
Eine Schriftstellerin soll über ihre Arbeit sprechen – das ist der Plan. Und der ist so neu nicht. Poetikvorlesungen gibt es landauf und landab. Doch die Ich-Erzählerin in Dorothee Elmigers Roman „Die Holländerinnen“ hat ein Problem. Bei der Vorbereitung ihrer Vorlesung – drei Termine sind angesetzt – hat sie festgestellt, dass ihr die Gewissheiten übers Schreiben abhandengekommen sind.
Selbstverständlich könne man nun diese „Auflösung“ der Grundlagen, sagt sie, „im Licht der gegenwärtigen Verhältnisse betrachten“, die „schlecht, ja tödlich“ seien. Also: wenn die Welt aus den Fugen gerät, geht auch die solideste Poetik baden. Doch die „bedeutende Autorin“, als die sie vorgestellt wird, will die Veranstaltung nicht platzen lassen.
„Relikte einer Reise“
Daher spricht sie über einen Text, den sie nicht beendet hat. Es handelt sich um einen „Wust an Notizen, Fragmenten, die Relikte einer Reise, die sie nun zum ersten Mal in die Hände nehmen und ins Licht halten wolle.“ Man kann es sich denken: Die Beschäftigung mit diesen Aufzeichnungen führt scheinbar beiläufig zu allerlei Einsichten, was es mit dem Erzählen von Geschichten auf sich hat.
Den Rahmen bildet das Projekt eines Theatermachers, der in der Nachfolge von Werner Herzog und Christoph Schlingensief steht. So zieht es den Regisseur mit einer handverlesenen Truppe in den Urwald Lateinamerikas, „zwischen dem nördlichen und dem südlichen Wendekreis“, wie es heißt. Wohin genau, wird nicht verraten – aber es wird wohl die Pazifikküste von Panama sein.
Reale Katastrophe als Ausgangspunkt
Denn der Fall der beiden niederländischen Studentinnen, dem der Theatermacher nachspüren will, ist schrecklich real. 2014 unternehmen Lisanne Froon und Kris Kremers eine Reise nach Panama. Sie wollen Spanisch lernen, das Land erkunden und in einem Kinderprojekt helfen. Nach zwei Wochen im Land unternehmen sie einen Ausflug in den Urwald.
Sie wandern auf dem Trail „El Pianista“, von dem sie nicht lebend zurückkehren. Nach zehn Tagen findet man einen Rucksack. Darin die Handys. Notrufnummer wurden gewählt, aber es gab kein Netz, dann weitere Versuche, nun aber mit falschem PIN. Außerdem im Rucksack: die Kamera, mit der zuletzt sehr viele Blitzlichtaufnahmen in der Nacht gemacht wurden. Die Motive sind kaum zu erkennen. Wochen später werden Köperteile der Frauen gefunden. Die einen gehen von einem Unfall aus, die anderen von einem Verbrechen. Der Fall liegt im Dunkeln.
„Tropische Passion“ des Theatermachers
Dem Theatermacher soll diese tatsächliche Tragödie als Grundlage einer „tropischen Passion“ dienen. So soll das Schicksal der beiden Niederländerinnen am Ort des Verbrechens durch Recherche und Rekonstruktion ergründet werden.
Er träumt von einem „hypnotischen Realismus“, bei dem Fiktion und Wirklichkeit kollidieren. Das kann man auch makaber nennen. Unsere Ich-Erzählerin ist eingeladen, alles zu protokollieren, was sich auf diesem Theatertrip in den Urwald ereignet. Ungünstig ist allerdings, dass sie sich recht früh das Gelenk der Schreibhand verstaucht.
Brachialer Regen, glitschiger Schlamm
Der Roman bietet zum einen die Geschichte dieser ominösen Kunstanstrengung. Auf der Suche nach Zeugen und Zeugnissen der verschwundenen Holländerinnen kommt es zu atmosphärisch dichten Szenen. Der brachiale Regen, das wabernde Grün, der glitschige Schlamm. Nur die Tierwelt wird zurückhaltend geschildert. Jedenfalls wird die Theatertruppe kaum einmal von piksenden Plagegeistern malträtiert.
Zum anderen ist der Roman reich an Geschichten aus den Reihen der Teilnehmenden. Sie werden zuweilen im Kreis erzählt wie in Boccaccios „Decamerone“, aber oft auch im Zwiegespräch. Der amerikanische Kameramann erinnert sich an vorangegangene Aufträge, die Schauspielerin aus der Schweiz an eine „Ziegengeschichte“, der Dramaturg an eine riskante Inszenierung, bei der das wahre Leben ins fiktive Theaterspiel einbrach.
Erzählen gegen die Angst
„Dieses Erzählen, das hätten sie alle gewusst, habe sie vorläufig vor der tobenden, der heftig atmenden Nacht bewahrt, vor der Dunkelheit, in der alles mit rasender Geschwindigkeit gesprossen und gewachsen, gestorben und verschwunden sei.“ Das passt ins Poetik-Lehrbuch: Erzählen gegen die Angst. Gegen die Nacht. Gegen den Tod.
Die Dunkelheit ist die große Dominante dieser Reise und dieses Romans. Davon wird alles durchdrungen. Die Nacht, „die blinde Schwärze“, steht für die unbestimmte Gefahr, für „die laut wuchernde, die modernde Flora“ und „den Wahnsinn der Fauna“. Das Unbehagen, die „furchtbare Verlassenheit“, rumort allerdings auch bei Tag, „im höllischen Nichts des Waldes“.
„Handgelenk mal Pi“
Die Protokollantin ist keine außenstehende Beobachterin, sondern steht mittendrin im Erzählten. Die Schweizerin will von ihr wissen, wie lange sie – „Handgelenk mal Pi“ – an ihren bisherigen Büchern gearbeitet habe. Oder was es mit dem Ursprung eines Buches auf sich habe: „Das liege für sie selbst irgendwie im Schatten, habe sie gesagt, es sei oft erst nachträglich zu verstehen, was es genau sei, das einen bestimmten Text zu einer bestimmten Zeit auslöse oder notwendig mache.“
Mit der Zeit wird es der Erzählerin mulmig. Sie hat „das Gefühl, es sei etwas aus dem Lot geraten, das Gebiet werde von einer Art atmosphärischer Störung beherrscht.“ Sie wähnt sich in einer „Angstlandschaft“. Und am Ende des Romans ist sie ziemlich von der Rolle. Gleich möchte man annehmen, dass hier nicht nur von dem tropischen Flecken im Besonderen, sondern von unserer Gegenwart im Allgemeinen die Rede ist: Verstörung allerorten.
Mit einem eleganten Touch
Der Reisebericht, der gespickt ist mit hochhackigen Zitaten kluger Köpfe von Adorno bis Verlaine, wird immer wieder kurz unterbrochen. Das sind die Momente, in denen wir einen Blick auf die Gastdozentin im Vortragssaal werfen können. Diese Intermezzi sorgen für Struktur. Doch flink geht es weiter. Durchweg in indirekter Rede. Das mag zunächst befremdlich klingen, aber erzeugt sehr bald einen suggestiven Sound und einen eleganten Touch.
In die Dunkelheit des Auditoriums hinein sagt die Autorin, dass sie „im Zweifel immer für den Zweifel“ sei. Nicht das Eindeutige, sondern das Offene ist demnach ihre Sache. Eine alles umschließende Pointe kommt nicht infrage. Da ist die Ich-Erzählerin ganz nah dran an der Poetik der Dorothee Elmiger. Auch ihr Roman „Die Holländerinnen“, wie zuvor schon „Aus der Zuckerfabrik“ (2020), lässt sich nicht auf einem Kartentisch vermessen. Stattdessen schwingt und schwebt der Text. Es ist eine packende Reise in die Finsternis.
Martin Oehlen
Lesungen
mit Dorothee Elmiger in Zürich im „Zentrum der literarischen Gegenwart“ (Buchpremiere, 17. 9. 2025), im Literaturhaus München (19. 9.), im Hessischen Literaturforum in Frankfurt am Main (29. 9.) und in der „Literarischen Vereinigung“ in Winterthur (30. 9. 2025). Zahlreiche weitere Lesungen folgen zwischen Oktober und Dezember.
Dorothee Elmiger: „Die Holländerinnen“, Hanser, 160 Seiten, 23 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

Ich wollte den Roman sowieso lesen; diese Kritik bestärkt mich in dem Wunsch. (Vor der Zuckerfabrik gab’s auch schon was von ihr, das steht ebenfalls in der Warteschlange: „Schlafgänger“.)
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Ein starker Roman – sich für die Lektüre zu entscheiden, ist sicher nicht verkehrt! Viel Vergnügen wünsche ich.
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Ja, Erzählen gegen die Angst, aber auch die Angst vor dem Erzählen, denn die Erzählung holt Fiktives in die Handlungsräume und Identitäres – es ist ja auch ein Buch über die Flucht aus der Dialektik der Aufklärung, und das Ende besitzt schon einen Hoffnungscharakter. Schöne Rezension!
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Danke! Den feinen Hinweis auf Adorno & Co. hatte ich bereits in der Rezension auf „Kommunikatives Lesen“ entdeckt. Mit anderen Worten: das Lob kann ich nur erwidern!
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