
Das Buchcover hat es in sich. Aus zwei „Fenstern“ im blauen Umschlag lugt oben ein freundlich blickender Mann und unten ein Krokodil mit leicht geöffnetem Maul. Zieht man den Umschlag ab und schaut auf den Buchdeckel, entfaltet sich die Szenerie. Die Fotografie zeigt den Journalisten Harry Tallert, der sich seinen Schreibtisch kurzfristig mit einem Krokodil teilt, das ein Zirkusdirektor zu Werbezwecken in die Redaktion gebracht hat. Das ist einerseits amüsant. Andererseits steht es für ein Leben im Angesicht des Schreckens.
Im Gespräch in der „Wohngemeinschaft“
Harry Tallert, 1927 in Beuthen geboren und 1997 in Bad Honnef gestorben, wurde als „Halbjude“ von den Nazis verfolgt und zur Zwangsarbeit gedungen. Nach Weltkrieg und Holocaust engagierte er sich im Journalismus und in der Politik. Er gehörte einige Jahre der Bremischen Bürgerschaft an, später dem Deutschen Bundestag.
Nun legt Kurt Tallert die Geschichte seines Vaters, auch die von Großvater Alfons und Urgroßmutter Berta vor – allesamt Verfolgte des NS-Terrors. Der Rapper, bekannt als Retrogott, stellte das Buch „Spur und Abweg“, das im DuMont Buchverlag erscheint, jetzt in Köln vor. Im konzentrierten Gespräch mit Anne Burgmer, der Feuilleton-Chefin des „Kölner Stadt-Anzeiger“, sprach er im ausverkauften Saal der „Wohngemeinschaft“ über eine Suche, die noch nicht zu Ende ist.
Im Lager Lenne „Schlamm geschaufelt“
Kurt Tallert wurde 1985 geboren, als sein Vater bereits 58 Jahre alt war. Mit 12 Jahren wurde er Halbwaise. Als er selbst Vater wurde, drängte sich die Frage auf, was er für ein Vater sein wollte – und was ihm von seinem Vater mitgegeben worden war. Es wurde eine lange Spurensuche. Vor allem in den väterlichen Briefen und Notizen und in archivierten Dokumenten. Dann in der Literatur von Paul Celan bis Hannah Arendt. Schließlich auf Reisen nach Buchenwald und Theresienstadt, nicht zuletzt ins niedersächsische Lenne, wo der Vater 1944 seine Lagerhaft verbrachte. Im Buch ist zu lesen: „Was genau mein Vater hier gemacht hat, als er im Alter von siebzehn Jahren einer dieser fünftausend Gefangenen wurde, weiß ich nicht.“
In den Erzählungen der Eltern habe es immer geheißen, „er habe Schlamm geschaufelt und einige Zeit im Krankenrevier verbracht, wo man sein Loch im Bein immerhin so gut versorgte, dass er das Bein behielt“. Ein holländischer Mithäftling sei in seiner Gegenwart gestorben und habe ihm zuvor die Übergabe des Eherings an seine Frau aufgetragen. Dieses Versprechen habe der Vater nach dem Krieg eingelöst. „Das ist der bescheidene, in meinem Elternhaus geteilte Fundus von Erinnerungen an diesen Ort, an dem die Rüstungsproduktion unter Tage abtauchte, weshalb die Nazis ihm den Decknamen ‚Hecht‘ gegeben hatten.“ Ja, dieses Erinnerungsbuch gibt nicht vor, alle Fragen zu klären, denn es mangelt an Antworten.


Probleme mit Autoritäten
Gewiss ist allerdings, dass sich das Schicksal der Vorfahren ins Leben des Kurt Tallert eingeschrieben hat. Wie denn nicht! Ein „transgenerationales Trauma“ nennt es die Psychologie. Wenn es in der Öffentlichkeit um Antisemitismus gehe, sagt Kurt Tallert im Gespräch, dann fühle er sich „immer mitgemeint, auch wenn ich kein Jude bin“.
Die Familienerfahrung habe zudem bewirkt, dass er generell Probleme habe, Autoritäten zu akzeptieren oder sich in Gruppen einzuordnen. Allerdings habe er genau das aus freien Stücken im HipHop praktiziert: Da habe er sich zum einen in eine Gruppe einordnen können, zum anderen habe er sich nach musikalischen Autoritäten umgeguckt. Überhaupt sei die Musik ein Ventil gewesen.
„Wie konntest Du in Deutschland bleiben?“
Das Buch habe ihm als „Raum für Trauer“ gedient. Eine Art private Gedenkstätte. Zugleich habe ihn die Niederschrift näher an den Vater herangeführt. Der Dialog mit dem Verstorbenen halte an. Gerade schreibe er an einem langen Brief an den Vater. Auf die Frage der Moderatorin, was er seinem Vater heute sagen würde, nach all den Recherchen, antwortet Kurt Tallert: „Ja, danke!“ Das fürs Erste. Aber dann sogleich ein paar kritische Fragen. Darunter diese: „Wie konntest Du in Deutschland bleiben?“
Das Foto von Harry Tallert und dem Zirkuskrokodil, das jetzt den Buchdeckel ziert und wohl Ende der 1960er Jahre entstanden ist, hing einst im Esszimmer der Familie in Bad Honnef. Der Vater, so die Interpretation von Harry Tallert, blicke so drein, „als wäre dieses archaische Reptil ein Stück gezähmter Vergangenheit“.
Martin Oehlen
Das Gespräch
mit Kurt Taller und Anne Burgmer ist als Podcast des „Kölner Stadt-Anzeiger“ aufgezeichnet worden und ab dem 11. April 2024 auf allen Plattformen abrufbar.
Kurt Tallert: „Spur und Abweg“, DuMont Buchverlag, 240 Seiten, 24 Euro. E-Book: 19,99 Euro.
