Frauenfeindlichkeit und Fake News in der Frühen Neuzeit: Rivka Galchens Historienroman „Jeder weiß, dass Deine Mutter eine Hexe ist“

Foto: Bücheratlas/M.Oe.

Gleich zu Beginn sorgt Katharina Kepler (1547 – 1622) für eine Klarstellung: „Ich bestehe darauf, dass ich keine Hexe bin, nie eine Hexe war, mit keinen Hexen verwandt bin.“ Aber schon sehr früh im Leben, fügt die Frau im fortgeschrittenen Alter hinzu, habe sie Feinde gehabt.

„Wahre Begebenheiten“

Der Gerichtsprozess gegen Katharina Kepler, die der Hexerei bezichtig wurde, ist historisch nachweisbar und umfänglich dokumentiert. Gerade in jüngerer Zeit haben sich Kunst und Forschung diesem Irrsinn aus unaufgeklärter Zeit angenommen.

Nun legt Rivka Galchen, 1976 im kanadischen Toronto geboren und heute in New York zuhause, einen Roman rund um diesen Hexenprozess vor: „Jeder weiß, dass Deine Mutter eine Hexe ist“. Er beruht auf „wahren Begebenheiten“, wie die Autorin im Nachwort schreibt, „ist aber weitestgehend fiktional.“ Wer sich auf ihren Roman einlässt, wird also mit allerlei Erfundenem versorgt, um die Lücken in der Überlieferung zu füllen. Doch die Eckdaten sind verbürgt.

Wenn das Heilkraut nicht hilft…

Katharina Kepler ist die Mutter des Astronomen und Astrologen Johannes Kepler (1571 – 1630). Sie wird von Rivka Galchen als zupackende und angstfreie Witwe gezeichnet. Sie wirkt nicht so „streitsüchtig“, wie es in den biographischen Anmerkungen ihres berühmen Sohnes zu lesen ist. Aber als große Diplomatin kommt sie auch nicht daher.

Anno 1615 wird sie im württembergischen Leonberg bei Stuttgart von der Nachbarin Ursula Reinbold bezichtigt, ihr einen „Hexentrunk“ gereicht zu haben. Seitdem, so sagt es die Klägerin, leide sie Schmerzen. Nun verlangt sie Schadensersatz. Das war angeblich kein unübliches Verfahren: Wenn ein Heilkraut nicht wirkte, wurde die Kräuterkundige schon mal der Zauberei bezichtigt.

Rufmord bedeutet Lebensgefahr

Zunächst raunt der herzogliche Vogt Einhorn, der die Anzeige verhandelt, von dunklen Mächten. Doch bald schon ist der Teufel im Spiel. Katharina kann es nicht glauben: Das ist ein Rufmord, der Lebensgefahr bedeutet. Einige Jahre verbringt sie angekettet in Untersuchungshaft. Am Ende zeigt ihr die durch und durch männliche Gerichtsbarkeit die Folterinstrumente, aber verzichtet auf die Folter.

Zahlreich sind die Gründe, warum eine Frau in der Frühen Neuzeit als Hexe verleumdet werden konnte. Frauenfeindlichkeit war eine starke Triebfeder. Da wurde dann häufig „Unglaube“, „Wollust“ oder „Schadenszauber“ entdeckt. Die üble Nachrede grassierte auch deshalb so gut, möchte man meinen, da die Epoche von Krisen bestimmt war – von Krieg und „kleiner Eiszeit“. Katharina Keplers Sohn Christof bringt noch den Neidfaktor für die Verfolgung ins Spiel: „Ich frage mich manchmal, ob es nicht daran liegt, dass ihre Kinder hochgekommen sind in der Welt.“

Schadenszauber vor Gericht

„Jeder weiß, dass Deine Mutter eine Hexe ist“ wird aus mehreren Perspektiven erzählt. Im schnellen Takt und im eingängigen Ton. Katharina Kepler, die des Lesens und Schreibens nicht mächtig ist, diktiert ihren Leidensweg zunächst dem Nachbarn Simon Sattler und später der Tochter Greta. Zudem meldet sich Simon selbst zu Wort, um einen Einblick in sein Innenleben zu gewähren. Weiter werden Dokumente integriert wie der Verteidigungsbrief des Johannes Kepler für seine Mutter. Der Mathematicus befasst sich gemeinhin mit der Bewegung der Planeten um die Sonne – nun gilt es, den Schwarzen Löcher im Kosmos seines Heimatsstädtchens auszuweichen.

Die Atmosphäre des frühen 17. Jahrhunderts erblüht vor allem in den fiktiven Gerichtsprotokollen. Wie Intermezzi durchziehen sie den Roman und beginnen alle mit dem Glaubensbekenntnis: „Seid Ihr gewahr, dass jedes falsche Zeugnis, so Ihr es denn wissentlich ablegt, Gottes großen Zorn über Euer Erdenleben bringen wird und ihr Eure Seele im Tod dem Teufel überlasst?“ Schon die Antworten auf diese Eingangsfrage weisen feine Facetten auf. So sagt die Keplerin vor Gericht: Gewiss kenne sie die Wahrheitspflicht – und hoffe doch sehr auf Gottes Zorn, da so viele falsch gegen sie ausgesagt hätten.

Geschichte lebendig erzählt

Zahlreiche Bewohnerinnen und Bewohner von Leonberg treten vor. Da wird oft auf den eigenen Vorteil hin gelogen, dass sich die Gerichtsbalken biegen. Auch wird das Gerücht als Tatsache anerkannt, weil es schon von anderen – vom Seiler, Barbier oder Hutmacher – ausgesprochen worden ist. Allerdings widersetzten sich einige Zeugen der Lügenkampagne und versichern: „Ich habe nicht die Antworten, die Ihr haben wollt.“ Dieser schrille Chor aus Verleumdung und Lauterkeit, aus Gut und Böse ist es, der vor allem für diesen Roman einnimmt. Nicht zuletzt erinnert er an gegenwärtige Debatten, in denen es nicht um Fakten geht, sondern um Vorteile und Vorurteile. Ein zeitloses Ärgernis.

Rivka Galchen hat eine irrwitzige Verleumdungsgeschichte süffig aufbereitet. Ihr Roman besticht zwar nicht durch feinnervige Charakterstudien. Aber was er an Farbe und Vielfalt zu bieten hat, an einleuchtend animierter Historie, sorgt für kurzweilige und lehrreiche Lektüre.

Martin Oehlen

Rivka Galchen: „Jeder weiß, dass Deine Mutter eine Hexe ist“, dt. von Grete Osterwald, Rowohlt, 316 Seiten, 24 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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