
Der Startschuss fällt an einem 1. Mai um zwölf Uhr mittags: „Going zero“, los geht‘s. Zwei Stunden haben die zehn Probandinnen und Probanden Zeit, um „sich unsichtbar zu machen, vom Radar zu verschwinden“. Raus aus der digitalen Welt, rein in die Anonymität einer Existenz ohne Handy, ohne E-Mail-Account und soziale Medien. Nach diesen zwei Stunden beginnt die Jagd auf sie. Wer es schafft, 30 Tage lang unentdeckt zu bleiben, dem winkt ein Preisgeld von drei Millionen US-Dollar.
Menschen werden zu Marionetten
Der „Going-Zero-Betatest“, wie sich der streng geheime Testlauf nennt, ist ein Gemeinschaftsprojekt von CIA und dem Social-Media-Mogul Cy Baxter. Ziel der ungewöhnlichen Kooperation zwischen dem US-Geheimdienst und dem Technologieunternehmen WorldShare ist, „das Sicherheitsniveau unseres Staates, die Möglichkeit der Überwachung auf eine vollkommen neue Ebene“ zu heben, wie sie es bisher noch nicht gegeben habe. Soll heißen: Man will „Zugang zu allem“, um die Bösen zu fangen und die Guten zu schützen. Schon bald, verheißt der charismatische WorldShare-Chef, könne man „die Leute lesen wie ein Buch, mit ihnen spielen wie mit einer Marionette“.
Der neuseeländische Autor Anthony McCarten entwirft in seiner ebenso klugen wie faszinierenden Dystopie „Going Zero“ das Bild einer Welt, in der kein Schritt unbeobachtet, kein Wort ungehört, kein Wunsch ein Geheimnis bleibt. Irgendwann wird man auch die Gedanken der Menschen, ihre Träume und Hoffnungen ausspähen können, um daraus Profit zu schlagen. Ein Blick im Supermarkt Richtung Tiefkühltheke, und schon bekommt man Werbung für eine Tiefkühlpizza auf sein Handy gespielt.

Erinnerung an „1984“
Die Nähe von „Going Zero“ zu George Orwells Dystopie „1984“ ist unübersehbar. Der englische Schriftsteller schildert in seinem 1949 erschienenen Roman einen totalitären Überwachungsstaat im Jahr 1984, dessen Bewohnerinnen und Bewohner von der Gedankenpolizei kontrolliert werden. Wer ausschert aus dem Mainstream, wird in Lagern umerzogen.A nders als Orwell verlegt McCarten das Geschehen nicht in die Zukunft. „Going Zero“ spielt in der Gegenwart und schildert eine digital regierte Welt, die für die meisten von uns bereits Realität ist. Längst haben wir uns an die Überwachungskameras in den Straßen und Geschäften gewöhnt. Wir wissen, dass die Informationen, die wir in den Sozialen Medien preisgeben, alles andere als privat sind, und pfeifen auf den Datenschutz.
Anthony McCarten geht in „Going Zero“ lediglich einen kleinen Schritt weiter, und gerade das macht seinen Roman so verstörend. „Die Menschen wollen keine Privatsphäre mehr“, verteidigt Cy Baxter das Projekt. „Fakt ist, die Menschen sind so unglaublich einsam, dass sie ihre Privatsphäre mit Handkuss aufgeben. Weil sie nämlich danach lechzen, bekannt zu sein, danach, transparent zu sein, beobachtet zu werden, so als ob sie wichtig seien, als Beleg dafür, dass sie jemand sind.“
Gejagte wird zur Jägerin
Dass der CIA und Cy Baxter letztendlich scheitern, mag uns beruhigen. Probandin „Zero 10“, der Bostoner Bibliothekarin Kaitlyn Day, gelingt es, sich dem Zugriff ihrer Verfolger bis zum letzten Tag zu entziehen. Sie will die drei Millionen Dollar gewinnen – und sie hat noch ein anderes, ein viel wichtigeres Anliegen, das aus der Gejagten eine gnadenlose Jägerin macht.
Anthony McCarten schildert die wilde Verfolgungsjagd quer durch Kanada und die Vereinigten Staaten aus wechselnden Perspektiven und schafft es, seine Leserinnen und Leser mit immer neuen Finten und unerwarteten Wendungen zu überraschen. Kurzum: ein grandioses Buch.
Petra Pluwatsch
Anthony McCarten: „Going Zero“, dt. von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié, Diogenes, 464 Seiten, 25 Euro. E-Book: 21,99 Euro.

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