
Diese Ehe hätte kaum schlechter beginnen können. Der Stich einer Biene entstellt das Gesicht der Braut. So lüftet Imelda Barnes ihren Brautschleier selbst beim Hochzeitstanz nicht. Wie ein Geist schwebt sie über die Tanzfläche, schwanger von einem Mann, den sie nicht liebt. Begann schon damals der Untergang der Familie Barnes?
Blonde Schönheit mit grasgrünen Augen
„Der Stich der Biene“ („The Bee Sting“) – so lautet denn auch der Titel dieses wuchtigen irischen Familienepos‘ von Paul Murray. Im Mittelpunkt des Geschehens: die vierköpfige Familie Barnes, zu Hause in einer Kleinstadt bei Dublin. Dickie Barnes hat von seinem Vater Maurice ein Autohaus geerbt, doch die Geschäfte gehen schlecht. Irland steckt im ersten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends in einer schweren Wirtschaftskrise. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, niemand in der Stadt will Autos kaufen. Erst recht nicht bei Dickie Barnes, dem Träumer mit den weichen Gesichtszügen, der vor 18 Jahren die Braut seines früh verstorbenen Bruders heiratete.
Vor allem Imelda, eine blonde Schönheit mit grasgrünen Augen, leidet unter dem wirtschaftlichen und sozialen Abstieg der Familie. Die Enddreißigerin stammt aus prekären Familienverhältnissen: Die Mutter ist früh gestorben, der Vater ein brutaler Säufer. Die Brüder sind kriminelle Dumpfbacken. Imeldas Kindheitserinnerungen beinhalten Schlägereien, Hunger und Vernachlässigung – auch mal ohne Punkt und Komma: „Was gibt’s zum Frühstück? Nichts Was gibt’s zum Abendessen? Nichts Die Sheriffs klopfen an die Tür Die Polizei Das Sozialamt Die Trottel des nämlichen Lions Club mit ihren Pappkartons mit Dosenmais und Terry’s Orangenschokolade die schon eine Woche über dem Verfalldatum ist.“
Zwei Verzweifelte finden zueinander
Mit 16 Jahren lernt sie in einer Kneipe Frank Barnes kennen, Dickies jüngeren Bruder, den Fußballstar und Schwarm aller Mädchen, reich, gutaussehend und charmant. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Und es ist Imeldas Fahrschein hinaus aus der familiären Hölle, hinein in eine imposante Villa am Stadtrand.
Doch kurz vor der Hochzeit stirbt Frank bei einem Autounfall. Zuvor war der junge Sportler vorübergehend aus der Fußballmannschaft ausgeschlossen worden. Der Vater hatte ihn dafür mit Liebesentzug abgestraft und beruflich kaltgestellt. Nun schien er sich wieder gefangen zu haben. Ein Irrtum? Kurz nach Franks Tod kommen Dickie und Imelda zusammen, zwei Verzweifelte, die ein Kind zeugen, das niemand haben will.
Antikes Drama strebt dem Höhepunkt zu
18 Jahre später ist Cass eine aufmüpfige junge Frau, die ebenso wie ihr jüngerer Bruder PJ unter den täglichen Streitereien der Eltern leiden. Das Geld ist knapp im Hause Barnes, ein Deja-Vu-Erlebnis für Imelda, die darauf mit aggressiver Panik reagiert. Sie muss ihren Schmuck abstoßen. Selbst der Küchentisch im Antik-Look aus massiver Eiche steht für 2000 Euro im Internet zum Verkauf. „Unten in der Küche, eingehüllt in Rauch, obwohl es nur kalten Braten gibt, schäumt Mam“, schildert PJ die häusliche Situation. „Es ist heiß wie in einem Hochofen: Die Hitze kommt von ihr, in rollenden Wellen entweicht sie ihrem Körper. Dad sitzt mit dem Kopf zwischen den Händen am Küchentisch.“
Wie ein antikes Drama läuft das Geschehen unaufhaltsam auf seinen tödlichen Höhepunkt zu. Erzählt wird die Geschichte – mal witzig, mal ironisch, mal tragikomisch – aus unterschiedlichen Perspektiven. Jede Person, Dickie, Imelda, Cass und PJ, hat ihren eigenen Erzählstil, was das Buch zusätzlich zu einer spannenden Lektüre macht. Erst nach und nach fügen sich die einzelnen Berichte und Rückblenden zu einem kunstvoll aufgebauten Gesamtwerk, das Paul Murray zu Recht 2023 einen Platz auf der Shortlist zum Booker Prize und den An Post Irish Book Award einbrachte.
Petra Pluwatsch
Paul Murray: „Der Stich der Biene“, dt. von Wolfgang Müller, Kunstmann, 700 Seiten, 30 Euro. E-Book 23,99 Euro.
