Mit Galgenhumor zurück in den Bürgerkrieg: Shehan Karunatilaka erhielt für „Die sieben Monde des Maali Almeida“ den Booker-Preis

Foto: Bücheratlas

Die Umstände des eigenen Todes zu ergründen, war schon immer eine komplexe Herausforderung. Nach dem Ableben ist man halt nicht mehr ganz der oder die Alte. Aber es gibt Hoffnung. Nach Lektüre von Shehan Karunatilakas „Die sieben Monde des Maali Almeida“ wissen wir, wie so eine Recherche laufen könnte. Dafür – also für diesen bittersüßen Roman – erhielt der Autor aus Sri Lanka im Jahre 2022 den Booker Prize: drei Jahrzehnte, nachdem Michael Ondaatje, der aus dem damaligen Ceylon gebürtige Kanadier, die Auszeichnung für „Der englische Patient“ bekommen hatte.

Die Bürokratie im „Dazwischen“

Der Bürgerkrieg in Sri Lanka, der von 1983 bis 2009 tobte, ist das blutgetränkte Fundament des Romans. In jenen Auseinandersetzungen kommt die Hauptfigur Maali Almeida in den 1990er Jahren ums Leben. Kein friedlicher Tod ist das. Vielmehr wird der Kriegsfotograf und Spielsüchtige nicht nur ermordet. Auch wird seinem Leichnam übel mitgespielt.

In dem Moment, da gerade alles Leben aus Maali Almeida gewichen ist, lernen wir ihn kennen. Wo? Im „Dazwischen“. Dabei handelt es sich um eine bürokratische, an ein Einwohnermeldeamt gemahnende Einrichtung, in der die frisch Verstorbenen erst einmal mit ihrem neuen Zustand vertraut gemacht werden.

Himmlisches Gedränge der Geister

Das also ist die gute Nachricht: Ja, es gibt ein Leben nach dem Tod. Allerdings sind die ersten sieben Tage im „Dazwischen“ stressig. Nicht nur wegen der lästigen Ohrenuntersuchung auf Ebene 42. Auch sorgen Geister, Guls und Dämonen für ein himmlisches Gedränge. Das kennt man ja aus dem Erdendasein: „Sri Lanker können nicht Schlange stehen. Außer man definiert Schlange als formlose Kurve mit zahlreichen Zugängen.“ Und dann entscheidet sich in diesem „Dazwischen“ auch noch, ob man „ins Licht“ gelangt – also Richtung Paradies weiterschweben darf.

Eine gern genutzte Option, die das „Dazwischen“ bietet, besteht darin, sich noch einmal auf Erden umzuschauen. Allerdings ist das dafür zur Verfügung stehende Zeitfenster begrenzt – mehr als sieben Monde sind nicht drin. So ist die Regel. Und die sieben Monde vergehen schneller als man als frisch geschlüpfter Geist meinen möchte.

Sehr heiße Ware

Maali Almeida muss nun schnell lernen, was ihm als Geist möglich ist. Das Spektrum der Tricks ist enorm. Besonders hilfreich ist es, dass man sich als gut ausgebildeter Geist auf die Schulter der Lebenden setzen und ihnen das eine oder andere Wort ins Ohr flüstern kann. Die Nichttoten glauben dann zuweilen, sie träumten, hätten Stimmen im Kopf oder den Verstand verloren.

Maali Almeida mischt sich geisterhaft unter die Lebenden, weil er eine Mission verfolgt. Zunächst einmal möchte er seine Freunde vor der Gefahr warnen. Dann wüsste er gerne, wer ihn umgebracht hat. Und schließlich sind da seine entlarvenden Aufnahmen von den Kriegsgräueln. Sehr heiße Ware. „Diese Fotos werden Regierungen stürzen“, sagt Maali Almeida. „Diese Fotos können Kriege beenden.“ Nur müssen die Negative in die richtigen Hände gelangen.

„Aiyo!“ und „Chik!“

„Die sieben Monde des Maali Almeida“ ist eine vielfarbig leuchtende subtropische Blüte. Der Roman beeindruckt mit seiner scharfen Mischung aus Phantasie und Zeitgeschichte. Leserinnen und Leser werden nachdrücklich auf  die jüngere Kriegsvergangenheit in Sri Lanka aufmerksam gemacht. Eine Dreiecksliebesgeschichte des homosexuellen Maali mit seiner offiziellen Freundin und seinem inoffiziellen Liebhaber wird zudem integriert. Nicht zuletzt steckt das Werk voller Humor. Oder besser gesagt: voller Galgenhumor. Über den sagt der Autor, dass er typisch sei für seine Landsleute.

Allerdings ist es nicht immer leicht, den Überblick über die Personen und Geister, die Parteien und singhalesischen Parolen zu behalten. Immerhin gibt es am Ende ein Verzeichnis der „dramatis personae“, wenn auch ein gekürztes: „Den nicht genannten Dämonen danken wir für ihr Verständnis.“ Außerdem ist ein Glossar sehr hilfreich: „Aiyo!“ ist ein Ausruf der Verzweiflung, „Chik!“ ein Ausruf der Missbilligung. Im Gemetzel jener Jahre waren sie wohl permanent zu hören.  

All die vielen Übeltäter

Wer da in den mörderischen Wirren mitgemischt hat? Wir greifen mal zu einem „Spickzettel“, den Maali für einen US-Journalisten angefertigt hatte. Erstens die Liberation Tigers of Talim Eelam (LTTE): „Wollen einen eigenen tamilischen Staat. Schlachten zu diesem Zweck zuweilen auch tamilische Zivilisten und Gemäßigte ab.“ Zweitens die Janatha Vimukthi Peramuna (JVP): „Wollen den kapitalistischen Staat stürzen. Ermorden schon mal Teile der Arbeiterklasse zu deren Befreiung.

Drittens und viertens: Die United National Party (UNP) ist mit den beiden oben genannten Gruppierungen in Kriege verwickelt und die Special Task Force (STF) „entführt und foltert im Auftrag der Regierung jeden, dem Mitgliedschaft oder Unterstützung der LTTE oder JVP nachgesagt wird.“ Schließlich sitzen auch noch ein paar ausländische Waffenschieber und Geheimdienste mit im Boot. „Such gar nicht erst nach den Guten“, rät Maali dem US-Kollegen, „denn die gibt es nicht.“ 

Kurios ist die Publikationsgeschichte

„Die sieben Monde des Maali Almeida“ ist Shehan Karunatilakas zweiter Roman nach dem ebenfalls gefeierten „Chinaman“ (2010). Kurios ist die Publikationsgeschichte. Denn eine erste Fassung des neuen Romans ist 2020 in Indien unter dem Titel „Chats with the Dead“ veröffentlicht worden. Eine wohlwollende Rezension findet sich beispielsweise in der Zeitung „The Hindu“. Doch offenbar zündete der Funken nicht so recht.

Jedenfalls nicht in der globalen Verlagswelt. Deshalb kontaktierte der Autor, der auch als Werbetexter arbeitet, eine befreundete Verlegerin. Die habe ihm, sagt er im Gespräch mit dem „Guardian“, sehr freundlich mitgeteilt: „Tolle Arbeit, aber ich fürchte, dass die Mitte, der Anfang und das Ende nicht ganz funktionieren.“ Für die Veröffentlichung im britischen Verlag Sort of Books hat Shehan Karunatilaka noch einmal zwei Jahre am Schreibtisch investiert. Die Überarbeitung der Geschichte hat sich fraglos ausgezahlt. 

Vergessen ist auch keine Lösung

Dem Autor wird die Idee, an Sri Lankas trübes Gewalt-Kapitel auf helle Art zu erinnern, von einem guten Geist eingeflüstert worden sein. Womöglich von einem Geist wie Sena. Der sagt im „Dazwischen“ zu seinen Mitgeistern: „Vielleicht ist es einfacher zu vergessen. Aber vergessen ändert nichts. Verbrechen müssen in Erinnerung bleiben. Sonst haben eure Mörder weiter freie Hand. Und ihr findet niemals Frieden.“

Martin Oehlen

Shehan Karunatilaka: „Die sieben Monde des Maali Almeida“, dt. von Hannes Meyer, 544 Seiten, 30 Euro. E-Book: 24,99 Euro.

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