Friederike Mayröckers Schutzgeister: Der Katalog zur Wiener Ausstellung zeigt die große Schriftstellerin als humorvolle Zeichnerin

Das Mai-Blatt aus dem „Kinder Ka-Laender“ – ganz und gar unverkennbar ist das Selbstbildnis. Foto: © Edith Schreiber, Nachlass Friederike Mayröcker

Friederike Mayröcker (1924 – 2021) hat demonstrativ abgewunken, wenn es um ihre Zeichnungen ging. Österreichs große Künstlerin hat sich eben vor allem als Schriftstellerin verstanden. Für ihre Lyrik und Prosa erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Büchner-Preis. Sie selbst hat ihre Zeichnungen im Jahre 1983 mit diesen Worten eingeordnet: „Es sind harmlose Randbemerkungen, meist nach oder während schwierigerer Haupt-Arbeiten, etwas vielleicht, wobei ich mich selbst ‚ausruhe‘.“  Diese „Spontangedichte“ mit Bleistift oder Filzstift „offenbaren etwas von meinem (altgewordenen) Kindsein, Kritzeleien, ohne Formenreichtum.“  Es seien Spiele, die sie mit sich selbst spiele, wenn sie ganz leer und „ausgeschrieben“ sei.

„Meist waren es spontane Gesten“

Nachzulesen sind diese Zeilen jetzt in zwei originalen, von Hand redigierten Texten, die in einer Publikation zur Wiener Ausstellung „Schutzgeister“ angeführt werden. Es war das erste Mal, dass Friederike Mayröckers Zeichnungen in einer größeren Auswahl öffentlich präsentiert wurden. So geschehen in der Galerie nächst St. Stephan im Jahr 2020. Drei Jahre später liegt nun der Katalog zur Schau vor, die Hans Ulrich Obrist kuratiert hat.

Galeristin Rosemarie Schwarzwälder betont im Vorwort zum Katalog, der im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König erscheint, dass die Zeichnungen „kaum in der öffentlichen Wahrnehmung“ vorhanden seien. Die Dichterin selbst habe diese nicht als eigenständige Werke betrachtet. „Meist waren es spontane Gesten“, schreibt Rosemarie Schwarzwälder, „vielfach aus einer spezifischen Situation heraus und mit einer starken persönlichen Dimension.“ Oft seien die Arbeiten auch verschenkt worden. Wie sehr Friederike Mayröcker Wert darauf legte, die Maßstäbe im Blick zu behalten, zeigt sich daran, dass sie der Galerie-Ausstellung nur unter der Bedingung zugestimmt hatte, dass zugleich ihre über 100 Bücher sowie die Hörspiel- und Experimentalfilmarbeit gewürdigt werden.

„Zillie, das gefräßige Hechtfräulein“

Friederike Mayröckers Zeichnungen sind geradlinig in der Ausführung, reizvoll im Detail und von einer freundlich-humorvollen Ausstrahlung. So wie die Buchstabengesichter im „ABC-Thriller“ (1968) – von A wie „Aloisia, Miss Universum 70“ bis Z wie „Zillie, das gefräßige Hechtfräulein“. Oder wie im „Kinder Ka-Laender“ (1965), in dem der letzte Monat des Jahres verspricht: „Im Dezember / geht’s nach Sibirien (ins Land der / vielen – Tierien)“. Wieviel Witz in diesen Werken steckt, belegt nicht zuletzt das Selbstporträt „ich als Snoopy“. 

Dem Dichter Ernst Jandl (1925 – 2000), mit dem sie ein langes Leben verbunden war, hat sie viele dieser Kleinkunstwerke gewidmet. Geradezu rührend die 16 Schutzgeister, die sie dem Gefährten im Jahre 1967 gegen alle Unbill des Daseins vom Himmel holte: „Schutzengel 1 gegen Atemnot und Heiserkeit“, „2 gegen Schnupfen und Kopfschmerz“, „3 gegen morgendliche Müdigkeit“, „4 gegen böse Menschen, Feinde etc.“, „5 gegen Hunger, Durst, Mangel an Zigaretten“ und so weiter bis zum „Schutzengel 16 gegen Nasenbluten, Knochenbrüche und Taubheit der Welt“.

Das sind die ersten drei Buchstabengesichter im „ABC-Thriller“. Foto: © Edith Schreiber, Nachlass Friederike Mayröcker

„Westwind bläst aus vollen Backen“

Die Zeichnungen sind alles andere als Eintagsfliegen. Tatsächlich sind es treue Wegbegleiter. Auch tauchen sie nicht nur als hingeworfene Arbeiten auf. In Einzelfällen hat es Vorzeichnungen gegeben, was doch für eine gewisse Ambition spricht. Zudem hat Friederike Mayröcker einzelne Motive, Striche, Piktogramme in ihre Schriften integriert – als Miteinander von Wort und Bild.

Auch finden sich in ihren Büchern plakative Illustrationen. Da schaue man nur in den Band „Die kommunizierenden Gefäße“ von 2003, wo es einmal heißt: „Möchte hier aufzeichnen, wie ich zusammengeknickt saß auf meinem Sessel, so:“ Und dann sieht man eine Figur mit krummem Rücken vornübergebeugt, das lange schwarze Haar gen Boden hängen lassend. Gleich meint man eine Verwandtschaft mit Franz Kafkas reduzierten Figurenzeichnungen erkennen zu können (die wir auf diesem Blog HIER vorgestellt haben). Und weil es so schön ist, hier noch der Hinweis auf den Band „Cahier“ von 2014, in den die Autorin gezeichnet hat, wie der „Westwind bläst aus vollen Backen“ – das sieht schon sehr nach Windstärke 10 aus.  

Prosa schreiben ist wie Bildhauerei

Dass Friederike Mayröcker eine große Kunstfreundin war, muss nicht sonderlich betont werden. Die Spur findet sich schnell in ihren Gedichten und in ihrer Prosa. In einer Lesung im Jahre 2004, die in der Österreichischen Mediathek auffindbar ist, hat sie einige ihrer Texte zur Bildenden Kunst vorgetragen. Es handelt sich um feine Vignetten zu einzelnen Künstlerinnen und Künstlern und ihren Werken – so zu Antoni Tàpies, Maria Lassnig oder Ernst Ludwig Kirchner.

Von Ernst Jandl sei sie – „in meinem 30. Jahr“ – an die Kunst herangeführt worden, sagt sie in ihrer Kunsttexte-Lesung. Zumal der Malerei habe sie „eine Fülle von Anregungen, Empfindungen und Erfahrungen“ zu verdanken. „Seither habe ich immer gedacht: Wenn ich nicht schreiben könnte, wollte ich malen können.“ Wie nah ihr all das ist, machte sie 2001 im „Spiegel“-Gespräch mit Volker Hage deutlich: „Das Schreiben von Gedichten hat für mich etwas mit Aquarellzeichnen zu tun, während die Prosa mehr Bildhauerei ist.“

„Kunstförmiges Schreiben über Kunst“

Korrespondenzen zwischen Text und Tafel gibt es einige Male. So ist sie mit dem Maler Andreas Grunert in einen kunstspartenübergreifenden Dialog eingetreten. Er hat auf ihre Verse, sie auf seine Bilder reagiert. Das Ergebnis war im Jahr 2002 in einer Ausstellung im Kunsthistorischen Museum in Wien zu sehen: „1 Nervensommer“. Einige Zeichnungen der Autorin wurden bei dieser Gelegenheit ebenfalls präsentiert.

Friederike Mayröckers „kunstförmiges Schreiben über Kunst“ war ein Grund, sie als Ehrenmitglied in die Akademie der bildenden Künste Wien zu berufen. Im Nachruf der Akademie schrieb Elisabeth von Samsonow: „Die Zeichnungen Mayröckers – die sie selbst als Nebenprodukte ihres Schreibens bezeichnete – zeigen auf hinreißende und bezwingende Weise, wie tief ihr Schreiben im Sehen, in der Passion für die Kunst verankert war. Diese kürzelartigen, mit der Spracharbeit innigst verschränkten Zeichnungen heben die Text-Bild-Dichotomie aus den Angeln, indem inmitten, oder dazwischen, zwischen Bild und Text, ein Quell des poetischen Sinns entspringt.“

Die Ausstellung in der Galerie nächst St. Stephan war der letzte öffentliche Auftritt von Friederike Mayröcker. Auch deshalb ist der schmale Katalog, der die Dichterin als Zeichnerin ins Bild rückt, ein willkommenes Zeitzeugnis und eine heitere Rarität.

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir den Band mit den Zeichnungen von Franz Kafka, der bei C. H. Beck erschienen ist, HIER vorgestellt.  

„Friederike Mayröcker: Schutzgeister“, hrsg. von Rosemarie Schwarzwälder, Katalog zur Ausstellung in der Galerie nächst St. Stephan in Wien, Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, 100 Seiten, 28 Euro.

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