Wir stechen in See! Mit dem Kreuzfahrtschiff geht es einmal um die britischen Inseln. „Mörderische Meeresbrise“ heißt das Motto der Fahrt. Was es damit auf sich hat, schildern wir in unserem Dreiteiler.

Leinen los
„Große Freiheit“, schallt es aus allen Lautsprechern. „Du bist ein Kind der See, und die Welt liegt dir zu Füßen. Dein Horizont erwacht, und die Nacht lebt wie der Tag“, dröhnt der „Lord“ von der Rockband „Unheilig“. Wir stehen an Deck 15, einen Drink in der Hand, und blicken zurück auf Bremerhaven. Langsam versinkt die Stadt im Dunst eines zu kalten Sommertages. Vor uns liegen 13 Tage Kreuzfahrt: England, Schottland, Nordirland.
Ich bin auf der True-Crime-Tour „Mörderische Meeresbrise“ von TUI-Cruises, gemeinsam mit Gerichtsreporterin Hariett Drack (Die Zeit, Kölner Stadt-Anzeiger). Sie wird über ihr Buch „Saal 210 – Wenn Menschen morden“ sprechen, in dem sie einige Fälle aus dem Kölner Landgericht schildert (den Band haben wir auf diesem Blog HIER vorgestellt). Ebenfalls dabei auf „Mein Schiff 3“: Profiler und Buchautor Axel Petermann, Spurensicherer Andreas Ullrich und Rechtsanwalt Stephan Lucas, der in TV-Shows wie „Richter Alexander Holt“, „Im Namen der Gerechtigkeit“ und „Ulrich Wetzel – Das Strafgericht“ auftritt.
Unterm Balkon hängt das Rettungsboot
Noch nie war ich so lange auf See, noch nie war ich mit so vielen Menschen – rund 2500 Personen, Durchschnittsalter 62 Jahre – so lange zusammen auf engem Raum. Auf dem Programm stehen Landausflüge und Sportangebote, Vorträge und Shows. Man kann sich im Spa-Bereich durchkneten lassen, sein Geld im Casino verzocken oder sich der Getränkekarte widmen: Cosmopolitan, Pina Colada, Casanova. Man kann sich auch, wenn es hart auf hart kommt, in seiner Kabine verkriechen oder sich auf den „blauen Balkon“ mit dem gläsernen Fußboden setzen, unter dem es 14 Stockwerke in die Tiefe geht.
Die Kabine auf Deck 6 ist groß, unter dem Balkon hängt ein Rettungsboot. Das beruhigt. Es könnte unruhig werden in der Nacht, hatte der Kapitän kurz nach dem Ablegen per Lautsprecher gewarnt. „Wellen bis zu drei Metern hoch.“ Ich spüre nur ein sanftes Schaukeln, einschläfernd, als läge ich in einer Babywiege, während die Schranktür mich leise in den Schlaf knarzt.

Tür auf, Tür zu
Ich bin kein Gruppenmensch. Das ist der Nachteil auf Reisen wie diesen. Mit dem – vollbesetzten – Fahrstuhl geht es am nächsten Morgen hoch zu einem der Frühstücksräume. Die Restaurants „Gosch“ und „Anckelmannplatz“ liegen auf Deck 12, ich wohne auf Deck 6. Tür auf, Tür zu. „Guten Morgen, guten Morgen, guten Morgen“. Man ist freundlich zueinander und smalltalkt sich von Etage zu Etage. Tür auf, Tür zu. „Das war ja ganz schön heftig heute Nacht. Haben Sie auch was gemerkt?“ Tür auf, Tür zu. „Wo gibt es das beste Frühstück?“ und „Wie wird das Wetter heute?“ Tür auf. „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“
Die Schlange vor der Theke mit dem frischgebackenen Brot ist lang, doch das Warten lohnt sich. Käse Brötchen, Wurst und Warmes, Obst und Müsli und Haferbrei. Orangensaft (frischgepresst) kostet extra. Man sucht sich mit seinem Tablett einen Platz möglichst am Fenster und blickt hinaus aufs Wasser, das in langen Wellen heranrollt. Unruhige See? Ach was!
England – irgendwo dahinten
Der Blick gleitet über das Wasser in die Ferne. Die Hintergrundgeräusche, das Kreischen der Kinder, das Klackern von Tassen, Gläsern und Tellern, werden zur Nebensache. Irgendwo da hinten muss England liegen. Ein paar Tage später, in der Nähe der Hebriden, werden Delfine eine kurze Wegstrecke begleiten. Hier möchte man bleiben, genau hier, am Fenster, mit Blick hinaus aufs Wasser, das in langen Wellen heranrollt.
Petra Pluwatsch
Fortsetzung folgt am kommenden Dienstag
Auf diesem Blog
haben wir Hariett Dracks Gerichtsreportagen „Saal 210 – Wenn Menschen morden“ (Quadriga bei Bastei Lübbe) HIER vorgestellt.
