
Das Drama liegt lange zurück. Aber im Gedächtnis ist es fest verankert. Das verwundert nicht weiter. Denn die Ereignisse, an die sich der über 60 Jahre alte Johann erinnert, sind krass. Zumal zwei Menschen ums Leben kommen – und weder der eine noch der andere stirbt eines natürlichen Todes. Es liegt fast alles im Argen in dieser Geschichte einer scheiternden Dreiecksbeziehung.
„Ich wünschte mir, Dichter zu werden“
Michael Köhlmeiers kurzer Roman „Die Verdorbenen“ beginnt in den 1970er Jahren in Marburg an der Lahn. Dort studiert Johann Politikwissenschaft. So wie es Michael Köhlmeier selbst getan hat. Dabei interessiert sich Johann doch viel mehr für die Literatur, genauer: fürs eigene Schreiben. Er sagt: „Ich wünschte mir, Dichter zu werden.“ Auch das, so wagen wir zu behaupten, eine Parallele zum real existierenden Autor.
In Marburg stößt Johann auf Christiane und Tommi, die sich schon seit der „Volksschule“ kennen. Sie drängen ihn, in ihrem Bunde der Dritte zu sein. Christiane sagt, sie liebe ihn. Johann jedoch erwidert dieses Bekenntnis eher fahrig. So entsteht eine anspruchsvolle Struktur, in der Tommi ein wenig ins Abseits gerät. Aber das macht ihm angeblich nichts aus. Während sich das Paar im Bett näherkommt, legt er sich ans Fußende. Johann erinnert sich: „Wir schliefen zu dritt unter zwei Decken.“
„Der junge Mann ist mir fremd“
Es ist kein sentimentaler Blick zurück, den der Roman anbietet. Im Gegenteil. Zuletzt hatte Michael Köhlmeier in „Das Philosophenschiff“ (2024) einen Ausflug in die Studienzeit unternommen; da ging es um die Auswüchse der ideologischen Verblendung am extremen linken Rand, um ein bisschen „Stalinismus spielen“. Vom Politischen wechselt er nun zum Privaten. Sein Held staunt selbst, was für ein Mensch er damals war. Er sieht sich ein altes Foto an und stellt fest. „Der junge Mann darauf ist mir fremd.“
Diese Distanz bestimmt den Roman. Mit Johann wird man nicht warm, mit Christiane und all den anderen auch nicht. Es ist so, als schaute man durch ein Fernglas, das man verkehrt herum hält – was ganz nah ist, scheint sehr weit weg zu sein. Tatsächlich begreift der Erzähler Johann nicht, warum er damals tat, was er tat, und warum er ließ, was er ließ. Was wäre zum Beispiel aus ihm geworden, hätte er sich auf Gabriele eingelassen, eine Zufallsbekanntschaft, anstatt sie unvermittelt zu meiden, als sie gerade eine gemeinsame Basis entdeckt hatten.
„Einmal im Leben einen Mann töten“
Als Johann sechs Jahre alt ist, stellt ihm der Vater eine Frage: „Was ist ein Wunsch für dein ganzes Leben?“ Der Vater, Feuilletonredakteur einer Tageszeitung, war als sehr junger Mann in den Zweiten Weltkrieg gezogen, „und aus dem wenigen, das er erzählte, schloss ich, dass er ausgiebig getötet hatte.“ Tatsächlich gibt das Kind Johann dem Vater keine Antwort auf die Frage nach dem Lebenswunsch. Nicht, weil er die Frage nicht verstanden hätte. Vielmehr liegt der Grund darin, dass er als Sechsjähriger bereits weiß, was man nicht sagen, sondern allenfalls denken darf. Seine Antwort hätte gelautet: „Einmal in meinem Leben möchte ich einen Mann töten.“
Die Düsternis, von der „Die Verdorbenen“ erzählt, wird anschaulich beschrieben, aber nicht ergründet. Das macht Michael Köhlmeier mit bemerkenswerter Konsequenz. Es geschieht, was geschieht – das ist ein Motto, das schon im Roman „Frankie“ (2023) formuliert wurde. Johann erinnert an diesen Frankie: junge Männer, irrlichternd und seelisch unbehaust, mit der Option zur Gewalt. Diesmal ist es das Kantholz, das den einen niederstreckt, und das Messer, das den anderen zerfetzt. Wen es trifft, lassen wir der Spannung wegen offen. Das Böse rückt uns kühl auf den Leib. Ein dunkler Roman.
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
haben wir zahlreiche Artikel zum Werk von Michael Köhlmeier veröffentlicht. Zuletzt gab es Rezensionen zu „Das Philosophenschiff“ (HIER) und „Frankie“ (HIER).
Michael Köhlmeier: „Die Verdorbenen“, Hanser, 160 Seiten, 23 Euro. E-Book: 16,99 Euro.
