
Der Auftrag von Fleischtycoon Wellinghofen ist eindeutig: herausfinden, was bei „Interni International“ in Zürich los ist. Angeblich ist es in der wohltätigen Stiftung, dessen Hauptmäzen er ist, zu finanziellen Unregelmäßigkeiten gekommen. 20.000 Schweizer Franken für ein Referat, Übernachtungen in einem Edelresort zu einem „Frühbucherpreis“ von 600 Franken pro Nacht, 15.000 Franken Beratungskosten, überhöhte Reinigungskosten. Schon lecken sich die ersten Journalisten in der Hoffnung auf einen fetten Skandal die Finger. Wellinghofens Befürchtung: „Die reißen mich mit runter.“
„Mitarbeiterin für besondere Fälle“
Also schickt er seine „Mitarbeiterin für besondere Fälle“ nach Zürich. „Eve Klein“, wie sich die 38-Jährige nennt, ist Privatermittlerin, eine ehemalige Polizistin mit weit gefassten Moralvorstellungen und der Neigung zu schlagkräftigen Argumenten. Sie also soll es richten, möglichst unauffällig und unter Umgehung staatlicher Organe.
Eve Klein, deren richtigen Namen wir nicht erfahren, ist mindestens so abgebrüht wie Philip Marlowe. Und ganz gewiss ist sie ebenso zynisch wie Sonja Slanski, die Hauptfigur in Sybille Ruges vielgelobtem Debütroman „Davenport 160 x 90“ aus dem Jahre 2022 (den wir HIER vorgestellt haben). Auch in ihrem gerade erschienenen zweiten Krimi „9mm Cut“ setzt die Autorin auf eine starke Frauenfigur, der das Leben jedwede Verbindlichkeit abgeschliffen hat. Eve Kleins scharfen Blick entgeht keine menschliche Schwäche, und für fast jeden hat sie ein böses Wort.
Die Lust am Formulieren
Der Undercover-Einsatz in Zürich gestaltet sich schwierig. Stiftungsvorstand Max Karnofsky, in dessen Haus sie während ihres Aufenthalts wohnt, ist Alkoholiker, seine Gattin Helena eine selbstverliebte Schnepfe. Die emotional verwahrlosten Zwillinge des Paares erinnern an zwei Zombies, denen das Leben schon vor der Geburt ausgetrieben wurde. Dass kurz vor Eves Ankunft der Geschäftsführer von „Interni International“ erschossen worden ist, macht die Sache nicht besser. Bald wird ein weiterer Mitarbeiter tot aufgefunden. Keine Frage: In diesem Teil des feinen Zürich hat so ziemlich jede und jeder Dreck am Stecken, und Eves Auftraggeber kann sich den guten Ruf seiner Stiftung in die Haare schmieren.
Bestechend an diesem Buch ist jedoch weniger seine Handlung als deren sprachliche Präsentation. Sybille Ruge hat einen Erzählton gefunden, der seinesgleichen sucht in der deutschen Krimiszene. Zynisch und so knochentrocken wie ein Zwieback. Sybille Ruges Werkzeuge sind die Metapher und der Vergleich, die sie meisterhaft beherrscht. So möchte man manche Sätze gleich mehrmals lesen, weil sie klug und witzig sind. Andere entpuppen sich vielleicht als bloße Worthülse, hingeschrieben aus der schieren Lust am Formulieren. Was zu lesen nicht minder Spaß macht.
Petra Pluwatsch
Auf diesem Blog
haben wir Sybille Ruges Debüt „Davenport 160 x 90“ HIER vorgestellt.
Sybille Ruge: „9mm Cut“, Suhrkamp, 232 Seiten, 17 Euro. E-Book: 14,99 Euro.
