
Jochen Littkemann, Berlin / Taschen Verlag
Die Mutter war es! Sie hat George Baselitz, 1938 als Hans-Georg Kern im sächsischen Deutschbaselitz geboren, den Weg zur Kunst gewiesen. „Meine Mutter sagte, du musst schöne Bilder machen, und da nimmt man am besten Blumen, hat sie mir auch gesagt“, erzählt der Künstler. Und er fährt fort: „Natürlich machst du überhaupt nicht das, was deine Mutter sagt, sondern machst das Gegenteil. Oder versuchst es zumindest. So habe ich mich daran gehalten, hässliche Bilder zu malen.“ Mit Erfolg.
Von den Helden zu den Splittern
Nachzulesen ist diese Geschichte von einem Anfang im Widerspruch in dem voluminösen Band, den der Taschen Verlag dem Künstler widmet. „Mit über 400 Bildern von 1960 bis heute zeigt diese Monografie die ganze Breite seines Werks so umfassend wie nie zuvor“, heißt es. Für den von Hanz Werner Holzwarth herausgegebenen Siebenpfünder haben Richard Shiff ein Porträt des Künstlers, Jonathan Jones über seine Entwicklung, Eva Mongi-Vollmer über die Bildhauerei, Carla Schulz-Hoffmann über künstlerische Strategien und Alexander Kluge über die Bedeutung von Mythos und Geschichte im Werk geschrieben. Und Cornelius Tittel hat das Gespräch geführt, in dem die Rolle der Mutter gewürdigt wird. Unter anderem.
In diesem Gespräch geht es auch um das Alleinstellungsmerkmal des Künstlers. Denn keine Würdigung des Georg Baselitz kann auf den Hinweis verzichten, dass er viele seine Motive kopfüber präsentiert. Auf sie stieß er, nachdem er zunächst seine „Heldenbilder“ gemalt hatte, in denen sich die deutsche Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spiegelt. Ihnen folgten die Frakturbilder, in denen sich das Gegenständliche in Splitter aufzulösen scheint. Dann die Entdeckung der vollkommenen Verfremdung.

„Das Ganze umgekehrt an der Wand“
„Mein Gefühl damals war, dass meine Malerei nichts hergibt. Auch das, was drauf ist, gibt nichts her. Alles untauglich für ein modernes Bild. Aber das Ganze umgekehrt an der Wand – das gibt was her!“ Was er empfunden habe, lautet die Frage, als er 1969 die ersten Bilder „verkehrt herum“ gemalt habe. Die Antwort des Künstlers: „Ich dachte, das ist so eine Granate, dass ich eigentlich ausgesorgt habe – geistig zumindest.“ Es sind Bilder, die dem Betrachter den Kopf verdrehen. Genauso wie es sich der Künstler wünscht.
Der Widerspruch und das Widerstreitende, der Zweifel und die Disharmonie – das ist es, wovon Georg Baselitz angetrieben wird. „Als ich ein Stück Holz nahm, wollte ich nicht in dieselbe Richtung gehen wie das Holz, sondern gegen dieses Stück Holz“, sagt er. Dieses Prinzip gelte nicht nur für die Plastik, sondern auch für „Zeichnung, Bild, Struktur, Farbe, Textur“.
Vom Kopf auf die Füße
Der Künstler und seine Kunst werden in diesem Band so umfassend gewürdigt, wie es noch kein Werk getan hat. Der Zeitpfeil reicht von 1960 bis in die Gegenwart, bis zu den „Remixen“ seiner früheren Gemälde. Mit über 400 Abbildungen von einer – aber das versteht sich in diesem Verlagsfalle von selbst – exzellenten Qualität. Der Band „Georg Baselitz“ stellt ein Lebenswerk in schönster Weise vom Kopf auf die Füße.
Martin Oehlen
Hans Werner Holzwarth (Hrsg.): „Georg Baselitz“, Taschen Verlag, dreisprachige Ausgabe (englisch, deutsch, französisch), 616 Seiten, 75 Euro.
