
Die zierliche alte Dame von Platz 4D sagt Dinge, die niemand hören möchte. „Ich erwarte einen verheerenden Schlaganfall. Zweiundsiebzig Jahre. Ich erwarte eine Herzerkrankung. Vierundachtzig Jahre. Ich erwarte Tod durch Ertrinken. Sieben Jahre.“ Ist sie eine Hellseherin, die die Todesumstände ihrer Mitpassagiere voraussieht? Handelt es sich um eine Betrugsmasche? Oder hat Cherry Lockwood, geschiedene Smith, schlicht und einfach einen schlechten Tag?
Spannend und nachdenklich
Nur wenige Wochen nach ihren Voraussagen auf dem Flug von Hobart nach Sydney erfüllt sich ihre erste Prophezeiung. Kayla Halfpenny kommt wie angekündigt mit 19 Jahren bei einem Autounfall ums Leben. Kurz darauf ereilt ein hochbetagtes Ärzteehepaar das gleiche Schicksal. Barbara und Brian Bailey sterben im Abstand von nur wenigen Stunden. Ein bloßer Zufall?
Die Passagiere, denen Cherry Lockwood die verbleibende Lebenspanne vorausgesagt hat, glauben nicht daran. Sie sind fest von ihrem baldigen Tod überzeugt. Doch wie geht man um mit dem Wissen, dass man in absehbarer Zeit an einer Krankheit, bei einem Unfall oder einer Schlägerei sterben wird? Genau diese Frage steht im Zentrum von Liane Moriartys ebenso spannendem wie nachdenklich stimmendem Roman „Vorsehung“.
Furcht vor dem Geburtstag
Die australische Autorin begleitet mehrere der betroffenen Passagiere durch die nächsten Monate. Da ist Paula Binici, deren Sohn Timmy angeblich einige Jahre später ertrinken wird. Die schreckliche Prophezeiung katapultiert die zweifache Mutter in eine Phase voller Ängste und Zwangshandlungen. Da ist der sanftmütige IT-Experte Ethan, der mit 30 Jahren bei einer Schlägerei zu Tode kommen soll. Seitdem fürchtet er sich vor seinem bevorstehenden Geburtstag.
Und da ist das frisch verheiratete Ehepaar Archer-Fern, dessen Zusammenleben an den Ängsten des jungen Mannes zu scheitern droht. Cherry Lockwood hat vorausgesagt, dass Dom Archer seine Ehefrau Eve bei einem aus dem Ruder laufenden Sexspiel umbringen wird. Zu verraten, dass die Lebenswege der Betroffenen komplett anders als vorhergesagt verlaufen werden, möge nicht als Spoilern missverstanden werden.
Mut zur Veränderung
Wohl niemand ist mehr erschüttert über die Vorkommnisse als Cherry Lockwood selbst. Die Todesdame, so nennt die Presse sie inzwischen. Cherry stammt aus einem Vorort von Sydney. Der Vater stirbt früh, die Mutter verdient ihr Geld als Wahrsagerin. Sie selbst studiert Mathematik und bezeichnet sich als durch und durch rationale Person, die Zahlen liebe und nichts im Sinn habe mit Esoterik. Cherrys Lebensgeschichte ist quasi der Kitt, der dieses Buch zusammenhält. Mehr und mehr gibt sie von sich preis. Erzählt von gescheiterten Beziehungen, von persönlichem Glück und schmerzlichen Verlusten.
Liane Moriarty ist mit „Vorsehung“ ein lebenskluger Roman über Selbstbestimmung und den Mut zu Veränderungen gelungen. Carpe diem, lautet die Botschaft, die sie uns zuruft. Genieß den Tag und nimmt dein Schicksal selbst in die Hand.
Petra Pluwatsch
Liane Moriarty: „Vorsehung“, dt. von Alice Jakubeit, Droemer, 512 Seiten, 22 Euro. E-Book: 16,99 Euro.
