
Man muss auch an die Zukunft denken. Das machte das Kölner Symposium „Schreiben, was kommt“ an drei Tagen deutlich. Marlene Losch, Studentin am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wies auf der Bühne des Stadtgartens auf eine in 1000 Jahren bevorstehende Begegnung mit Aliens hin. Gewiss würden diese Besucher dann wissen wollen, welche Geschichten wir uns auf der Erde erzählen. Ja, lautete die finale Frage ihres schönen Vortrags: „Welche Geschichten werden wir uns dann erzählen?“
„Was bringt die Literatur der Zukunft?“
Klingt abgefahren. Aber passte sehr gut zu diesem ersten Gipfeltreffen der Schreibinstitute an deutschsprachigen Hochschulen. Bereits im Jahre 2020, so sagte es Andrea Firmenich von der Kunststiftung NRW, sei die Idee zu einem gemeinsamen Auftritt aufgekommen. Nun kann Vollzug gemeldet werden: Köln war drei Tage lang Gastgeber des ersten Symposiums dieser Art. Dass zum Gelingen das Literaturhaus Köln wesentlich beigetragen hat, namentlich dessen Leiterin Bettina Fischer, wurde bei der Eröffnung mehrfach und mit Entschiedenheit zum Ausdruck gebracht.
Eingeladen hatten das Deutsche Literaturinstitut Leipzig (DLL), die Kunsthochschule für Medien in Köln (KHM), die Universität für angewandte Kunst in Wien und die Universität Hildesheim. Die Grundsatzfrage lautete: „Was bringt die Literatur der Zukunft? Wer schreibt sie, mit welchen Themen, unter welchen Voraussetzungen?“ Dazu gab es Tagen Lesungen, Diskussionen und Performances mit über 60 Gästen und vielen Studierenden. Schon vor der ersten Mikrofonprobe stand fest: das Interesse ist groß. Sämtliche Veranstaltungen waren ausverkauft.
Appell an die Stadt Köln
Diese frohe Kunde verleitete dann auch Andrea Firmenich, die als erste zur Eröffnung sprach, den Kölner Kulturdezernenten Stefan Charles zu ermuntern, die Literaturszene der Stadt entschlossen zu fördern. Oper, Theater und Tanz – schön und gut. Aber auch teuer. Anders als die Literatur. Und das Interesse am Symposium zeige, dass die Literatur gebraucht werde. Da sei es doch wünschenswert, nähme die Stadt die Literatur noch stärker in den Fokus. Allerdings verwandelte Stefan Charles den Ball nicht, der ihm auf den Elfmeterpunkt gelegt worden war, sondern beließ es bei dem Hinweis, dass das Lesepublikum in Köln groß sei. So weit, so bekannt.
Kathrin Röggla von der Kölner Kunsthochschule für Medien und Ulrike Draesner vom Deutschen Literaturinstitut Leipzig fächerten das Themenfeld auf. Das heißeste Eisen: Was bedeutet die KI für das literarische Schreiben? Dann aber auch: Wie steht es um die Themen der Zeit – um die Verwerfungen jedweder Art und um die Wahrheit politischer Narrative, um Diversität und Mehrsprachigkeit. Zudem der Blick in die Werkstatt: Wie – zum Beispiel – nutzt die Literatur das Wissen, das andere generiert haben? Schließlich gibt es noch die schlichteste Frage, die an ein Schreibinstitut gestellt werden kann: Wie und warum lehrt und lernt man literarisches Schreiben?

„Es zieht – und das ist gut so“
Die „Keynote“ zur Veranstaltung hielt Karin Harrasser, Professorin für Kulturwissenschaft an der Kunstuniversität Linz. Unter dem Titel „Luft pflanzen“ (und mit einem Exkurs zu den erstaunlichen Luftpflanzen, den Tillandsien) plädierte sie für eine größtmögliche Offenheit beim Schreiben: „Alle möglichen Winde müssen durch den Text wehen, und was nervt und stört, darf Wurzeln schlagen.“ Kurzum: „Es zieht – und das ist gut so.“ Ein Text müsse durchlässig sein und auf Stimmenfang gehen, ja, diese Stimmen aufsaugen wie Feuchtigkeit. Aber wie schreiben, was kommt, wenn sogar die nahe Zukunft ungewiss ist? Karin Harrasser vergleicht ihr Verfahren mit einem Echolot: „Ich pinge in eine Richtung und hoffe, es kommt ein Ping zurück.“
Schon klar – es gab jede Menge Redebedarf. Die Sache mit der Künstlichen Intelligenz? Da scheiden sich die Geister. Auch in der Gesprächsrunde „Besser schreiben ohne Menschen“. Einig schien man sich zu sein, dass von der Maschine vorerst allenfalls leichte Kost (Young Adult, Romance), aber keine „anspruchsvolle“ Literatur zu erwarten sei. Aber immerhin bekannte Jenifer Becker, Autorin des Romans „Zeiten der Langeweile“ (Hanser Berlin) und Dozentin am Literaturinstitut Hildesheim, dass ihr die neuronalen Netze bei Konzeption und Überarbeitung eines Textes nützlich erscheinen. Gleichwohl betonte sie mehrfach, dass eine Überprüfung der KI-Ergebnisse unabdingbar sei.

Schönheit und Schrecken der KI
Der Autor Philipp Schönthaler, von dem vor wenigen Tagen der Band „Wie rationale Maschinen romantisch wurden: KI, Kreativität und algorithmische Postrationalität“ (Matthes & Seitz) erschienen ist, trug allerlei Historisches zum automatisierten Schreiben bei. Er selbst scheint hin- und hergerissen zu sein, ob die neue Literaturwelt schön oder schrecklich oder irgendetwas dazwischen ist. Jedenfalls bemerkte er, dass es der KI noch an der großen Vision mangele: „Es gibt keine Idee, wie man damit die Literatur revolutionieren könnte.“
Entschieden skeptisch blickt die Übersetzerin und Theaterautorin Claudia Hamm auf die Entwicklung. Sie hat soeben den Akzente-Band zur „Automatensprache“ (Hanser) herausgegeben. Auf der Stadtgarten-Bühne führte sie a) ethische, b) juristische, c) ökologische, d) inhaltliche und e) ökonomische Einwände ins Feld.
Einkünfte brechen weg
So sei – fangen wir mal mit dem Buchstaben a an – das Menschenbild der KI-Entwickler von der Annahme geprägt, dass der Mensch berechenbar sei. Die Maschine solle dem Menschen ähneln, nein, ihn übertreffen. Nicht nur der Gerichtsprozess, den die New York Times angestrengt habe, mache offensichtlich, dass hier „Plagiatsmaschinen“ am Werk seien. Tatsächlich schöpfe die KI aktuell aus vier Millionen urheberrechtlich geschützten Büchern (und zudem aus dem kompletten Wikipedia-Angebot, allen möglichen Foren etc.). Weiter sei der Stromverbrauch der neuronalen Netze außerordentlich (und habe Eingeweihte inspiriert, in die Atomenergie zu investierten). Nicht zu vergessen: die sogenannten Halluzinationen. Zu denen neige die KI, wenn ihr die Informationen ausgehen: Wo sie nichts finde, da erfinde sie.
Schließlich werden die Konsequenzen auf dem Arbeitsmarkt deutlich. Claudia Hamm führte an, dass bei Übersetzungen ins Englische bereits 30 Prozent der Aufträge und 40 Prozent der Einkünfte weggebrochen seien. Jedoch: Alles in allem sieht sie das automatisierte Schreiben „nur“ als Teil eines viel größeren KI-Projekts, von dem sie vieles erwartet – aber nichts Gutes.
Kritik an Spätformen des Geniekults
Die KI macht die Schreibwerkstätten nicht überflüssig. Im Gegenteil. Eine Runde im Kölner Filmhaus kam nicht ganz überraschend zu dem Schluss, dass es im deutschsprachigen Raum – anders als in den USA – viel zu wenige Institute dieser Art gebe. Das liege vor allem an den Spätformen des Geniekults. Es werde mancherorts weiterhin bezweifelt, dass literarisches Schreiben unterrichtet werden könne. Dabei seien doch das Erlernen des Handwerks, die Begleitung bei der Textentstehung und nicht zuletzt die Kenntnis der Tradition hilfreich.
Schreiben heißt demnach erst einmal: Lesen. Es gehe darum, so sagte es Monika Rinck von der Kunsthochschule für Medien in Köln, den Horizont zu erweitern. Das verhindere auch, „dass man ungewollt zu Epigonen“ werde. Genau so sieht es Nancy Hünger von der Universität Tübingen. Allerdings pocht sie darauf, den etablierten Kanon zu erweitern: „Wir lesen auch gegen den Kanon, weil darin weibliche Stimmen oft fehlen.“

„Wenn ich Du wäre…“
Zur Praxis der einschlägigen Studiengänge gehört die kollektive Textkritik. Dabei handele es sich um eine Art von Liebe, meinte Nancy Hünger, denn man lasse sich sehr intensiv auf die Manuskripte der anderen ein. Scheitern sei keine Schande, sondern gehöre wesentlich zum Prozess des Schreibens.
Selbstverständlich kann man auch Autor und Autorin sein und werden, ohne das Schreiben studiert zu haben. Das Gespräch in großer Runde über den eigenen Text ist gewiss nicht jedermanns Sache. Gleichwohl ist unstrittig, dass die Kritik behutsam vorzutragen sei. Paul Brodowsky von der Universität der Künste in Berlin verriet seinen Standardsatz, den er im Studiengang Szenisches Schreiben verwendet: „Wenn ich Du wäre, würde ich…“
Steigendes Interesse am Studiengang
Die Nachfrage der Studierenden sei groß, stellte Christof Hamann von der Universität Köln fest. Bei dem von ihm begründeten Studiengang „Theorien und Praktiken professionellen Schreibens“ registriert er mittlerweile doppelt so viele Bewerbungen wie es Plätze gibt. Er ist der Ansicht, dass sich die Universitäten anpassen müssten. „Bei uns an der Fakultät wird jetzt der Praxisbezug groß geschrieben – dabei hat der jahrzehntelang niemanden interessiert.“ Das mag auch damit zusammenhängen, dass der Germanistik die Studierenden abhandenkommen. „Ich glaube“, so Christof Hamann, „da wird sich was ändern.“
Jetzt noch etwas weiter hinaus in die Zukunft! Zu einer „Linguistischen Astrologie“ hatte Dagmara Kraus geladen. Die Juniorprofessorin am Literaturinstitut Hildesheim wagte den „Versuch einer sprach-utopischen Sterndeutung“. Wie steht es in 100 oder 200 Jahren um Sprache und Dichtung? Ermutigt fühlte sie sich dazu unter anderem vom Franzosen Leon Bollack, der 1903 ein Buch herausgebracht hat, das sich mit der französischen Sprache anno 2003 befasste: „La langue française en l’an 2003“.

Ypsilon als Lieblingsbuchstabe
Erstaunliche Fragen erreichten die Teilnehmenden der sehr spielerischen und sehr spekulativen Runde. Zapfen sie beim Schreiben „das Höhere“ an? Verstehen sie sich als Seher oder Seherinnen? Haben sie einen Lieblingsbuchstaben? Leider löste nur der Schriftsteller Yevgeniy Breyger das Buchstaben-Rätsel und bekannte sich aus naheliegenden Gründen zum Ypsilon. Schließlich die Suche nach dem nächsten Literaturtrend! Breyger hält es für möglich, dass die boomende Autofiktion von einer „hoch konstruierten Fiktion“ abgelöst werde. Und Tanja Sljivar bemerkt in den Texten ihrer Studierenden in Belgrad eine Neigung, nicht die Menschen, sondern die Dinge sprechen zu lassen – sagen wir: ein Haus. Aber ist das schon der nächste heiße Trend?
Frédéric Forte, Leiter des Studiengangs „Lettres et Création“ in Le Havre, ist Mitglied des Autorenkreises Oulipo. Der Franzose ist dadurch geradezu verpflichtet, bei jedem neuen Text nach einer neuen Form zu suchen. So sieht es das Oulipo-Gelübde vor. Doch selbst er hebt den Finger. Er wolle sich als Autor nicht in der Komfortzone ausruhen, aber für ihn gelte: „Nicht eine Neuheit um jeden Preis.“
Schreiben, was kommt? Das Symposium der Institute zeigte: Die Zukunft des Schreibens bleibt nebulös, aber ihre Gegenwart ist vital. All das ergab ein herrlich funkelndes Bekenntnis zur Literatur. Gipfelglück.
Martin Oehlen