Kunst, Konfetti, Kasper König: Der Band „A bis Z“ ist eine famose Lebenscollage des Ausstellungsmachers und Museumsdirektors

Auf dem Weg: Kasper König auf der Brooklyn Bridge in New York. Foto: Martina Cooper / Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König

Es klingt wie eine Pointe, um die Kasper König (1943-2024) nie verlegen war. Doch wir glauben ihm gerne: „Das erste Stichwort, das mir für das Glossar dieses Buches in den Sinn kam, war Amnesie.“ Das Vergessen, so führt es der legendäre Ausstellungsmacher, Hochschullehrer und Museumsdirektor aus, sei ein Phänomen, „das in unserer Gesellschaft immer mehr zuzunehmen scheint, obwohl die digitalen Medien uns auf die Geschichte und die Vergangenheit mit einer Leichtigkeit zugreifen lassen, wie es das nie zuvor gegeben hat.“ Gegen das Vergessen hilft nun auch der Sammelband „A bis Z“ selbst, in dem das Glossar zum Abdruck gelangt. Er tut es mit Witz, Wissen und Wumms. Sein Thema: Kasper König.

Y wie Yes

Die Idee einer autobiographischen Collage stammt von ihm selbst. Kasper König stand, so entnehmen wir es einer editorischen Notiz, nicht der Sinn nach einem denkmalgleichen Lebensbild. Vielmehr legte er ein Glossar an, in dem er Begriffe versammelte, die ihm mal einen Satz und mal ein paar Absätze wert erschienen. Dass dabei das spielerische Element nicht zu kurz kommt, versteht sich fast von selbst.

So begnügt er sich nicht mit je einem Begriff pro Buchstaben. Die höchste Schlagzahl erreicht er beim A, wo sich gleich 27 Begriffe tummeln, beginnend mit „Aa“, das Assoziationen freisetzt zu Aachen („Goethe war nie in Aachen“), die Babysprache und die Aa in Münster, die dort auf dem Weg in die Ems ist. Das Y hingegen kriegt nur einen Solo-Auftritt hin: „Yes“.

P wie Postkarte

Nach Kasper Königs Tod im August 2024 haben Andreas Prinzing, Ulrich Wilmes und Yvonne Quirmbach dieses Kaleidoskop fortgeführt. Da kommen Wegbegleiter und Wegbegleiterinnen zu Wort, wird in der Fotokiste gekramt und blitzen zahlreiche Dokumente auf. All das ist attraktiv arrangiert, wirkt gleichermaßen locker wie kompakt. Exemplarisch für das Engagement, das diesem Band zuteilwurde, ist das Lesezeichen, das die Künstlerin Amelie von Wulffen gestaltet hat.

Die zentralen Stationen Münster, New York und Berlin, der Portikus in Frankfurt, dessen Gründungsdirektor er 14 Jahre lang war, und das Museum Ludwig in Köln, dem er zwölf Jahre vorstand – all das kommt vor. Aber nicht in chronologischer Folge, sondern es geht kreuz und quer durch die Vita. Auch sorgt das Alphabet nur scheinbar für Ordnung. Noch ehe auf Seite 332 das Stichwort „Postkarte“ behandelt wird, lässt sich Kasper König  dazu schon auf Seite 7 unter dem Stichwort „Ablehnung“ ein: „Erst wenn die frankierten Karten im Postkasten landen, habe ich das Gefühl, etwas Handfestes gemacht zu haben.“

„Jedes Mal richtig angefixt“

So schön das Original ist, so reizvoll kann die Sekundärliteratur sein. Jedenfalls sind Andreas Prinzings „Anmerkungen“ zu Kasper Königs Kartenkultur eine feine Gabe: „Die Karten sind das Öl im Getriebe des hochtourigen Motors, der den Ausstellungsmacher antreibt. In dieser verdichteten, oldschoolhaften Kommunikationsform ist er im Kunstbetrieb konkurrenzlos, vermutlich Guinness-Buch-der-Rekorde-verdächtig. Die Postkarten sind sein Markenzeichen, halb exzessiv gepflegte Marotte, halb Er-kann-nicht-anders.“

Ein Kessel Buntes das Ganze. Natürlich gibt es zahlreiche Auskünfte zum Kunstbetrieb. Auch zur eigenen Karriere: „Ich bin ein passionierter Dilettant, gewissermaßen ein Amateur, weil ich keine akademische Laufbahn absolviert habe.“ Aber das habe auch Vorteile. Die Bürokratie bekommt ihr Fett weg, die „verbeamtete Routine“ sowieso. Das einzige Gedicht der Jugendzeit wird öffentlich gemacht: „Eine Rübe ist eckig und rund – na und!“ Er kokettiert mit dem Familien-Clan, räumt ein zuweilen brüskes Verhalten ein und bekennt sich zum Karneval in Köln, der ihn „jedes Mal richtig angefixt“ habe. Und Ulrich Wilmes übermittelt die Position der Sammlerin Irene Ludwig: „Sie vertraute K, traute ihm aber auch alles zu.“

Brillo-Box fürs Eigenheim

Es ist ein gutes Zeichen, wenn man gar nicht mehr aufhören möchte mit dem Zitieren. Aber womöglich ermüdet das selbst eine geneigte Leserschaft. Darum hier nur noch eine Geschichte aus der Abteilung Dönekes. Nachdem Kasper König 1968 eine Andy-Warhol-Ausstellung in Stockholm kuratiert hatte, schenkte ihm der Künstler eine signierte Brillo-Box aus Holz. Die habe 1969 immerhin schon 1000 Dollar gekostet, lesen wir, doch 50 Jahre später wurden dafür „Millionen“ bezahlt.

Auf dieser Holzbox stand bei den Königs einst der Fernseher. „Damals, in den 1970er-Jahren, spazierte einmal – ich war kurz Zigaretten holen – ein Junkie in New York in die Bude, griff sich vor den Augen unserer beiden kleinen Töchter die Glotze und nahm sie mit. Ich bin ihm nach meiner Rückkehr direkt hinterher, was nicht ganz ungefährlich war, und habe das Ding zurückgeholt. Von Warhols Box konnte ich mir später meine Eigentumswohnung leisten.

Loblied auf die Neugier

Eine Lust ist es, durch dieses Lesebilderbuch zu streifen. Leserinnen und Leser werden geradezu eingehüllt von einem Konfettiregen aus Fakten und Fitzeln zur Person, zur Zeit und zur Szene. Der Band spiegelt das breite Interessensspektrum, das Kasper König ausgezeichnet hat. Ja, er selbst wird nicht müde, das Loblied auf die Neugier zu singen.

Eine Lebenscollage – wahrhaft königlich.

Martin Oehlen

„Kasper König: A bis Z – Eine Lebenscollage“, herausgegeben von Andreas Prinzing und Ulrich Wilmes, gestaltet von Yvonne Quirmbach, Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, 536 Seiten, 48 Euro.

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