
Was für ein Winter, Frühling, Sommer, Herbst und wieder Winter! Was für ein Jahr für die bundesweit bekannte Intellektuelle aus Köln. In dieser Zeit muss sie eine dreifache Last tragen. Da ist zunächst und unentwegt die Trauerarbeit um die verstorbene Mutter. Zudem haben sich die namenlos bleibende Frau und ihr Ehemann getrennt. Und dann erkrankt ihr Sohn lebensgefährlich – ein „Alptraum“, der auch die eigene Berufstätigkeit tangiert. Wie die Frau dieses Jahr 2018 zwischen Leben und Tod übersteht, schildert Navid Kermani in seinem kraftstrotzenden Roman „Das Alphabet bis S“.
Gott und die Welt und was sonst noch wichtig ist
Kraftstrotzend ist der 600-Seiten-Band vor allem deshalb, weil sich die Frau entschließt, an jedem Tag Notizen zu machen. Und die haben es in sich. Die Bestseller-Autorin, die ihr öffentliches Renommee häufig erwähnt, wird des Denkens nicht müde.
Zwar stellt sie fest: „Überhaupt denke ich zuviel.“ Gleichwohl entwickelt sie selbst aus ihrem Mittagschlaf oder den Joggingrunden (nebst Hunde-Attacken) grundsätzliche Betrachtungen. Umso tiefer tauchen ihre Eintragungen, wenn es um Gott und die Welt im Grundsätzlichen geht. Da ist vieles drin zwischen Diesseits und Jenseits, Diktatur und Demokratie, Nächstenliebe und Völkermord.
„Der Umgang mit dem Schrecken“
Die Frau, deren Eltern aus dem Iran stammen, ist traurig, wütend, besorgt, gestresst und fühlt sich zuweilen verlassen. Sie sucht Halt und Stütze. Manchmal sehnt sie sich nach Gott. „Religion“, sagt sie mit Koran und Bibel im Kopf, „ist der Umgang mit dem Schrecken, der die Natur ist.“ Und immer wieder nimmt sie Zuflucht in ihrer „Lesegruft“: „Es ist vielleicht nur ein Verstandenwerden, das mich in den Regalen umgibt, also dass seit fünftausend Jahren nicht alleine ist der Mensch.“
Daraus entwickelt die Frau einen Plan. Sie beschließt, jenen Büchern eine Chance zu geben, die sie bislang unberührt gelassen hat. Dabei geht es im Prinzip um jeweils ein Buch pro Buchstaben – allerdings kommt sie nur bis S. In diesen Werken findet sie ein ums andere Mal einen Link zum eigenen Dasein, ja, zum konkreten Augenblick. Schon zahllose Male sind Bücher als Lebenshilfe gepriesen worden. Doch die Intensität, mit der hier die Theorie in die Praxis übertragen wird, ist ohnegleichen.
Von Altenberg bis Skacel
Die Titelliste erstrahlt tadellos. Und die Fundstücke, die aus den Texten zitiert werden, glänzen oft. Gleich möchte man selbst zum Regal eilen und weiterlesen. Was allerdings auffällt: Die Leserin greift fast durchweg zu Werken von Männern. Nur Emily Dickinson („heikler als der Tod ist der Ehestand“) und Helene Hegmann (ein Sonderfall beim Buchstaben H) werden ausführlich gewürdigt. Ansonsten geht es um Peter Altenberg, Attila Bartis, Emil Cioran, Salvador Espriu, Shichiro Fukazawa, Julien Green, Hermann Hesse, Iliazd, Ernst Jünger, Quirinus Kuhlmann, José Lezama Lima, Thomas Melle, Peter Nadas, Ovid, Anatoli Pristawkin, Raymond Queneau, Joachim Ringelnatz und Jan Skacel.
Schon klar: Navid Kermanis Roman ist nicht zuletzt das Werk eines Literaturfreundes. Seine Erfahrungen als Autor und als Leser sind zahlreich und ergiebig. Leicht ließe sich aus dem Roman eine Poetikvorlesung zusammenzitieren, was durchaus zu empfehlen wäre, hätte der Autor eine solche nicht schon in Frankfurt gehalten und veröffentlicht: „Über den Zufall“ (2012).
Der Papst und Jean Paul
Dass sich Navid Kermani für eine Frau als Protagonistin entschieden hat, aus deren Perspektive erzählt wird, mag überraschen. In dem Roman „Dein Name“, dem gar doppelt so dicken „Totenbuch“ von 2011, stand noch eine Hauptperson namens Navid Kermani im Zentrum. Nun ist der Autor bestrebt, sich in die weibliche Perspektive einzufinden, schildert er Wechseljahre (eher flüchtig) und Intimrasur (durchaus detailverliebt).
Gewiss gilt, was auf dem Buchdeckel steht: Das ist ein Roman. Erfundenes gibt es zuhauf. Gleichwohl schimmern in dieser Variante der Autofiktion Stationen und Positionen des Autors deutlich durch. Seien es Navid Kermanis Werke, die er der Frau unterschiebt, sei es sein Aufwachsen in Siegen, seien es seine Reisen, darunter die Papstvisite in der Delegation von Armin Laschet, sei es die Begeisterung für Neil Young, Jean Paul („eineinhalb Regalmeter à 1,20 Meter“) oder für den 1. FC Köln (und das im Jahr des sechsten Abstiegs).
Alles so schön grün hier
Schauplatz der fortlaufenden Ereignisse ist Köln, wo Navid Kermani lebt. Selbstverständlich bietet die Lektüre allerlei Kritisches zur Stadt, zumal zu Stadtbild und Lokalpatriotismus. Das könnte langweilig sein, weil das Köln-Bashing ja zum guten Ton gehört. Allerdings verbindet Navid Kermani – also seine Protagonistin tut es – diese Kritik mit einer Liebeserklärung, wie sie jenseits des Brauchtums nur selten zu finden ist. Da preist er das viele Grün in der Stadt. Den Rhein, „wo du das Meer witterst, die Ferne, die Ewigkeit.“ Den Dom bei Nacht, „noch viel überwältigender als bei Tag“. Und als ein Sommerabend tiefrot dämmert, ist Köln gar „für eine halbe Stunde die schönste Stadt der Welt.“
„Das Alphabet bis S.“ ist ein Füllhorn. Ein Tagebuch als Denk- und Bücherbuch. Ein reiches und bereicherndes Kompendium zu Fragen der Zeit, anregend und anspruchsvoll. Es lohnt sich, im Buchhandel unter K wie Kermani nach dem Roman zu greifen.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir Navid Kermanis Band mit ausgewählten Reden „Morgen ist da“ HIER vorgestellt.
Die Lesereise
führt den Autor am 21. 9. 2023 nach Mönchengladbach, am 22.9. ins Stuttgarter Literaturhaus, am 23. 9. Zum Tübinger Bücherfest, am 27. 9. zum Festival Harbour Front nach Hamburg, am 15. 10. zur lit.Cologne nach Köln, am 18. 10 zur lit.Ruhr nach Essen, am 29. 10. nach Karlsruhe, am 31. 10. nach Nagold und am 2. 11. 2023 nach Düsseldorf. Weitere Termine folgen.
Navid Kermani: „Das Alphabet bis S“, Hanser, 592 Seiten, 32 Euro. E-Book: 25,99 Euro.
