„Wow – was für ein Abend“: Die neunte Poetica, das Kölner Festival für Weltliteratur, sucht nach der Natur in der Literatur

Vollversammlung der Autorinnen und Autoren auf der Bühne der Aula der Kölner UniversitätFoto: Bücheratlas

Das hat die Natur schon lange nicht mehr erlebt. Plötzlich ist sie in aller Munde. „Nachdem der Glaube an die unbegrenzten Möglichkeiten der Technisierung und die Verfügbarkeit der Ressourcen uns zwei Jahrhunderte die Natur fast ersetzlich haben scheinen lassen“, meint Daniela Danz, „dämmert uns jetzt, in welch umfassender Weise wir eben doch Teil von ihr sind.“ Genauso sieht es aus.

Nach der Katastrophe

Die Lyrikerin ist in diesem Jahr Kuratorin der neunten Ausgabe der Poetica. Dieses „Festival für Weltliteratur“ wurde 2015 von Günter Blamberger an der Universität zu Köln etabliert. Es findet alljährlich in Kooperation mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung statt. Uni-Rektor Joybrato Mukherjee, der zum ersten Mal das Festival eröffnen konnte, sicherte diesem  gleich eine schöne Zukunft zu.

Daniela Danz, die 2019 den Deutschen Preis für Nature Writing erhalten und 2020 den Gedichtband „Wildniß“ im Wallstein Verlag veröffentlicht hat, steuerte auch das Motto bei: „Nach der Natur – Imaginations of Nature Poetry“. Die Dichtung habe über die Jahrhunderte nie den engen Bezug zur Natur verloren, sagte sie in der sehr gut gefüllten Uni-Aula. Doch als sonderlich aufregend sei die „Naturdichtung“ nicht angesehen worden.

Gäste von drei Kontinenten

Das habe sich geändert: „Wenn ein Gedicht heute die Natur ins Wort nimmt, kommt es nicht umhin, auch den akuten Zustand der Natur einzubeziehen.“ Also Bezug zu nehmen „auf das Leben nach der Katastrophe in Fukushima, auf die vom steigenden Meeresspiegel bedrohten karibischen Inseln, auf die Tradition und politischen Restriktionen persischer Naturdichtung, auf die Ausbeutung der Natur in Lateinamerika.“

Schon klar – die hier angesprochenen Krisengebiete finden auf der Poetica 9 ihre literarischen Repräsentantinnen und Repräsentanten: Japan, die Karibik, der Iran und Lateinamerika sind vertreten. Aber auch aus Deutschland, Großbritannien, Nordmazedonien, Griechenland, der Schweiz und den USA sind Stimmen zu hören. Die Mitwirkenden traten – wie es das Ritual zur Eröffnung vorsieht – im Schnelldurchlauf ans Mikrophon. Intensiver werden sie im Lauf der Woche zu Wort kommen.

„Black Nature“

„Wow – was für ein Abend“, sagte Camille T. Dungy, mit der die Revue zu ihrem Abschluss gelangte. Das kann man wohl sagen. Das „wow“ hat sich die Veranstaltung auch dadurch verdient, dass sie wieder einmal sehr lang geraten ist – mit 160 Minuten ohne Pause.

Gleichwohl hatte jeder dieser Mini-Auftritte, die von Daniela Danz moderiert wurden, seinen Reiz. Nicht zuletzt, weil viele Texte der Mitwirkenden bislang nicht auf Deutsch vorliegen (eine eindrucksvolle Auswahl an Originalausgaben bietet der Büchertisch der Buchhandlung Klaus Bittner). Aber auch wegen der vielfältigen Einblicke imponiert das Potpourri. So berichtete Camille T. Dungy von ihrer Suche nach „black authors“ in den USA, die über die Natur geschrieben haben. Was sie bei ihrer Recherche in gedruckter Fassung vorfand, war allerdings verblüffend wenig: Sechs Gedichte von fünf Autorinnen und Autoren. „Aber ich wusste ja, dass es da noch weitaus mehr Texte geben müsste.“ Also machte sich Dungy daran, eine einschlägige Anthologie zu veröffentlichen: „Black Nature: Four Centuries of African American Nature Poetry“.

„Verzweiflung ist keine Option“

Eröffnet wurde der Abend mit dem Lyriker und Umweltaktivisten Kendel Hippolyte. Er stammt von der Karibik-Insel St. Lucia und hatte, wie Daniela Danz verriet, vergessen, einen Mantel in den deutschen Winter mitzubringen. Dass dann auch noch sein Gepäck erst mit Verspätung in Köln ankam, machte die Sache nicht besser. Gleichwohl zeigte sich Hippolyte gut gelaunt. Dass passt zu seiner Grundeinstellung: Zwar stehe es schlecht um die Umwelt, eben auch in der Karibik. „Doch Verzweiflung ist keine Option“, sagte er. Da müsse er ja nur auf seine Enkelkinder blicken. Zukunft ist unabdingbar.  

Beim anschließenden Auftritt der Japanerin Takako Arai wurde deutlich, dass allein schon der Vortrag in fremder Zunge ein Vergnügen sein kann. Selbst wenn man kein Wort versteht, hat der Sound seinen Reiz. Allerdings folgte auch hier eine Übersetzung, wieder vorgetragen von Ensemblemitgliedern des Schauspiel Köln vorgetragen. Im Bonsai-gespräch – kurz, aber kräftig – schilderte Takako Arai, wie sehr manche Landsleute mit der Natur verbunden sind. Eine 100jährige Frau, deren Haus dreimal von einem Tsunami verwüstet worden sei, habe ihr gesagt, dass dies doch nur „natürlich“ sei, wenn man an und mit der See lebe. Die Frage von Daniela Danz, wieviele Erdbeben Takako Arai bislang erlebt habe, passte dazu ganz gut. Die Antwort der Autorin: Sie habe diese nicht mehr zählen können.

„die zikaden sind auf hundert prozent“

Und so ging es immer weiter. Mit Esther Kinsky, die 2020 den Deutschen Preis für Nature Writing erhalten hat und nun über ihre persönliche Lust am Gehen im Gelände sprach. Die dazu passenden Verse: „Solche fragen / erhebt die natur die hier / schon beginnt hier / gleich abseits des schritts.“ Sodann erklärte Nikola Madžirov, Lyriker aus Nordmazedonien, dass die Natur dazu da sei, „uns zu retten“. Und Liana Sakelliou, Lyrikerin und Professorin für amerikanische Literatur und Kreatives Schreiben an der Universität Athen, schilderte ihr Leben mit der Waldbrandgefahr.

Der Schweizer Raphael Urweider erzählte von einer Reise nach Durban in Südafrika, wo er zu dem Text „Tropische Trauer“ animiert wurde, einer Art Tagebuch-Gedicht: „ich weine und die kröten röhren / die zikaden sind auf hundert prozent / autos fahren vorbei mit viel mehr bass / als ps und verklingen selbstbewusst“. Die Kolumbianerin María Paz Guerrero wartet in ihrem Gedichtband „Dios también es una perra“ mit einigen exklusiven Informationen auf: „gott ist 53 / und hat falten / gott ist in der menopause / darum kocht er vor wut“. Schließlich berichtete der Iraner Ali Abdollahi, der in Berlin im Exil lebt, dass „Diktaturen gegen alles sind – vor allem gegen die Natur.“ Wer im Iran kritisch über die Umwelt schreibe, begehe eine Straftat.

Lyrics mit Rou Reynolds

Rou Reynolds sang „Arguing with Thermometers“Foto: Bücheratlas

Eine Sonderrolle in diesem Lyrik-Reigen nimmt Rou Reynolds von der Band Enter Shikari ein. War es im vergangenen Jahr Patti Smith, die über ihre „lyrics“ sprach, so diesmal der Sänger und Songtexter aus Großbritannien. Er sagte, dass es für ihn schwierig sei, sich nicht mit dem Klimawandel oder der Ausbeutung von Ressourcen zu befassen: „Ich könnte auch über die Liebe schreiben, wie es so viele tun, aber die Sache mit der Natur ist für mich ein Must.“

Was dabei herauskommt, gab er auf der Bühne zum Besten. Im Song „Arguing with Thermometers“, vorgetragen zur akustischen Gitarre, finden sich die Zeilen: „What happens when it’s all gone? / You haven’t thought this through have you boys …“ – „Und was geschieht, wenn nichts mehr da ist? / So ganz habt ihr das nicht durchdacht, oder Jungs …“ Sein Auftritt war ein Highlight des Abends – eines weiteren „wow“ würdig.

Martin Oehlen

Die neunte Poetica

findet täglich bis zum 27. Januar an unterschiedlichen Orten in Köln statt.  

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