
Das war doch mal eine klare Ansage von Victor Hugo (1802-1885): „Wenn ich sterbe, bevor ich das alles zu Ende gebracht habe, werden meine Kinder im Kunstlackschrank in meinem Arbeitszimmer, der nur aus Schubladen besteht, eine erhebliche Menge an unfertigen und fertig geschriebenen Dingen finden: Verse, Prosa etc. Sie werden das alles unter dem Titel ‚Ozean‘ veröffentlichen.“ Frankreichs großer – manche meinen sogar: größter – Schriftsteller hatte zu jenem Zeitpunkt noch fast 40 Jahre zu leben. Kaum anzunehmen, dass die Schubladen des Kunstlackschranks ausgereicht haben, all das aufzunehmen, was da noch geschrieben werden sollte.
Von der Revolution zum Sittich
Jetzt liegt eine faszinierende Auswahl aus diesem Fundus zum Frankreich des 19. Jahrhunderts vor. Herausgeber und Übersetzer Alexander Pschera greift nicht nur auf die als „Océan“ hinterlassenen Schriften zurück. Auch nutzt für diesen über 800 Seiten starken Querschnitt die unter dem Titel „Choses vues“ überlieferten Tagebücher. Alles in allem ist dies eine vortreffliche „Mikrogeschichte des Alltags“.
Was dieses kommentierte und bebilderte Lesebuch so reizvoll macht? Es ist zum einen die Nähe des Autors zu den großen und kleinen Ereignissen seiner Zeit, zur Revolution auf der Straße und zum Tod des Sittichs im Haus. Mal äußert er sich dazu in einem Satz, mal in einer kurzen Erzählung.
20 Jahre im Exil auf den Kanalinseln
Vitor Hugo war tief verstrickt in die Auseinandersetzungen zwischen Royalisten und Republikanern, wobei er zunächst auf der Seite der Konservativen und dann vor allem auf der Seite der Liberalen verortet wurde. Eine Weile stand er mit König Louis-Philippe, der ihn zum Vicomte und Pair erhoben hat, auf vertrautem Fuß. Er memorierte eindrucksvoll – ganz ohne Diktiergerät – längere Gesprächspassagen. Später kritisierte er den Präsidenten Louis-Napoléon Bonaparte sehr folgenreich: Fast 20 Jahre verbrachte Victor Hugo im Exil, auf den Kanalinseln Jersey und Guernsey.
Zum anderen ist dieses Buch auf jeder Seite lesenswert, weil sein Autor die Welt mit ewig frischer Neugier ergründet und sie anschaulich zu schildern vermag. Dabei widmet er sich vor allem den politisch-gesellschaftlichen Zeitläuften. Einerseits kondensiert er seine Einsichten zu Sentenzen: „Wenn ich Staatsmänner sehe, glaube ich an den Niedergang, und wenn die Nation sehe, glaube ich an den Fortschritt.“ Anderseits schildert er, gleich einem literarischen Reporter, vital, ausführlich und mit dem Gespür für das sprechende Detail das Tagesgeschehen.
„Das ist das Schlachtross Napoleons!“
So im Jahre 1840, als Napoleons sterbliche Überreste fast 20 Jahre nach dessen Tod auf St. Helena exhumiert und im Pariser Invalidendom beigesetzt werden. Den Leichenzug will niemand verpassen: „Man spürt, dass ganz Paris sich auf die eine Seite der Stadt neigt, wie eine Flüssigkeit in einer gekippten Vase.“ Angesichts eines prunkvoll geschmückten Pferdes erbebt die Menge. Sie ruft: „Das ist das Schlachtross Napoleons!“ Der Augenzeuge Victor Hugo allerdings korrigiert lakonisch: „Wenn das Pferd dem Kaiser zwei Jahre gedient hätte, dann wäre es jetzt dreißig Jahre alt, ein stattliches Alter für ein Pferd. In Wirklichkeit ist dieses Paradeross ein gutes, altes Komparsenpferd, das seit mehr als zehn Jahren bei allen militärischen Begräbnissen, denen die Bestattungsverwaltung vorsteht, die Aufgabe des Schlachtrosses erfüllt.“
Was er nicht alles aufschnappt, beobachtet und fixiert! Er vermerkt: „Die Perlenfischer der Küste Ceylons können so lange unter Wasser bleiben, wie ein zweimalig aufgesagtes Credo dauert.“ Auch blickt er aufs Wetter: „Im Sommer 93“ – gemeint ist der des Jahre 1793 – „erreichte das Thermometer in Paris vierzig Grad.“ Oder er formuliert Lebenseinsichten: „Der Mensch findet die Vorurteile ganz nah bei seiner Wiege, lehnt sie sein Leben lang halbherzig ab, und nimmt sie in seinem Alter leider oft wieder an.“ Kaum zu glauben, dass so ein hellwacher Geist eine Weile an Geister glaubt und deren nächtliche „Schläge“ gegen das Bett mitzählt.
Amnestie für eine Maus
Nichts ist Victor Hugo zu hoch. Und nichts zu gering. Nicht das Gänseblümchen im Häusermeer, das Anlass bietet, die Zufälle des Daseins zu beschreiben. Und nicht ein ungebetener Gast: „Gestern Abend war eine Maus in meinem Zimmer. Wir jagten sie; sie versteckte sich. Heute Morgen fand Mariette sie zitternd hinter der Tür. Ich sprach eine Amnestie aus. Ich nahm das kleine Tier in die Hand und warf es in den Garten; dann verlangte ich nach Wasser und wusch mir nach dieser guten Tat die Hände.“
Ja, in diesem „Ozean“ schwimmen Witz und Ironie mit. Nicht zuletzt dann, wenn es um die hehren Debatten in der Académie française geht. Da sagt dann ein Mitglied: „Der Verfall der französischen Sprache begann 1789.“ Worauf Victor Hugo fragt: „Um wieviel Uhr genau, bitte?“
„Ich werde niemals bereit sein“
Auffallend ist, dass der Autor der Romane „Der Glöckner von Notre-Dame“ und „Les Misérables“ (dessen Neuübersetzung Alexander Pschera für Matthes & Seitz vorbereitet) vergleichsweise selten seine Dichtung zum Thema macht. Wohl aber hat er seine Kollegen im Blick. Recht spitz schreibt er über Charles-Augustin Sainte-Beuve, der eine Liaison mit seiner Ehefrau hatte: „Sainte-Beuve war nie ein Dichter und konnte mir das nie verzeihen.“ Und als Honoré de Balzac im Sterben liegt, eilt er zu ihm: „Ein unerträglicher Geruch ging vom Bett aus. Ich hob die Bettdecke an und nahm die Hand Balzacs. Sie war schweißbedeckt. Ich drückte sie fest. Er reagierte nicht.“
Je älter Victor Hugo wird, desto häufiger – wer hätte das gedacht! – kommt ihm die Vergänglichkeit in den Sinn. Am 16. Februar 1859 klagt er: „Wie viele Dinge muss ich noch erledigen! Beeilen wir uns! Ich werde niemals bereit sein. Und trotzdem muss ich sterben.“ Immerhin hatte er da noch 25 Jahre zu leben. Die Zeit nutzte er, um seinem ganz persönlichen Ozean noch ein paar schöne Wellen hinzuzufügen.
Martin Oehlen
Victor Hugo: „Ozean – Dinge, die ich gesehen habe“, hrsg. und übersetzt von Alexander Pschera, Matthes & Seitz Berlin, 984 Seiten, 48 Euro.
