In Adolf Hitlers Badewanne: Die Amerikanerin Lee Miller und ihre Fotografien zwischen Krieg und Glamour

„Floating head“ nannte Lee Miller das Porträt von Mary Taylor, das sie 1933 in New York aufgenommen hat. Die Broadway-Schauspielerin hatte Lee Miller um Porträtfotos gebeten, die ihr Agent nach Hollywood schicken sollte. Wie es auf der Homepage der Lee Miller Archives heißt, hat Mary Taylor es „into the movies“ geschafft.  Foto: Lee Miller Archives, East Sussex, England / Bucerius Kunst Forum

Elizabeth „Lee“ Miller, 1907 in den USA geboren und 1977 in England gestorben, lebte viele Leben. Sie war Modemodel, Kochkünstlerin und Fotografin. Ihre surrealistischen Fotografien sind Teil der Kunstgeschichte. Im öffentlichen Bewusstsein dominieren gleichwohl die Aufnahmen, die sie als Kriegsfotografin für die Zeitschrift „Vogue“ gemacht hat. Als „embedded journalist“ der US Army stand die Amerikanerin weit vorne an der Front des Zweiten Weltkriegs.

Blick in die befreiten Konzentrationslager

All diese Facetten sind nun in einer Ausstellung zu sehen, die das Zürcher Museum für Gestaltung in Kooperation mit den Lee Miller Archives aus East Sussex entwickelt hat. Aktuell macht die Schau Station im Bucerius Kunst Forum in Hamburg. Die ausgewählten 150 Aufnahmen aus der Zeit von 1929 bis 1973 sind überdies in einem sehr gepflegt edierten und mit kundigen Aufsätzen versehenen Katalogbuch des Hirmer Verlags zu erleben.

Lee Millers Kriegsfotos packen schonungslos zu. Sie lassen die Betrachterin oder den Betrachter nicht entkommen – nicht, wenn es um das Grauen des NS-Terrors geht. Das gilt zumal für die Aufnahmen aus den gerade befreiten Konzentrationslagern. Hinzu kommen Einblicke in das England der Kriegszeit, das Frankreich des frischen Friedens und das Deutschland der vollkommenen Zerstörung.

Lee Millers Kollege „David E. Scherman, dressed for war“ in London 1942. Foto: Lee Miller Archives, East Sussex, England / Bucerius Kunst Forum

Die Stiefel auf der Badematte

Katharina Menzel-Ahr weist in ihrem Essay darauf hin, dass Lee Miller „allen Deutschen seit dem Überfall auf Polen tiefen Hass und Verachtung entgegen“ gebracht habe. Zwar sei dies gewiss zeittypisch gewesen. Allerdings habe diese Einstellung bei der Amerikanerin, „deren Vorfahren väterlicherseits aus Deutschland kamen“, „oft emotionsgeladener als bei vielen ihrer Kollegen“ gewirkt. Das zeige sich auch in ihrem fotografischen Werk: „Lee Millers Bilder toter und gefangener deutscher Soldaten sind oft expliziter und ihre Kommentare, wie damals üblich, hart.“  

Wohl am bekanntesten ist die Aufnahme, die Lee Miller in Adolf Hitlers Badewanne am Prinzregentenplatz in München zeigt. Es ist eine sorgsam inszenierte Aufnahme. Mit einem gerahmten Hitler-Porträt am Wannenrand und der Skulptur einer nackten Frau im Stil des NS-Kunstgeschmacks auf dem Toilettentisch, mit der abgelegten Uniform der Fotografin auf einem Hocker und den Stiefeln, die sie beim Gang durchs Konzentrationslager Dachau getragen hatte, auf der Badematte. Dazu schreibt Elisabeth Bronfen im Katalog: „Inszeniert wird die Besitzergreifung der Intimsphäre des besiegten Feindes.“

Fotografin und Model in einer Person

Auch zeigt sich hier, dass Lee Miller nicht nur als Fotografin unterwegs war. Vielmehr war sie zeitlebens erfolgreich in einer Kombination aus Autorin und Model, aus Betrachterin und Subjekt der Betrachtung. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele. Nicht nur aus der Zeit als Reporterin. So hatte sie schon im Jahre 1932 mit einem kunstvoll ausgeleuchteten Selbstporträt für ihr Fotostudio in New York geworben.  

Und das Badewannen-Foto, auf dem Lee Miller versonnen einen Waschlappen über die Schulter führt? Es stammt vom befreundeten „Life“-Fotografen David E. Sherman. Interessanterweise gibt es auch das „Gegenbild“. Lee Miller nämlich hat ihrerseits den Kollegen aufgenommen, wie er sich an gleicher Stelle die Haare zu waschen scheint. Doch nur das Foto, das sie in der Wanne zeigt, hat es zu ikonischem Ruhm gebracht.

„Wie ein Skript zu einer Filmstory“

„Lee Millers Leben liest sich wie ein Skript zu einer spannenden Filmstory“, schreibt Karin Gimmi in ihrem Beitrag zum Buch. Alle Ingredienzien, die im Kino Emotionen auslösen, kommen demnach darin vor. Sie zählt auf: Schönheit, Tod, Erotik, Liebe, Krieg, Glamour, Kunst und Freundschaft.

Attraktive Anekdoten gehören ebenfalls dazu. Sie handeln davon, wie ihr der „Vogue“-Herausgeber Condé Nast das Leben rettete und sie dabei als Model entdeckte. Wie sie in Paris die Bekanntschaft von Man Ray machte. Oder wie sie der (ersten) Ehe wegen nach Ägypten zog. Filmreif ist tatsächlich einiges. Gimmi meint: „Sie selber dürfte an ihrer eigenen Geschichte mitgewirkt und vielleicht auch nicht immer alles ganz so ernst genommen haben.“

Kochkunst der späten Jahre

Verständlicherweise ist das Interesse am Werk Lee Millers, das mit einiger Verzögerung auf dem heimischen Dachboden entdeckt worden ist, seit langem erheblich. Einschlägige Publikationen sind auf dem Markt. Gleichwohl kann der vorliegende Band in diesem Angebot bestens bestehen. Er besticht dadurch, dass er das Leben der Lee Miller vielschichtig abbildet.

Solcherart geht es bis hin zur Kochkunst der späten Jahre auf dem Landgut „Farleys House“. Dort lebte sie mit Roland Penrose, dem zweiten Ehemann. Ihre surrealistisch arrangierten Speisen hielt sie noch im Bild fest. Doch von der professionellen Fotografie hatte sie sich da schon weitgehend abgewendet. „Dies hat verschiedene Gründe“, schreibt Cathérine Hug, „wovon der wichtigste zweifellos ihr Kampf mit posttraumatischen Symptomen nach dem Betreten der Konzentrationslager Buchenwald und Dachau war.“

Martin Oehlen

Ausstellung

im Bucerius Kunst Forum, Alter Wall 12 in 20457 Hamburg. Geöffnet bis 24. September 2023, täglich 11-19 Uhr, Donnerstag 11-21Uhr. Eintritt: 12 Euro (erm. 6 Euro).

„Jahr der Frauen“

heißt eine Ausstellungsreihe des Bucerius Kunst Forum. Nach „Gabriele Münter – Menschenbilder“ und vor „Geniale Frauen – Künstlerinnen und ihre Weggefährten“ (ab Oktober 2023) ist die Lee-Miller-Schau platziert.

„Lee Miller – Fotografien zwischen Krieg und Glamour“, hrsg. von Kathrin Baumstark, Hirmer, 240 Seiten, 45 Euro.

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