die Gegenprobe: Gibt es eine Entwicklung, die von Köln ausgegangen ist?

Da fällt mir die „Kölner Schule des Neuen Realismus“ ein, die Dieter Wellershoff befördert hat. Unter diesem verkaufsträchtigen Schlagwort wurden alle möglichen Autoren zusammengefasst. Auch solche, die wenig miteinander verbindet. Was hat Rolf Dieter Brinkmann mit Günter Steffens zu tun? Im Kern ging es um eine Abwendung von der etablierten Tradition – weg von der moralisierenden Bewältigungsliteratur nach Drittem Reich und Zweitem Weltkrieg. Weg auch von der satirischen, zum Teil grotesken Tradition, für die Günter Grass in seiner „Blechtrommel“ stehen mag. Unter Rückgriff auf den „Nouveau roman“ in Frankreich ging es um ein neues Realismus-Konzept. Na, und dann möchte ich Brinkmann und Thomas Kling nennen, deren Einfluss auf die bundesdeutsche Lyrik erheblich war und ist.

Schwieriges Verhältnis zwischen Böll und Wellershoff

Es ist viel von Männern die Rede. Wie steht es um die weiblichen Stimmen in der Kölner Literaturgeschichte? Gibt es Schriftstellerinnen in der Vergangenheit, die bislang übersehen worden sind?

Also, ich habe mich umgeschaut. Sicherlich gibt es noch die eine oder andere Nonne aus einem Kölner Kloster, die mit geistlicher Lyrik hervorgetreten ist. Da könnte man noch intensiver forschen. Aber insgesamt war es aufgrund der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für Frauen schwierig. Nicht nur in Köln, sondern auch in anderen Literaturregionen gaben „alte weiße Männer“ den Ton an. Es liegt also nicht an den Frauen, dass es von ihnen vergleichsweise wenige Werke gibt, sondern an der patriarchalisch dominierten Gesellschaft, die solche literarischen Produktionen verhindert hat.

Hast Du bei den Recherchen Entdeckungen gemacht? Fundsachen, von denen Du zuvor nichts ahntest?

Naja, der Antisemitismus bei Ferdinand Franz Wallraf hat mich schon überrascht.

In einem Aufsatz über Stefan Lochners Gemälde der Kölner Stadtpatrone kommt Wallraf auf die Vertreibung der Juden aus Köln im Jahre 1424 zu sprechen. Da bediene er, lesen wir in Deinem Buch, „das sattsam bekannte Narrativ vom Wucherjuden“.

Ja, und das ist auch in der breiteren Öffentlichkeit so nicht bekannt. Dann hat mich die Konstellation Böll – Wellershoff interessiert, die auch sehr signifikant ist für das Nachkriegs-Deutschland.  

Was ist daran so spannend?

Man denkt zunächst einmal, dass Dieter Wellershoff der loyale Lektor Heinrich Bölls bei Kiepenheuer & Witsch gewesen sei. Das ist gewiss so gewesen. Aber ein relativ entspanntes kollegiales Verhältnis war das mitnichten. Da kam Verschiedenes zusammen. Zum einen eine unterschiedliche Auffassung von der Aufgabe der Literatur, von der eigenen Literaturkonzeption. Dann gab es persönliche Gegensätze. Schließlich herrschte auch eine ganz ordinäre Konkurrenz – und zwar von beiden Seiten. Wellershoff hat sich selbst immer als den deutlich besseren Schriftsteller gesehen, aber musste mit Erbitterung feststellen, dass der andere viel erfolgreicher war. Insofern war dann Wellershoffs großer Bestseller „Der Liebeswunsch“, der Jahre nach Bölls Tod rausgekommen ist, eine späte Genugtuung. All das habe ich, so scheint mir, im Buch noch relativ zurückhaltend dargestellt. Auch haben nachträgliche Recherchen ergeben, dass das Verhältnis der beiden gerade in Bölls letzten Lebensjahren vielleicht nicht zerrüttet, aber schlicht und einfach schlecht war.

Gibt es weitere Entdeckungen?

Sicher in der blühenden Gegenwartsszene. Da denke ich an Bastian Schneider oder an Guy Helminger. Aber auch noch an viele andere. Das Spektrum ist sehr divers. Auch gibt es einen gigantischen Output der Frauen. Wenn man da mit dem Aufzählen anfängt, kann man nur verlieren.

Wie steht es um die Mundart, die Du eben schon einmal erwähnt hast?

Die Mundartliteratur ist in der Kölner Literaturgeschichte auf jeden Fall stark vertreten. Das hat sich bis in die Gegenwart gehalten. Da denke ich auch an die kritischen Beiträge von den Bläck Fööss bis zu BAP.

Von Köln nach Bethlehem

Du bist in Köln als Musikkritiker tätig – und zwar als Fachmann für die Ernste Musik im „Kölner Stadt-Anzeiger“. Welche Rolle spielt denn die Musik in der Kölner Literatur? Gibt es nennenswerte Libretti, gibt es belletristische Annäherungen an die Musik?

Diese Verbindung zwischen Literatur und Musik scheint mir eher schwach zu sein. Da fällt mir die Kooperation von Thomas Kling mit dem Musiker Frank Köllges ein. Oder ich denke an den Bach-Roman von Angela Steidele. Und wenn man weiter zurück geht, stößt man auf Friedrich von Spee, der die Melodie zu dem Lied „Zu Bethlehem geboren“ geschrieben hat. Da gibt es sicher noch das eine oder andere. Aber insgesamt hat die Kölner Musikgeschichte mit der Kölner Literaturgeschichte nichts zu tun.

Lange Jahre warst Du auch Vorsitzender der Kölner Goethe-Gesellschaft. Was hat denn der Altmeister mit Köln zu tun?

Er war zweimal in Köln – 1774 und 1815. Er war jeweils nur zwei Tage hier. Der zweite Besuch ist der für Köln bedeutsamere gewesen. Ferdinand Franz Wallraf hat ihn damals durch den Dom geführt – und nach allem, was man hört, hat er den Goethe totgelabert. Aber immerhin hat Goethe, nachdem er zunächst Wallrafs Sammlungen als „Chaos“ bezeichnet hat, sich dafür eingesetzt, dass  es dafür einen angemessenen Raum geben sollte. Insofern kann man Goethe als Initiator des Wallraf-Richartz-Museums ansehen.  

Gibt es einen „Goethe von Köln“, also eine herausragende Gestalt in der Kölner Literaturgeschichte?

Leider nicht. Bölls Stern ist mit den Jahren verblasst. Aus guten Gründen – weil vieles als nicht mehr relevant, als uns nicht betreffend angesehen wird. Ich halte Dieter Wellershoff sowieso für den besseren Autor. Aber auch der befindet sich in einem tiefen Rezeptionstal. Wer liest heute noch Wellershoff? Es kann sein, dass sich das im nächsten Jahr ändert, wenn sein 100. Geburtstag ansteht. Aber noch einmal: Zu den allerhöchsten literarischen Gipfeln hat sich Köln wahrscheinlich nicht bewegt.   

Mit Markus Schwering sprach Martin Oehlen

Zur Person

Markus Schwering, 1956 in Köln geboren, studierte in Köln, Bonn und München Germanistik, Geschichte und Musikwissenschaft und wurde 1984 mit einer Arbeit über Formprobleme des spätromantischen Romans promoviert. Von 1990 bis 2022 war er Kulturredakteur beim „Kölner Stadt-Anzeiger“. Er arbeitet weiterhin als Musik- und Literaturkritiker in Köln.

Markus Schwering: „Kölner Literaturgeschichte – Von den Anfängen bis zur Gegenwart“, Band 53 der Veröffentlichungen des Kölnischen Geschichtsvereins, Böhlau Verlag, 492 Seiten, 49 Euro.

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