Der Junge aus dem Südstaaten-Slum, der eigentlich US-Präsident werden will: „Amerigo Jones“ von Vincent O. Carter ist eine grandiose Entdeckung

Einmal einen „Ford“ zu besitzen – davon träumt Amerigo Jones. Foto: Bücheratlas/M.Oe.

Rutherford Jones nennt seinen Sohn Amerigo „kleiner Niggah“, wenn der nicht spurt. Wohlwissend, dass man das N-Wort nicht benutzen soll. „Wenn dich jemand so nennt, achte einfach nicht auf ihn“, schärft er Amerigo ein. Und erklärt dem Kind: „Wenn dich ein Weißer so nennt, weil er denkt, er ist was Bessres, würdest du ihn am liebsten umbringen, den Rassisten, aber untereinander nennen wir uns ständig so. Wahrscheinlich kommts nich so drauf an, was man sagt, sondern wie mans sagt – un wie mans meint.“ „Yessir“, antwortet Amerigo dann und rennt hinaus auf die Cosy Lane, wo er mit seinen blutjungen Eltern in einer feuchten Zweizimmerwohnung lebt. Nebenan ist ein Puff, einer der Nachbarn handelt mit Rauschgift, und bettelarm sind die Schwarzen alle, die hier wohnen, im Ghetto einer namenlosen Stadt im Süden der USA.

„Bumm, bumm, bumm“

Vincent O. Carter, vor 100 Jahren, am 23. Juni 1924, in Kansas City geboren, hat in seinem epochalen Roman „Amerigo Jones“ seine eigene Kindheit und Jugend verarbeitet. Wie sein junger schwarzer Protagonist wuchs er in bescheidenen Verhältnissen auf und wurde, kaum erwachsen, als Soldat mit den Schrecken des Zweiten Weltkriegs konfrontiert. „Bumm, bumm, bumm“ – der Geschützdonner nach der Landung der Alliierten in Frankreich begleitet Amerigo und die Leserinnen und Leser durch die gesamte Lektüre, quasi als Vorgriff auf das, was ihn, der eigentlich „Präsident von Amer’ka“ werden will, erwartet.

Entstanden ist der knapp 750 Seiten starke Roman Anfang der 1960er Jahre. Damals lebte Vincent O. Carter seit einigen Jahren in Bern (wo er 1983 auch starb) und bestritt seinen Lebensunterhalt mit Radiosendungen und Englischlektionen. Nebenbei schrieb er Erzählungen und hielt seine Erfahrungen als Schwarzer in Bern in dem kritisch-ironischen Stadtporträt „The Bern Book – A Record of a Voyage of the Mind“ fest, das 1973 in den USA veröffentlicht wurde. In deutscher Übersetzung erschien „Meine weiße Stadt und ich – Das Bernbuch“ im Jahr 2021.   

„Such Sweet Thunder“

„The Primary Colors“, so der Arbeitstitel von „Amerigo Jones“, fand zu Carters Lebzeiten hingegen keinen Verlag. Erst zu Beginn der 2000er Jahre spürte der amerikanische Verleger Chip Fleischer, der durch das „Bern Book“ auf Carter aufmerksam geworden war, das Manuskript bei dessen Lebensgefährtin auf. 2003 erschien das Originalmanuskript unter dem Titel „Such Sweet Thunder“, drei Jahre später folgte eine gekürzte Taschenbuchausgabe. „Amerigo Jones“ ist die erste Übersetzung ins Deutsche und basiert auf dem ungekürzten Text der Originalausgabe.

Amerigo Jones wächst als Einzelkind im Kreis von Nachbarn und Verwandten auf. Seine Eltern Rutherford und Viola waren bei seiner Geburt erst 16 Jahre alt. Die Lebensumstände der jungen Familie sind bescheiden. Rutherford arbeitet für ein paar Dollar als Hausmeister in einem schäbigen Hotel, doch eine andere Arbeit findet sich nicht für den ungelernten jungen Schwarzen. Viola hat diverse Jobs und glättet in ihrer Freizeit den Nachbarinnen die Haare. Amerigo, darin sind sich die Eltern einig, soll es einmal besser haben als sie. Lernen soll er, zur High School und vielleicht sogar auf ein College gehen, um Arzt oder Rechtsanwalt zu werden. Amerigo ist das nur recht. Wenn er erst einmal reich sei, werde er den Eltern ein Haus kaufen, verspricht er ihnen. Mit Garten, Pool, einem Zimmer für jeden von ihnen und einen „Ford“ vor der Tür.

Akribisch beschrieben, genial übersetzt

Wir begleiten Amerigo auf seinem Weg zur Schule, durch die verslumte Cosy Lane, wo es aus den Mülleimern stinkt und abends Randale ist, und hocken gemeinsam mit ihm auf den Treppenstufen vor dem Haus. Akribisch schildert Carter die Sinneseindrücke des Jungen: die Gerüche und das Klicken der Bierflaschen, wenn die Nachbarn abends auf ihren Veranden sitzen. Das Licht der aufgehenden Sonne, wenn es die Gasse in ein goldenes Licht taucht. Das Zwitschern der Vögel, das im Laufe des Tages verstummt. Kein Detail entgeht dem Autor, kein Dialog ist ihm zu alltäglich, als dass er nicht wert wäre, wiedergegeben zu werden.

So entsteht ein dichtes Porträt städtischen schwarzen Lebens in den 1920er, 1930 Jahren, wie man es bislang noch nicht gelesen hat. „Amerigo Jones“, von pociao und Roberto de Hollanda genial ins Deutsche übersetzt, ist Sittengemälde und Bildungsroman zugleich. Doch vor allen Dingen ist es eines: unbedingt lesenswert.

Petra Pluwatsch

Vincent O. Carter: „Amerigo Jones“, dt. von pociao und Roberto de Hollanda, Limmat, 744 Seiten, 39 Euro. E-Book: 29,99 Euro.  

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