
Der Rhythmus ist wichtig. Genauer: Der Abstand zwischen dem Quietschen der Außentür und dem Klacken des Stiftzylinderschlosses ihrer Wohnungstür. Wenn der nicht stimmt, wird die Erzählerin in Suzumi Suzukis Roman „Die Gabe“ nervös. „Stellte ich eine schwere Tasche ab oder fiel mir versehentlich der Schlüssel aus der Hand, kam der Rhythmus durcheinander.“
Hostess im Rotlichtviertel
Das Quietschen und Klacken der Türen gehört zu den wenigen Konstanten im Leben der 25-Jährigen, die als Hostess in Kabukicho, dem Rotlichtviertel von Tokio, arbeitet. Nach Dienstschluss zieht sie mit ihren Kolleginnen um die Häuser und kehrt erst in den Morgenstunden in ihr unaufgeräumtes Appartement zurück. Lakonisch schildert die Erzählerin die Nächte in den krachendlauten Karaoke-Bars von Kabukicho und ihre gelegentlichen Besuche in einem Host Club, wo Frauen für die Begleitung von Männern bis zu 1000 Dollar pro Nacht zahlen.
Zwei Freundinnen hat sie in den vergangenen Monaten verloren, die eine durch einen Umzug, die andere durch den Tod. Jetzt droht ein weiterer Verlust. Ihre Mutter, diese einst so schöne Frau, die Gedichte schrieb und als stolz und unnahbar galt, ist schwer krank. „Die Krankheit, die sich in ihrem Magen eingenistet hatte, war so weit fortgeschritten, dass sie schon Mühe hatte, die grundlegenden Körperfunktionen aufrechtzuerhalten, und wohl nach einem Platz zum Sterben suchte.“
Ein letztes Gedicht schreiben
Vor ein paar Tagen ist die Mutter überraschend bei der Erzählerin eingezogen, abgemagert bis auf die Knochen. Sie wolle noch ein letztes Gedicht schreiben, hatte sie gesagt und ihre Arbeitstasche mit Notizbüchern und Laptop mitgebracht. Doch nach nur neun Tagen bittet sie die Tochter, panisch vor Atemnot, sie zurückzubringen ins Krankenhaus.
„Die Gabe“ ist der erste Roman von Suzumi Suzuki und war 2022 für den Akutagawa-Preis, die höchste Literaturauszeichnung Japans, nominiert. Ein Jahr später stand auch Suzumi Suzukis zweiter Roman „Graceless“, der noch nicht in deutscher Übersetzung vorliegt, auf der Vorschlagsliste der Jury. Die Kommunikationswissenschaftlerin und Soziologin, 1983 in Tokio als Tochter eines Literaturdozenten und einer Kinderbuchautorin geboren, verarbeitet in ihrem bemerkenswerten Debüt zahlreiche eigene Erfahrungen aus einem unkonventionellen, von Brüchen geprägten Leben.
Das Selbstverständnis von Erotikdarstellerinnen
Während ihres Studiums arbeitete Suzumi Suzuki als Hostess in verschiedenen Bars und spielte in Pornovideos mit. Ihre Branchenkenntnisse nutzte sie 2014 für ein Buch über das Selbstverständnis von Erotikdarstellerinnen, das 2017 verfilmt wurde. Es folgten Sachbücher über ihre Erfahrungen in der Pornobranche, über Männer, die für sexuelle Dienstleistungen zahlen, und über die Lebensumstände von Hostessen und Prostituierten.
Im Zentrum von „Die Gabe“ steht die schwierige Beziehung der Ich-Erzählerin zu ihrer sterbenden Mutter. In kurzen Rückblenden erzählt die Protagonistin von einer unspektakulären Kindheit in einem Vorort von Tokio. Der Vater, verheiratetet mit einer anderen Frau, hat die Mutter schon vor der Geburt des gemeinsamen Kindes verlassen. „Kurzzeitig dachte er sogar über Scheidung nach, aber so leidenschaftlich, zwei Kinder und eine in jeder Hinsicht unkomplizierte Frau sitzen zu lassen, war er denn doch nicht.“ Angeblich verdient die Mutter ihr Geld mit Sprachkursen und der Veröffentlichung von Gedichten. Doch auch sie verkauft ihren Körper verkauft, um sich und ihr Kind über die Runden zu bringen.
Gewalt und Gewissenbisse
Als die Erzählerin 16 Jahre alt ist, eskaliert die Beziehung zwischen Mutter und Tochter überraschend in einer Orgie aus Verzweiflung und Gewalt. Die Mutter drückt zunächst eine Zigarette auf dem Arm der Tochter aus. „Den Blick auf meinen Arm geheftet, griff sie nach dem schweren silbernen Feuerzeug neben der Schreibmaschine und hielt es an den Ärmel meines billigen T-Shirts.“ Das junge Mädchen erleidet Verbrennungen an der Schulter und am Oberarm. Ihr Körper, schreibt die Erzählerin, habe dadurch die Hälfte seines Werts verloren. War genau das die Absicht der Mutter, die ihre eigene Schönheit verabscheut? Wollte sie verhindern, dass die Tochter den gleichen Weg geht wie sie? Oder habe sie sich selbst verbrennen wollen, wie die Erzählerin vermutet. „Schließlich war ich aus ihrem Fleisch und Blut gemacht, ein Teil von ihr.“ Inzwischen überdecken Tattoos die rotweißen Narben, doch die inneren Verletzungen sind geblieben.
In einer knappen, unprätentiösen Sprache schildert Suzumi Suzuki das komplizierte Geflecht aus Liebe, Verantwortungsgefühl und Ungeduld, das Mutter und Tochter verbindet. Eingenistet habe sich die Mutter bei ihr, klagt die Erzählerin. Und quält sich nach deren Rückkehr ins Krankenhaus mit Gewissensbissen. „Ich hätte ihr jeden Tag etwas kochen sollen“, sagt sie. „Hätte sie in Ruhe baden, hätte ihr, auch wenn sie kaum zuhörte, etwas erzählen sollen, das sie vielleicht interessiert.“ Immerhin: Am Ende steht eine Versöhnung. „Ich bin froh, dass ich dich bekommen habe“, sagt die Mutter kurz vor ihrem Tod. „Das habe ich auch Papa gesagt.“
Petra Pluwatsch
Suzumi Suzuki: „Die Gabe“, dt. von Katja Busson, S. Fischer, 112 Seiten 22 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

Danke! Werde ich auch lesen.
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Prima! Da bin ich auf das Urteil gespannt.
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