Der Traum von der Musikkariere lebt: Benjamin Woods berührender Roman „Der Krabbenfischer“

Foto: Bücheratlas / M. Oe.

Thomas Flett macht sich keine Illusionen. Lange wird er seinen Job nicht mehr ausüben können. „Bald schon wird auf dem Strand kaum mehr ein Bissen aufzusammeln sein, den man nicht anderswo schneller für den halben Preis kriegen könnte.“ Thomas Flett, 20 Jahre alt und im englischen Longferry zu Hause, ist Krabbenfischer. Und so lautet auch der Titel dieses ruhigen, zu Herzen gehenden Romans von Benjamin Wood. „Der Krabbenfischer“ ist bereits das fünfte Buch des 1981 geborenen britischen Schriftstellers und steht auf der Longlist für den Booker Prize 2025.  

Thomas Flett ist unehelich geboren – ein Skandal im ländlichen England der beginnenden 1960er Jahre. Der Geschichtslehrer der örtlichen Schule hatte seine Ma geschwängert, als das Mädchen 15 Jahre alt war. Danach hatte er sich zur Army abgesetzt und war bald darauf auf einem der Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs getötet worden. In dem abgelegenen Küstenort gilt die junge Mutter seitdem als Frau mit Vergangenheit. Die Nachbarinnen meiden sie, ihre Partner wechseln häufig. Von Dauer ist allein das Reißen in den Knochen, unter dem die Mittdreißigerin leidet. 

Zwischenwelt aus Nebel, Wind und salziger Luft

Thomas ist bei Pop, dem Vater seiner Ma, aufgewachsen, der ebenfalls ein Krabbenfischer war und ihm früh beigebracht hat, wie man die begehrten Schalentiere fängt. Jetzt ist Pop seit ein paar Jahren tot. Ma und Thomas leben allein in dem schäbigen Haus am Rande von Longferry, und Thomas zieht jeden Tag seine Runden durch das zurückweichende Wasser, um einzusammeln, was das Meer hergibt. Manchmal fährt er zweimal am Tag mit seinem Pferdekarren und den Schleppnetzen hinaus und taucht ein in eine milchige Zwischenwelt aus Nebel, Wind und salzgeschwängerter Luft. „Schaum wäscht um die Räder des Karrens“, und „das seichte Wasser wiegt sich. Die kleinen Wellen straucheln im Nebel und streichen über den nackten Sand, wo sein Pferd steht und sich ausruht“.    

In seiner Freizeit träumt Thomas von einer Karriere als Musiker. Früher habe ihm das alles nichts ausgemacht, heißt es im Roman: „Die Kälte, die Einsamkeit, die Schufterei. Aber das war lange, bevor er irgendwelche Sehnsüchte entwickelt hat, die über das hinausgehen, was er zu wollen hat“. Er müsse, sagt er sich, herausfinden, „ob dieses Leben, das er von Pop geerbt hat, wert ist, weitergegeben zu werden, wenn er damit fertig ist“. Heimlich übt er Riffs und Akkorde auf einer alten Gitarre, für die er Pops Taschenuhr verkauft hat. Die Mutter darf nichts wissen von seinen Träumen, die ihn hinausführen aus Longferry, weg vom Meer, weg von den Krabben. Hinein in eine Welt, die mehr zu bieten hat als nackten Sand und den Blick auf einen schaukelnden Pferdehintern.

Longferry ist kleiner geworden

Dann taucht eines Tages Edgar Acheson bei ihm zu Hause auf. Edgar Acheson, der amerikanische Filmregisseur, der vor dem Zweiten Weltkrieg ein ganz Großer zu werden versprach. Er wolle einen Film in Longferry drehen, sagt er. Mit Henry Fonda in der Hauptrolle. Und Thomas solle „ein Teil des Ganzen sein“. Er, Edgar, brauche jemanden, der den Strand und die Gezeiten kenne. Einen, „der das Leben da draußen versteht“. Vielleicht sei sogar eine kleine Rolle für den jungen Krabbenfischer drin.

Für Thomas scheint sich an diesem Nachmittag ein Tor zur Welt zu öffnen. Bereits nach der ersten Begegnung mit dem Regisseur fühlt Longferry sich „kleiner an als letztes Mal, dass er hier langgefahren ist, die Welt da draußen ist größer geworden und weniger schwer zu erreichen“. Gemeinsam fahren Edgar und er abends an den Strand, um nach einem geeigneten Drehort zu suchen. Doch schon am nächsten Tag sind alle Pläne Makulatur, und Edgar, der mehr versprach als er halten konnte, muss Hals über Kopf die Stadt verlassen.

Sehnsucht nach Selbstbestimmung

Indes: Die Begegnung mit Edgar Acheson hat Thomas den Mut gegeben, zu seinen Träumen von einer Karriere als Musiker zu stehen. Er kenne Edgar erst einen Tag, erklärt er dessen Mutter, die ihren Sohn in Longferry abholt. Aber es reiche, dass es ihm besser gehe. „Ich bin nicht sicher, ob ich wirklich wach war, bevor er hier gelandet ist.“

Benjamin Wood schildert das Geschehen aus der Sicht von Thomas Flett, dem jungen, unbedarften Krabbenfischer und wählt dafür eine schnörkellose, mitunter schlichte Sprache. Ein berührendes Buch über Freundschaft, Pflichtbewusstsein und die Sehnsucht eines jungen Mannes nach einem selbstbestimmten Leben.

Petra Pluwatsch

Benjamin Wood: „Der Krabbenfischer“, dt. von Werner Löcher-Lawrence, DuMont, 224 Seiten, 24 Euro. E-Book: 19,99 Euro.  

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