Deutschlands Mitte demonstriert für die Demokratie: Christina Morina über ihre Untersuchung „Tausend Aufbrüche“

Christina Morina in Köln Foto: Bücheratlas

Die Bundesrepublik kommt in Bewegung. „Das Thema treibt die Deutschen so stark um“, sagt Christina Morina in der Fritz-Thyssen-Stiftung in Köln, „wie noch nie zuvor seit 1989“. Landauf und landab werde für die Demokratie und gegen ihre Verächter demonstriert. Namentlich verweist Christina Morina auf „Pfiffe gegen die Brandstifter der AfD“. Es sei das erste Mal seit der deutschen Einheit, so die Historikerin, dass „das ganze Land als Bundesrepublik Deutschland kenntlich“ werde. „Die gesellschaftliche Mitte“ zeige ihr Gesicht. Ein Zeichen der Hoffnung.

Briefe an die Staatsspitze

Auf welche Demokratie-Traditionen die Ostdeutschen und die Westdeutschen dabei zurückblicken, hat die Wissenschaftlerin jüngst in ihrem Buch „Tausend Aufbrüche – Die Deutschen und ihre Demokratie seit den 1980er Jahren“ (Siedler Verlag) dargelegt. Für diese politische Kulturgeschichte „von unten“ hat sie Briefe von Bürgerinnen und Bürgern an die Spitzen des Staates ausgewertet. Die richteten sich an den Bundespräsidenten oder an den Staatsratsvorsitzenden, aber ebenso an die Gemeinsame Verfassungskommission von Bundestag und Bundesrat. Auch Petitionen und Flugblätter wurden ausgewertet.

Aus diesen „Ego-Dokumenten“ der Jahre rund um den Mauerfall hat die Bielefelder Professorin, die selbst in der DDR aufgewachsen ist, das Demokratie-Verständnis der Deutschen in Ost und West destilliert. Ja, auch das in der Deutschen Demokratischen Republik. Immerhin trug der Staat die Demokratie im Namen. Doch was im Westen Praxis war, blieb im Osten Utopie. Es sei eine „Konsens-Diktatur“ gewesen, sagt Christina Morina, in der das Volk nicht nur unterdrückt, sondern auch noch aufgefordert wurde, dieser Unterdrückung zuzustimmen.

„Arbeite mit, plane mit, regiere mit!“

Der Artikel 21 der DDR-Verfassung formulierte den „Grundsatz“: „Arbeite mit, plane mit, regiere mit!“ Das war gut gebrüllt. Doch der Grundsatz blieb eine Leerformel in der Diktatur mit ihrer Volkskammer als Scheinkammer. Allenfalls in den Nischen des Staates, nämlich auf lokaler oder gar nachbarschaftlicher Ebene, hat es basisdemokratische Aktivitäten gegeben.

Nach dem Mauerfall entlud sich der Staats-Frust der Ostdeutschen in dem lauten Ruf nach mehr Bürgerbeteiligung – eben nach der „Basisdemokratie“. Zwar verhallte der Ruf. Aber er zünde noch heute, meint Christina Morina, wenn etwas im Staat nicht funktioniere. Damit sei unter anderem zu erklären, warum die AfD im Osten mehr Zuspruch finde als im Westen: Nach dem Mauerfall entlud sich der Staats-Frust der Ostdeutschen in dem sehr lauten Ruf nach mehr Bürgerbeteiligung – eben nach der „Basisdemokratie“. Der Ruf verhallte. Aber er zünde noch heute, meint Christina Morina, wenn etwas im Staat nicht funktioniere. Damit sei unter anderem zu erklären, warum die AfD im Osten mehr Zuspruch finde als im Westen: Sie geriere sich als bürgerbewegte „Alternative“ zum „System der Altparteien“.

Christina Morina im Gespräch mit Norbert Frei Foto: Bücheratlas

Deutsche Jubiläen

Aktuell stehe die repräsentative Demokratie so stark unter Druck wie lange nicht mehr, sagt Christina Morina bei ihrem Auftritt in Köln. Allerdings sieht sie keinen Grund zur Panik. Auch im Osten des Landes stelle die Mitte die deutsche Einheit und die demokratische Staatsform nicht infrage. Es stimmt schon, was ihr Kollege Norbert Frei im nachfolgenden Gespräch feststellt: Christina Morina ist „keine Frau der schrillen Töne“, sondern habe „die longue durée“ im Blick. Das tut gut in einem Jahr, da der beiden Staatsgründungen vor 75 Jahren gedacht wird – und vor allem der Einführung des Deutschen Grundgesetzes.

Im Vortrag wie im Buch selbst erweist sich Christina Morina gleichermaßen als Mutmacherin und Mahnerin. Die Deutschen haben „ihre“ Demokratie in den 1980er und 1990er Jahren, so steht es geschrieben, „nicht im Sternstundenmodus verhandelt, sondern überwiegend als anziehende, aber eben auch anstrengende Alltäglichkeit verstanden, debattiert und mitunter auch herausgefordert“. Diese demokratische Alltäglichkeit sei ein starkes Fundament. Allerdings gilt für dieses Fundament der freiheitlichen Gesellschaft: „Es wird in dem Maße brüchig, in dem man es für eine Selbstverständlichkeit hält.“

Martin Oehlen

Nachtrag im Juni 2024: Deutscher Sachbuchpreis

Der Deutsche Sachbuchpreis 2024 wurde  Christina Morina für „Tausend Aufbrüche – Die Deutschen und ihre Demokratie seit den 1980er Jahren“ am 11. Juni 2024 zugesprochen. In der Begründung der Jury heißt es: „Demokratien befinden sich auf der ganzen Welt in der Krise, darüber herrscht weitgehende Einigkeit. Die Frage aber, was es eigentlich heißt, Demokratie zu leben, gerät dabei oft in den Hintergrund. Christina Morina nutzt bisher wenig beachtete Quellen, um zu zeigen, wie unterschiedlich sich das Demokratieverständnis in Ost- und Westdeutschland seit den 1980er Jahren entwickelt hat. Ihre methodisch raffinierte und augenöffnende zeitgeschichtliche Analyse auf der Grundlage von Briefen, Petitionen und Flugblättern gibt Bürger*innen der DDR und der BRD eine Stimme. Morina liefert mit diesem Buch überraschende und notwendige Impulse für die aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen. Ihr Buch riskiert viel, ohne zu polarisieren – Demokratie ist Prozess, kein Zustand.“

Der Deutsche Sachbuchpreis wird verliehen von der Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Er ist mit insgesamt 42.500 Euro dotiert. Der Hauptreis ist mit 25.000 Euro dotiert, die sieben Nominierten erhalten je 2500 Euro. Dazu zählen anno 2024:

Jens Beckert: „Verkaufte Zukunft – Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht“ (Suhrkamp), Sebastian Conrad: „Die Königin – Nofretetes globale Karriere“ (Propyläen), Ruth Hoffmann: „Das deutsche Alibi – Mythos Stauffenberg-Attentat – wie der 20. Juli 1944 verklärt und politisch instrumentalisiert wird“ (Goldmann), Roman Köster: „Müll – Eine schmutzige Geschichte der Menschheit“ (C.H.Beck), Frauke Rostalski: „Die vulnerable Gesellschaft – Die neue Verletzlichkeit als Herausforderung der Freiheit“ (C.H.Beck), Marcus Willaschek: „Kant –  Die Revolution des Denkens (C.H.Beck) und Moshe Zimmermann: „Niemals Frieden? Israel am Scheideweg“ (Propyläen).

Christina Morina war zuvor schon für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert worden.

Christina Morina: „Tausend Aufbrüche – Die Deutschen und ihre Demokratie seit den 1980er Jahren“, Siedler Verlag, 400 Seiten, 28 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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