Todesfälle mit Haiku-Gedichten: „Mord auf der Insel Gokumon“ ist ein weiterer Wohlfühlkrimi des japanischen Altmeisters Seishi Yokomizo

Seishi Yokomizo bietet nicht nur Spannung, sondern auch Einblicke in die japanische Lebenswelt. Dass die Tradition dort eine wichtige Rolle spielt, wird offenbar. Unser Foto zeigt zwei Tänzerinnen, die um 1900 geschaffen wurden und im Museum für Ostasiatische Kunst in Köln zu besichtigen sind. Foto: Bücheratlas

Eine einsame Insel, ein überschaubares Personal und drei angekündigte Mordfälle – darum geht es in „Mord auf der Insel Gokumon“ von Seishi Yokomizo (1902 – 1981). Solche Buchtitel sind eine Rarität. Solche nämlich, die nüchtern und genau das beschreiben, worum es geht. Keine Begriffsakrobatik, keine Wortfeldsammlung, um im Neuerscheinungsgestöber möglichst originell daherzukommen. Die demonstrative Zurückhaltung passt zu einem Kriminalroman, der sympathisch aus der Zeit gefallen ist.

Kolorit und Aufklärung

Bereits vor über 50 Jahren ist der Gokumon-Fall des Privatermittlers Kosuke Kindaichi in Japan erschienen. Eine Verfilmung hat es ebenfalls gegeben. Nun folgt im Blumenbar Verlag, wo im vergangenen Jahr Seishi Yokomizos „Die rätselhaften Honjin-Morde“ herausgekommen sind (die wir auf diesem Blog HIER vorgestellt haben), der zweite Streich.

Wieder ist er von Ursula Gräfe aus dem Japanischen ins Deutsche übertragen worden. Die Übersetzung sei ihr „tatsächlich nicht so leicht gefallen“, schreibt sie uns, „da die Originale aus der unmittelbaren Nachkriegszeit stammen und es einiges zu recherchieren gab, wie das Glossar zeigt.“ In diesem Anhang finden sich auch die Erläuterungen zu jenen Vokabeln, die von Ursula Gräfe nicht ins Deutsche übersetzt worden sind. Das passt – denn so bietet sie einerseits Kolorit und andererseits Aufklärung.

Der Roman spielt kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, woraus sich manch reizvoller Hinweis auf die Zeitläufte ergibt, auf einen „sinnlosen Krieg“, den „Schock der Kapitulation“ und die Wiedereingliederung heimkehrender Soldaten. Kosuke Kindaichi gelangt im September 1946 auf die Insel Gokumon, die in der japanischen Inlandsee gelegen ist. Seine Mission: Er soll die dominierende Familie des Eilands über den Tod des Erben in Kenntnis setzen.

Sorge um drei Halbschwestern

So lernt er die Familie Kito, den Bürgermeister, einen Tempel-Priester, einen Arzt, einen Gezeitenmeister und andere mehr kennen. Sie alle verkörpern die Einwohnerschaft, die sich dadurch auszeichnet, dass sie unter ihrer Maske der Freundlichkeit „einen Panzer von undurchdringlicher Härte“ verbirgt.  

Nachdem Kosuke Kindaichi seine traurige Nachricht überbracht hat, verlässt er Gokumon nicht mit dem nächsten Boot. Ihn hält eine letzte Bitte des Verstorbenen zurück. Die besagt, dass er sich um die drei Halbschwestern kümmern möge. Denn deren Leben sei in Gefahr. So viel sei von unserer Seite verraten: wie wahr! Der literarisch interessierten Leserschaft sei noch hinzugefügt, dass einige Haikus, eine Sonderform der japanischen Lyrik, für den Verlauf des Geschehens von unheilvoller Bedeutung sind. Wo’s lyrisch wird, wird’s morbid.

Lampions in der Inselnacht

Seishi Yokomizo war ein Liebhaber der Kriminalromane von Agatha Christie. Mit einer Mischung aus wärmender Betulichkeit und reißbrettfester Genauigkeit wartet auch er auf. Akribisch löst er einen Fall, der so bizarr ist wie es schon die „Honjin-Morde“ waren. Auch spielen abermals japanische Ehrvorstellungen eine erhebliche Rolle.

Doch „neu“ ist im Vergleich zum deutschsprachigen Vorgängerband, dass die Schüttelfrost-Atmosphäre auf der abgelegenen Insel intensiv geschildert wird. Was bei Agatha Christie eine von Nebelschwaden umwaberte Hochmoor-Immobilie war, das ist bei Seishi Yokomizo die nur von wippenden Lampions leidlich erhellte Inselnacht. Und dass es gut ist, die Uhr im Blick zu halten, wissen wir ja seit „16 Uhr 50 ab Paddington“.

Beschaulich und ausgefuchst

Der Autor lässt sich Zeit bei der Vorstellung des Personals. Ebenso lässt er sich Zeit bei der Entfaltung der Geschichte. Diese Zeit sollte sich auch die Leserin und der Leser nehmen. Ja, es ist ein beschaulicher Kriminalroman. Aber auch ein ausgefuchster. Und obendrein spielt der Autor augenzwinkernd mit seinem Werk. Gerne verweist er auf den Fall der „Honjin-Morde“, womit der Privatermittler die literarische Bühne betreten hat.

Es darf vermutet werden, dass dies nicht der letzte Fall von Kosuke Kindaichi in deutscher Sprache gewesen ist. Material gibt es jedenfalls zur Genüge. Nahezu 80 Fälle liegen vor. Frau Gräfe, bitte, übernehmen Sie!

Martin Oehlen

Auf diesem Blog

haben wir „Die rätselhaften Honjin-Morde“ HIER besprochen.

Seishi Yokomizo: „Mord auf der Insel Gokumon“, dt. von Ursula Gräfe, Blumenbar, 336 Seiten, 22 Euro. E-Book: 12,99 Euro.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..