Yayoi Kusama im Museum Ludwig in Köln: Die famose Ausstellung präsentiert neben Punkten und Kürbissen auch die Poesie der legendären Künstlerin

Yayoi Kusamas Installation „Infinity Mirrored Room“ im „Heldensaal“ des Museum Ludwig in Köln Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Spektakulär ist die Ausstellung, die das Museum Ludwig in Köln der Japanerin Yayoi Kusama eingerichtet hat. Es ist ein Kosmos aus Punkten und Netzen, Phalli und Kürbissen, sich spiegelnden Spiegeln und kunterbunten Prismen. Zwischen all den Bildern und Installationen könnte man fast übersehen, dass Yayoi Kusama auch als Schriftstellerin zu beeindrucken weiß. Mit Romanen, Gedichten, Novellen und Autobiografischem. Ausgewählte Veröffentlichungen werden in zwei Vitrinen präsentiert. Zudem schmücken einige Gedichte die Museumswände – in deutscher und englischer Übersetzung. Das ist der Rede wert. Denn diese Literatur liegt zum großen Teil nur auf Japanisch vor.

„Reiß das Tor der Halluzinationen nieder“

Yayoi Kusamas Texte vermitteln unmittelbar die persönliche Bedrängnis, unter denen auch und vor allem ihre faszinierenden Bildwerke entstanden sind. Tatsächlich war das Schreiben für Yayoi Kusama ein Anker, als sie in den 1970er Jahren aus den USA nach Japan zurückkehrte. Denn „nach wiederholten psychischen Zusammenbrüchen“, so informiert die Schau, „entschied sich die Künstlerin 1977 für ein Leben in einer psychiatrischen Klinik in Tokio.“ Daraufhin habe sie wieder zum Schreiben gefunden, das sie bereits in ihrer Jugend in Japan zur Selbstfindung genutzt hatte. Die Kunst als Lebensretterin – in Wort und Bild.

„Manhattan Suicide Addict“, ihr erster Roman aus dem Jahr 1978, liegt als einziger von über zehn Romane auch auf Englisch vor. Es ist eine „fiktionalisierte Autobiografie über ihre Zeit in New York“, heißt es. Darin steht geschrieben: „Ich kann meine Existenz nicht aufgeben. Ich kann aber auch dem Tod nicht entkommen. Diese apathische Schwere des Lebens.“ Schon vier Jahre zuvor taucht der Titel in einem Gedicht auf. Der „Song of a Manhattan Suicide Addict“ beginnt mit einer klaren Ansage: „Schluck Antidepressiva, und es wird verschwinden / Reiß das Tor der Halluzinationen nieder“.

„Mein Herz begann zu rasen“

Eine dieser „Halluzinationen“ beschreibt sie in ihrer Autobiografie „Infinity Net“. Während ihrer 20 Jahre in New York – von 1957 bis 1977 – malte sie eine Weile immerzu Netze und Punkte. Eines Morgens sei sie aufgewacht, schreibt sie, „und stellte fest, dass die Netze, die ich am Vortag gemalt hatte, an den Fenstern klebten. Voller Staunen wollte ich sie berühren, doch sie krochen über meine Hände und drangen in meine Haut ein. Mein Herz begann zu rasen.“ Mitten in einer Panikattacke habe sie einen Rettungswagen gerufen, der sie in ein Krankenhaus gefahren habe. Dieser Vorgang habe sich dann „mit einer gewissen Regelmäßigkeit“ wiederholt. Eines Tages teilte ihr das Krankenhaus mit, dass ihr dort nicht zu helfen sei: „Man riet mir, psychiatrische Hilfe in Anspruch zu nehmen, und sagte, ich müsse in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden.“ Allerdings habe sie zunächst einfach weitergemalt – „like mad“, wie verrückt.  

Ihre Gedichte, von denen nun einige in Köln zu entdecken sind, kommen allesamt nahbar und eindringlich daher. Die persönliche Betroffenheit ist in jedem Vers zu spüren, so dass man geneigt ist, das lyrische Ich mit der Autorin gleichzusetzen. Da geht es mal um Schlaflosigkeit, die sie zu der Frage veranlasst: „Was ist das für ein Wahnsinn (madness) in meinem Herzen?“ Mal um die Beobachtung, dass sie die Stimme eines Veilchens angenommen habe, ja, dass die Veilchen aus der Tischdecke auf ihren Körper gekrochen seien. Damit verbunden ist die Sorge, nun erwachsen werden zu müssen – und sie bittet: „noch nicht“.

„Widerwillig alt werden“

Das vorrückende Alter – die Künstlerin wurde am 22. März 1929 in Matsumoto in Japan geboren – ist auch Thema in „Doing Nothing“ von 1983. Darin lautet die erste Strophe: „die Bäume haben all ihre bunten Blätter verloren / die Erde ist unter den abgefallenen Blättern verborgen / die Zeit ist wieder im Herbst angekommen / Ich sitze zwischen all den abgefallenen Blättern / bin eine alte, grauhaarige Frau geworden / die nur noch Tage anhäuft und nichts tut / alles, was ich getan habe, alles, was ich tue“ – hier sperrt sie den Zeilenfall –  „ist widerwillig / alt zu werden“.

Überwiegend heiter ist hingegen Yayoi Kusamas Loblied auf die Kürbisse, die eine zentrale Rolle in ihrem künstlerischen Schaffen spielen. In dem Gedicht „On Pumpkins“ von 2010 sagt sie: „Kürbisse sind liebenswert und ihre / wunderbar wilde und humorvolle Ausstrahlung / berührt immer wieder die Herzen der Menschen. / Ich liebe Kürbisse.“ Zum Ende dann das Bekenntnis: „Es sind die Kürbisse, die mich weitermachen lassen.“

Brief an Georgia O‘Keeffe

All das ist lesenswert. Da stellt sich die Frage: Womöglich demnächst einmal in einer deutschen Ausgabe? Vielleicht gibt es ja eine Chance für den einen oder anderen Roman, die Novellen oder einen Gedichtband. Und die Autobiographie? Zwar ist „Infinity Net“ 2017 auf Deutsch im Piet Meyer Verlag erschienen. Doch leider ist der Verlag 2021 eingestellt worden. Aktuell ist der Titel nicht lieferbar.

Diese Memoiren lohnen sich nicht nur, weil Yayoi Kusama darin ihre Kunst beschreibt – der Mensch als ein Punkt unter Abermilliarden von Punkten in einem unendlichen Netz. Auch beeindruckt sie mit den Stationen ihres Lebens. Gerade ihr Karriere-Beginn ist märchenhaft. Da fährt sie in den 1950er Jahren sechs Stunden mit dem Zug in die Hauptstadt Tokio, um in der US-Botschaft im „Who’s who“ nach der Adresse von Georgia O’Keeffe (1887-1986) zu suchen. Von ihr hatte sie kurz zuvor einige Bilder in einem Buch entdeckt. Diese hatten sie beeindruckt. Und in die USA wollte sie endlich auch einmal. Also schickte sie der berühmten, aber ihr ansonsten völlig unbekannten Kollegin einen Brief und einige Aquarelle. Die Adresse war korrekt. Georgia O’Keeffe schrieb zurück. Der Rest ist Kunstgeschichte.

Martin Oehlen

Die Ausstellung

mit Werken von Yayoi Kusama im Museum Ludwig in Köln ist noch bis zum 2. August 2026 zu sehen. Anschließend zieht die Schau weiter zur Fondation Beyeler in Riehen/Basel (12. Oktober 2025 – 25. Januar 2026) und ins Stedelijk Museum in Amsterdam (12. September 2026 – 17. Januar 2027).

Das Foto

am Kopf der Seite zeigt eine Arbeit von Yayoi Kusama, die für das gesamte Werk zu stehen scheint: farbenfroh, pünktchenreich, verspiegelt und schier unendlich.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..