
Nie wieder Knast! Stattdessen: „Neuanfang. Ein Dach über dem Kopf finden, ein richtiges. Kohle für Essen, ein Handy.“ Sechs Jahre und acht Monate saß Joran Horvat wegen eines Raubüberfalls und gefährlicher Körperverletzung im Jugendgefängnis. Jetzt ist er Mitte 20 und will endlich durchstarten. „Vielleicht hole ich mir sogar einen Reisepass und fliege weg, sobald die Kohle reicht. Zum ersten Mal. An einen Ort mit Sonne ohne Vergangenheit.“
„Kein Geld, kein Dach“
Doch seine Träume von einem unbescholtenen Leben in Freiheit platzen innerhalb kürzester Zeit. Nur wenige Stunden nach seiner Entlassung überwirft sich Joran mit seinem Vater und muss in ein Hotel ziehen. Ein Probetag als Koch in einem Seniorenheim endet nach einem unglücklichen Vorfall, an dem er keine Schuld trägt, mit seiner Entlassung. Neuanfang? Von wegen. „Keine Arbeit, kein Geld. Kein Geld, kein Dach. Kein Dach, kein Neuanfang.“
Dann ist da noch diese alte Tankstelle, die Joran als 19-Jähriger mit zwei Freunden überfallen hat und zu der es ihn immer wieder hinzieht. Dort trifft er eines Nachts auf die Influencerin Charu und die zehnjährige Edda. Auch Charu und das Mädchen sind zwei Unbehauste: Die eine ist ein Opfer sexualisierter Gewalt, die andere auf der Flucht vor familiären Konflikten.
„Wir stehen ganz unten im Regal“
Welche Katastrophe aus dieser schicksalhaften Begegnung erwächst, davon erzählt Thomas Knüwers atmosphärisch dichter Kriminalroman „Giftiger Grund“. Überzeugend schildert der Träger des Deutschen Krimipreises 2024 aus wechselnden Perspektiven Jorans Weg zurück in die Kriminalität und die fatale Rolle, die Charu und Edda dabei spielen.
Hier mischt sich knallharte Sozialkritik mit einem spannenden Plot, der wie in einem antiken Drama in den Untergang führt. Menschen wie er „sind B-Ware“, muss Joran erkennen. „Wir stehen ganz unten im Regal. Für Immer. Scheißegal, ob du jetzt auf ehrlich machst oder nicht.“
Petra Pluwatsch
Thomas Knüwer: „Giftiger Grund“, Droemer, 352 Seiten, 18 Euro. E-Book: 12,99 Euro.
