Der Junge, seine brutale Mutter und der gefräßige Dschungel: Colin Niels Psychothriller „Darwyne“

Foto: Bücheratlas/M.Oe.

Kleines Opossum, so nennt ihn die Mutter. Oder auch „ekelhaftes kleines Drecksopossum“. Dann nickt Darwyne schuldbewusst und wiederholt ihre Worte. „Ich bin ein ekelhaftes kleines Drecksopossum, das seiner Mutter nichts als Schande macht.“ Ohne zu murren isst er die rohen Chili-Schoten, die sie ihm anstelle eines Abendessens hinstellt, und leckt ihr dankbar die Füße, nachdem er auf ihren Befehl hin eine Stunde in einem Nest von Feuerameisen ausharren musste. Seiner Liebe zu ihr tut all das keinen Abbruch. Schließlich tue sie diese Dinge nur, „weil sie weiß, wie man mit ihm umgehen muss“. Das zumindest hat sie ihm gesagt.

Die Liebe zum Grün

Der Zehnjährige lebt mit seiner Mutter Yolanda und wechselnden Stiefvätern in Bois Sec, einem Slum am Rande des Amazonasdschungels von Französisch-Guayana. Das Leben ist ein täglicher Kampf gegen Armut, Hunger und gegen den Dschungel, der Yolandas kleines Grundstück zu verschlingen droht.

Allein Darwyne liebt das allgegenwärtige Grün, das ihm Schutz und Sicherheit vor der Welt gibt. Dort, zwischen Baumriesen und sattgrünen Lianen, lebt er auf. Dort wird Darwyne er selbst: ein kluges, selbstbewusstes Kind, das die Geheimnisse des Waldes kennt und mehr über den Dschungel weiß als jeder Ranger.   

In einer Welt, die keine Schwäche duldet

Das Leben hat es bislang nicht gut mit Darwyne gemeint. Seine Füße sind verkrüppelt und mussten mehrmals operiert werden. Stets geht er gebückt, das verkniffene kleine Gesicht von einem Schopf unbändiger schwarz-roter Locken gekrönt. Damit er seine Schularbeiten macht, setzt ihm die Mutter ein Messer zwischen die Schulterblätter und droht zuzustechen, falls er sich unwillig zeigt.

Verstand und Seele ihres Sohnes müssten ebenso „gerichtet“, also geradegerückt werden wie seine missgebildeten Füße. So erklärt es Yolanda der Sozialarbeiterin Mathurine, die nach einem anonymen Anruf auf das Schicksal des misshandelten Jungen aufmerksam wird. Sonst könne er nicht bestehen in einer Welt, die keine Schwächen dulde.

Bedrohte Psyche des Kindes

Welche Folgen physische und psychische Misshandlungen auf die Psyche eines Kindes haben können, schildert der französische Autor Colin Niel in seinem aufregenden Thriller „Darwyne“. Denn irgendwann hat der kleine Titelheld die Nase voll von der lieblosen Mutter und ihren „Erziehungsmaßnahmen“. Von den brutalen Stiefvätern und dem Leben in einer Welt, in der er stets ein Außenseiter bleiben wird.

Die Einzige, die Verständnis für ihn hat, ist die Sozialarbeiterin Mathurine. Auch sie ist ein Kind des Dschungels. Gemeinsam mit Darwyne zieht sie durch die Wildnis und erkundet die Schönheiten dieses einzigartigen Ökosystems, das mehr und mehr vom Menschen bedroht ist. Und sie entdeckt noch etwas anders: das große, das ungeheuerliche Geheimnis eines ungeliebten kleinen Jungen, der gelernt hat, Gewalt mit Gewalt zu begegnen.

Petra Pluwatsch

Colin Niel: „Darwyne“, dt. von Anne Thomas, Suhrkamp, 304 Seiten, 18 Euro. E-Book: 15,99 Euro.

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