
Früher ist Ella gerannt, wenn sie wütend war. „Durch das Rennen ist die ganze giftige Wut in meinem Blut nach und nach verdampft.“ Doch vor einem Jahr hat sie sich – „besoffen auf einem Spielplatz“ – das Bein „zerlegt“. „Seitdem ist es aus mit dem Gerenne“, und „das ist echt fatal, weil ich jetzt stattdessen immer irgendwelche Leute anschreie“. In ihrer Familie ist die 16-Jährige weitgehend isoliert, die Freundinnen hat sie mit ihren Wutanfällen verprellt. Allein der supercoole Kotsche aus der Nachbarschule „wäre fast so was wie mein Freund“.
Als jetzt auch noch ihr jüngerer Bruder Luis verschwindet, reicht es Ella. Sie haut ab. Und setzt damit einen turbulenten Selbstfindungsprozess in Gang, aus dem sie als starke, selbstbewusste junge Frau hervorgehen wird.
Sprengung des Systems
Eine Coming-of-age-Story oder Systemsprenger-Geschichte nennt Charlotte Brandi ihr rotzfrechen Entwicklungsroman „Fischtage“, der inhaltlich wie sprachlich zu den wohl spannendsten literarischen Debüts des Jahres zählt. In nur sechs Monaten habe sie ihn heruntergeschrieben, erzählt die Autorin in einem Interview auf der Leipziger Buchmesse. Die wütende Stimme der Protagonistin habe zwar schon einige Jahre zuvor bei ihr „angeklopft“, doch sei sie nicht über die ersten 50 Seiten hinausgekommen.
Was nicht weiter verwunderlich ist, denn Charlotte Brandi, Jahrgang 1985 und Musikerin von Beruf, hatte anderes zu tun als Romane zu schreiben. 2009 gründete sie zusammen mit dem Schlagzeuger Matze Pröllochs die Band „Me And My Drummer“ und veröffentlichte zwei Alben. Seit dem Ende der Zusammenarbeit 2018 ist sie als Solokünstlerin und Theatermusikerin unterwegs.
Vater im Karohemd
„Fischtage“ spielt in Dortmund, der Heimatstadt der Autorin. Man müsse über das schreiben, was man kennt, begründet Charlotte Brandi die Wahl des Handlungsorts und weist weitere Parallelen zu ihrer eigenen Biografie energisch zurück. „Habe ich mir alles ausgedacht.“
Ella wächst mit zwei Geschwistern in einer wohlhabenden, scheinbar heilen Künstlerfamilie auf. Doch hinter der bürgerlichen Fassade verbergen sich Abgründe. Die Mutter, Agnes von Troll, betreibt in Dortmund eine angesagte Kunstgalerie und betrügt ihren Ehemann mit einem „stinkreichen Oberbonzen“. Der Vater, dauerbekifft und frustriert von einer stagnierenden Schauspielerkarriere, gibt im Kindertheater „Firlefanz“ Pu den Bären und führt sich auf, als stünde er auf der Bühne des Wiener Burgtheaters. „Das letzte Mal, als seine Kinder ihn im Fernsehen gesehen haben, spielte Papa einen schlecht ausgeleuchteten Familienvater mit dümmlichem Gesichtsausdruck im Karohemd in einem Werbespot für Bohneneintopf.“
Gartenparties mit Gras
Emotionale Vernachlässigung und Wohlstandverwahrlosung prägen Ellas Kindheit und Jugend. Mit bissigem Humor beschreibt die Ich-Erzählerin die abendlichen Drogenexzesse ihrer „fucking Junkie-Eltern“ und deren legendäre Gartenpartys, bei denen den Gästen statt Cocktails und Weißwein Acid, Pilze, Koks und Gras angeboten werden.
Sie könne die Tage nicht mehr zählen, an denen sie den Eltern dabei zugeguckt habe, „wie sie uns Kindern das Frühstück mit fahler Haut, tellergroßen Augen und zitternden Händen gemacht haben“. Brav sein, lautete an solchen Tagen die Devise am Frühstückstisch, „sonst wäre einer von ihnen zuverlässig ausgerastet“.
Plastikfisch in der Gartenlaube
Nach dem Verschwinden von Luis verkriecht sich Ella im Garten des alten Eckard. Der betagte Nachbar war in ihrer Kindheit ihr einziger Vertrauter. Inzwischen „versandet sein Gehirn wie ein toter Albatros am Strand“. Dennoch händigt er Elle die Schlüssel zu seiner Gartenlaube aus. Eine Woche haust sie in der muffigen Hütte und sucht nach ihrem Bruder. Ihr Weg führt sie in die Dortmunder Drogenszene, zu Dealern, Junkies und Schlägern, die sie krankenhausreif prügeln. Kann es sein, dass Luis abgerutscht ist in die Kriminalität? Bald fragt sich Ella, ob sie den Bruder überhaupt kennt.
Gleichzeitig trifft die 16-Jährige wohl zum ersten Mal in ihrem Leben auf Menschen, die sie vorbehaltlos akzeptieren. Oksana, eine Kampfsport-Lehrerin aus Riga, hilft ihr bei der Suche nach Luis und begibt sich dabei selbst in Lebensgefahr. Dann wäre da noch dieser singende Plastikfisch in der Gartenlaube vom alten Eckard, der losplärrt, wenn Ella in Gefahr ist. Doch das ist eine andere Geschichte.
Den Stöpsel gezogen
Für Ella wird die Suche nach Luis zu einer Reise zu sich selbst. Endlich erkennt ihre eigenen Stärken und steht zu ihrer Trauer und ihrer Wut über eine dysfunktionale Familie, in der kein Platz für sie ist. Stein für Stein bröckelt die Mauer, die sie als Selbstschutz um sich herum errichtet hat. „Es ist, als hätte jemand einen Stöpsel gezogen, und jetzt würden alle angestauten Gefühle aus mir herausrauschen.“ In der letzten Szene sieht man sie mit ihrem Freund Kotsche nach Riga fahren. Ihr Magen fliegt. „Ob wegen der Kurve oder wegen was anderem, weiß ich nicht.“
Charlotte Brandi ist mit ihrem ersten Roman ein bemerkenswertes Buch über das Erwachsenwerden gelungen. Es ist so schnoddrig-schräg und lebensklug, dass man ihn kaum aus der Hand legen mag.
Petra Pluwatsch
Lesungen
mit Charlotte Brandi gibt es in Neustrelitz (30. 5. 2025), Nürnberg (20. 6.), Hamburg (3. 7.) und Dresden (2. 10. 2025).
Charlotte Brandi: „Fischtage“, Ullstein, 300 Seiten, 23 Euro. E-Book: 18,99 Euro.
