Der Mythos von Paris und der nahende Untergang: Julien Greens Meisterwerk „Treibgut“ in der neuen Übersetzung von Wolfgang Matz

Die Seine in Paris Foto: Bücheratlas / M.Oe.

An der Feststellung kommt man schwerlich vorbei: Julien Green, 1900 in Paris als Kind amerikanischer Eltern geboren und 1998 dort gestorben, ist ein Jahrhundertautor. Aber selbstredend nicht nur im kalendarischen Sinne. Wie poetisch packend, psychologisch aufgeladen und anhaltend aktuell sein Werk ist, zeigt die Neuübersetzung des Romans „Treibgut“, die Wolfgang Matz als Herausgeber und Übersetzer für den Hanser Verlag besorgt hat.

„Epaves“ – so der Originaltitel – spielt 1932 in Paris, es ist zugleich das Jahr der Erstveröffentlichung. Julien Green, der Amerikaner in Paris, erzählt darin die Geschichte von Philippe, der als wohlhabender Erbe nichts Rechtes mit sich anzufangen weiß. Er wird von seiner Frau Henriette umstandslos betrogen, was ihm allerdings nicht viel ausmacht, und von seiner in den Haushalt integrierten Schwägerin Eliane geliebt, was ihn ebenfalls nicht weiter beschäftigt. Der Sohn Robert ist ihm so lieb wie zuweilen lästig.

Den Hilferuf ignoriert

In die Bredouille gerät Philippe an jenem Abend, an dem er auf einem seiner regelmäßigen Spaziergänge beobachtet, wie sich ein Mann und eine Frau am Ufer der Seine zanken. Aufmerksam beobachtet er die Szene. Plötzlich treffen sich die Blicke von Philippe und der Frau in Not. Sie ruft: „Monsieur!“ Doch statt zu Hilfe zu eilen, nimmt Philippe Reißaus. Es ist der Moment, in dem er sich selbst erkennt. Als Feigling.

„Der Mann, der er sein sollte, ihn gab es nicht“, resümiert der traurige Held gegen Ende des Romans. „Und er musste vor sich hin lachen bei der Erinnerung, dass er einmal selbst geglaubt hatte, an seine Zukunft, an diesen nächsten Tag und das Morgenrot, das dort schimmert hinter der Nacht des Heute und das dennoch niemals kommt.“ Es muss ein bitteres Lachen gewesen sein.

Die Farben der Seine

„Treibgut“ ist eine grandiose Psychostudie. Sie kulminiert spektakulär, als Schwägerin Eliane beobachtet, wie Philippe in der Zeitung die Meldung über eine Frauenleiche in der Seine registriert. Überhaupt die Seine! Sie ist eine zentrale Protagonistin in diesem Roman, vielfach beschrieben in ihren verschiedenen Farbtönen, in ihren Gerüchen, ihrem melancholischen Strömen. Nicht zuletzt ist dieser Roman ein Sittenbild der bürgerlichen Erschlaffung zwischen den Weltkriegen.

Julien Green hat den Text in einer Art „écriture automatique“ verfasst. Selbstverständlich prüfte der Autor streng, was er zu Papier gebracht hat. Doch folgte er keinem vorab ausgeklügelten Plot. So wusste er erst sehr spät, wie der Roman enden würde. Genau genommen: wenige Tage vor dem Beginn des Vorabdrucks in der „Revue de Paris“ am 15. Januar 1932. Fürs Finale war noch im Oktober 1931 ein Verbrechen der Schwägerin Eliane vorgesehen, dann im Dezember Elianes Selbstmord und eine Selbstmord-Überlegung bei Philippe. Doch Anfang Januar 1932 kommt es wieder anders: „Ich wollte ein gewaltsames Ende vermeiden, das dem Charakter der Erzählung nicht entsprochen hätte“, schreibt Green im Tagebuch. 

„Höchst freihändig“

Bislang lagen zwei deutsche Übersetzungen vor. Friedrich Burschells Übertragung erschien noch im Jahr der Erstveröffentlichung, also 1932, allerdings nicht bei Kiepenheuer und Witsch, wie es im Nachwort irrtümlicherweise heißt, sondern im Verlag Gustav Kiepenheuer. Eine zweite Übersetzung steuerte Eva Rechel-Mertens im Jahre 1967 bei. Ihre Version freilich, die im Jakob Hegner Verlag erschienen ist, fand offenbar nicht die Fürsprache des Autors.  

Wolfgang Matz merkt im ausführlichen und aufschlussreichen Anhang an, Burschell sei „höchst freihändig“ vom Originaltext abgewichen, während sich Rechel-Mertens „reichhaltiges Auffüllen mit eigenen Erfindungen“ erlaubt habe. Seine Neuübersetzung folgt der Ausgabe von 1978 (denn Julien Green hat den Roman überarbeitet). Vergleicht man die drei Fassungen stichprobenartig, dann ist man bei Wolfgang Matz mit Sicherheit am besten aufgehoben. Nicht nur aufgrund der Nähe zum Originaltext. Auch ist er sprachlich zumeist frischer unterwegs.

„Wehe, wenn man wüsste“

Im Nachwort versucht der Herausgeber zu ergründen, ob es zu „Treibgut“, diesem Roman über die Nachtseite von Paris, wie er sagt, einen Spezialschlüssel gibt. Julien Green selbst hat einmal in seinem Tagebuch – „das längste der Literaturgeschichte“ – vermerkt: „Wehe, wenn man wüsste, was meinen Romanen zugrunde liegt!“. Später notierte er den Kommentar von François Mauriac, dass es zu „Treibgut“ „einen Schlüssel gebe, den man nicht kenne.“  Gibt es einen solchen Türöffner? Einen Hinweis findet Wolfgang Matz im „Journal intégral“, dem nunmehr kompletten Tagebuch, das seit 2019 herausgegeben wird. Zu Greens Lebzeiten erschienen ja „nur“ bereinigte Tagebuch-Editionen. Nun also die Fundsache vom 15. April 1932: „Es ärgert mich, dass niemand in Treibgut das sexuelle Drama sehen will, von dem die Rede ist.“

Im Grunde sei es die Geschichte eines verheirateten Homosexuellen, schreibt Julien Green über Philippe. „Er weiß nicht, dass er homosexuell ist; er ist ein Mann, der langsam stirbt, ohne dass er den Namen seiner Krankheit kennt, ohne überhaupt zu begreifen, dass er krank ist.“ Zur Sicherheit macht Wolfgang Matz sogleich auf eine Selbstverständlichkeit aufmerksam: Für den homosexuellen Green bestehe die „Krankheit“ seines Helden „nicht in der Homosexualität, sondern in der Unkenntnis seiner eigenen Natur.“     

„Ahnung bevorstehender Umstürze“

Allerdings: Dieser Roman lässt viele Lesarten zu. Wolfgang Matz, der soeben auf der Leipziger Buchmesse mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet worden ist, kondensiert seine Sicht in diesen Worten: „Es gibt wohl keinen anderen Roman, der so symbiotisch eintaucht in den Mythos von Paris, in die Melancholie Baudelaires, keinen anderen, der dabei so tief getrieben ist von moderner Katastrophenerfahrung, von der Ahnung bevorstehender Umstürze in Europa.“ Damit erzähle „Treibgut“ von der „allerletzten Galgenfrist vor dem Untergang.“

Auch an diesem Punkt berührt die Lektüre von „Treibgut“. Zu einer Zeit, da die Welt so explosiv zu sein scheint wie lange nicht mehr. Ein Literaturerlebnis das Ganze!

Martin Oehlen

Eine Veranstaltung

mit Wolfgang Matz und dem hier besprochenen Band findet am 22. Mai 2024 in der Lengfeld’schen Buchhandlung in Köln statt.

Julien Green: „Treibgut“, dt. von Wolfgang Matz, Hanser, 400 Seiten, 28 Euro. E-Book: 20,99 Euro.

5 Gedanken zu “Der Mythos von Paris und der nahende Untergang: Julien Greens Meisterwerk „Treibgut“ in der neuen Übersetzung von Wolfgang Matz

  1. Nach der tollen Kritik MUSS man natürlich das Buch kaufen ! Ich mochte Julien Green immer.

    Schön dass Sie das Problem mit Übersetzungen ansprechen! Besonders krass fand ich z.B. Alice im Wunderland bei Stichproben in verschiedenen Werken.

    Frohe Ostern! Dea Bohde

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