
Historiker, aufgepasst! Zumal jene, die sich mit Wesen und Unwesen der Oktoberrevolution und ihren Folgen in Russland befassen. Denn in Michael Köhlmeiers Roman „Das Philosophenschiff“ wird die Geschichte neu erzählt. Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924), Revolutionär und Diktator, stirbt da nicht nach vielen Schlaganfällen in Gorki bei Moskau, sondern wird an Bord eines weithin verwaisten Luxusdampfers ins Jenseits befördert.
Die Freuden der Fiktion
Der Ich-Erzähler bekennt gleich zu Beginn, dass er gerne einmal ins Freierfundene ausweiche. Genau deshalb hatte ihn die berühmte Architektin Anouk Perleman-Jacob zur Feierstunde anlässlich ihres 100. Geburtstags eingeladen. Dort sollte er seine Geschichte von Dädalus erzählen, die er zuvor schon einmal im Hörfunk vorgetragen hatte. Dem Autor ist die Sache peinlich: „Denn gerade diese Geschichte hatte ich frei erfunden, hatte aber in meiner Radiosendung so getan, als wäre sie überlieferter Mythos.“
Die Frage, was wahr und was erfunden ist und was das für einen Unterschied macht oder auch nicht, hat Michael Köhlmeier schon in einigen Werken aufgeworfen. Dabei vertritt er – wie es sich für einen Geschichtenerzähler wohl gehört – entschieden die Ansicht, dass die Realität gerade durch die Fiktion besonders kenntlich gemacht werden könne. Und siehe da: Sein Roman „Das Philosophenschiff“ ist dafür ein neuer und überzeugender Nachweis.
„Sie haben einen guten Ruf“
Frau Perleman-Jacob, 1908 in Sankt Petersburg geboren und „eine der bedeutendsten europäischen Architektinnen des 20. Jahrhunderts“, rückt dann noch mit einem zweiten Wunsch heraus. Der Autor, der wie Michael Köhlmeier in Vorarlberg lebt und mit einer Monika verheiratet ist, soll ihre Lebensgeschichte verfassen. Keine Biografie, denn die liege ja schon vor, sondern eine Erzählung. „Sie haben einen guten Ruf als Schriftsteller, aber auch einen etwas windigen“, stellt sie fest. „Ich weiß, dass sie Dinge erfinden und dann behaupten, sie seien wahr.“ Deshalb glaube man ihm oftmals nicht, wenn er die Wahrheit sage, und glaube ihm, wenn er schummele. Das gefällt ihr offenkundig.
In mehreren Sitzungen erzählt die Architektin, der man auch nicht jedes Wort glauben darf, aus ihrem Leben. Dabei blicken wir in ein so schreckliches wie spannendes Kapitel der europäischen Geschichte. Denn die jüdische Familie der Anouk Perleman-Jacob wird im Jahr 1922 aus dem revolutionären Russland vertrieben. An Bord eines Luxusdampfers, in dessen Dritter Klasse nur eine Handvoll verbannter Intellektueller untergebracht ist, geht es Richtung Westen.
Die praktische Einbauküche
Diese Variante der Verbannung ist nicht Michael Köhlmeiers Erfindung, sondern wurde tatsächlich praktiziert. Mehrere solcher Schiffe legten im Jahre 1922 ab. Auch sind zahlreiche Personen, die im Roman erwähnt werden, historisch nachweisbar. Aber nicht die Hauptfigur – sie ist reine Erfindung.
Allerdings hat sich Michael Köhlmeier ein wenig von Margarete Schütte-Lihotzky (1897-2000) inspirieren lassen, die unter anderem mit dem Entwurf der praktischen Einbauküche bekannt wurde, der sogenannten Frankfurter Küche. Er lernte die österreichische Architektin kennen, als sie bereits 101 Jahre alt war – bei einem Empfang, wie er so ähnlich im Roman geschildert wird. Michael Köhlmeier schreibt uns: „Ich habe mich eine Stunde lang mit ihr unterhalten. Sie konnte kaum mehr sehen und hören auch nur schlecht, aber gedanklich war sie klar und scharf – wunderbar! Meine Anouk Perleman-Jacob ist eine Hommage an sie, mehr aber nicht. Es gibt keine biografischen Überschneidungen.“
Lenin an Deck der Ersten Klasse
So befinden wir uns bei den Gesprächen und Ereignissen auf dem Philosophenschiff ganz im Reich der Fiktion. Auch beim überraschenden Stopp des Dampfers auf See. Gleich schießen unter den Verbannten die Spekulationen ins Kraut, auch Todesvisionen. Schließlich wissen sie um die vielen Mitbürger, die ermordet worden sind. Doch dann kommt „nur“ ein weiterer Passagier an Bord. Es ist – ganz recht – Wladimir Iljitsch Lenin, der nun selbst ins Abseits geschoben werden soll.
Schwerkrank sitzt er in einem Rollstuhl, wie es auf historischen Fotos überliefert ist. Allerdings wissen die Geschichtsbücher nichts von dieser unfreiwilligen Reise – und auch nichts von den heimlichen Gesprächen der vierzehnjährigen Anouk mit dem Revolutionär auf dem Sonnendeck der Ersten Klasse. Bizarr in jeder Hinsicht ist die Begegnung des Mädchens mit dem Mastermind des „Roten Terrors“ – eben nicht zuletzt, weil Lenin selbst es war, auf dessen Veranlassung die „Säuberung“ erfolgte. Da trifft Schuld auf Unschuld.
„Meister im Um-die-Ecke-denken“
Auf bestechende Weise schildert der Roman das Klima der Angst, das unter Lenins Herrschaft bestimmend war. Paranoia allerorten. Die Geheimpolizei, so steht es im Roman, habe sogar eine Sonderkommission eingerichtet, die nur mit der Analyse von Gedichten beschäftigt war. „Die Russen sind Meister im Um-die-Ecke-denken“, heißt es einmal, „und die Agenten der Geheimpolizei sind die Großmeister.“
Einen Link zur jüngeren Vergangenheit gibt es auch. In knappen Exkursen finden sozialistische Ideologie und Praxis ein fernes Echo bei den „Weathermen“ in den USA, bei der „Roten Armee Fraktion“ und beim „Kommunistischen Bund Westdeutschlands“ in der Bundesrepublik der 1970er Jahre.
„Eines Schriftstellers nicht würdig“
Zackig geht es in diesem Roman voran. Anouk Perleman-Jacob neigt zu kurzen Sätzen, gerade so, als hätte sie keine Zeit zu verschwenden. Sie ist eine Frau, die weiß, was sie will. So wie man es von einer Hundertjährigen durchaus erwarten kann. In den Sitzungen in ihrer Wiener Villa hält sie die Zügel energisch in der Hand. Als sie auf einen Witz hinweist, den sie gerade gemacht hat, fügt sie hinzu: „Ich nehme an, das haben Sie kapiert.“ Bei anderer Gelegenheit kritisiert sie ihren Gesprächspartner: „Diese Formulierung ist eines Schriftstellers nicht würdig.“
Überhaupt hat Anouk Perleman-Jacob einige Ansichten auf Lager, die auch eine Poetikdozentur schmücken könnten. „Erzählen ist wie eine Revolution machen“, sagt sie. Die Revolution mache alles neu, und „wenn man erzählt, macht man das Leben, das man erzählen will, ebenfalls neu.“
Das würde Michael Köhlmeier sofort unterschreiben. Er schätzt das historische Duett in fiktiver Fassung. So wie er vor zehn Jahren in „Zwei Herren am Strand“ Charlie Chaplin und Winston Churchill ins Gespräch gebracht hat, so nun Anouk und Lenin. Ein funkelndes Kammerspiel aus Fakten und Phantasie.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir schon einige Bücher von Michael Köhlmeier vorgestellt. Zuletzt „Das Schöne – 59 Begeisterungen“ (HIER) und den Roman „Frankie“ (HIER).
Michael Köhlmeier: „Das Philosophenschiff“, Hanser, 222 Seiten, 24 Euro. E-Book: 17,99 Euro.