
Wo schweben die schönsten Engel von Köln? Sind Drachen Vegetarier? Und wie steht es um das Gespür des Einhorns für Jungfrauen? Barbara Schock-Werner und Joachim Frank stellen nicht nur solche Fragen. Sie sind auch in der Lage, darauf die passenden Antworten zu geben. So geschieht es in ihrem Buch „Unser Schnütgen“, das sie jetzt auf der „Workstage“ des Neven-DuMont-Hauses in Köln vorgestellt haben. In dem sorgfältig bebilderten Band präsentieren die Kölner Dombaumeisterin a. D. und der Kölner Journalist insgesamt 51 herausragende Werke des Kölner Museums für sakrale Kunst, darunter auch einige, die sie im Depot ausfindig gemacht haben.
Allemal handelt es sich um eine subjektive Auswahl der Kunsthistorikerin und des Chefkorrespondenten des „Kölner Stadt-Anzeiger“. Aber die kann sich sehen lassen. Und auch sehr gut lesen lassen. Die Objektbetrachtungen bestechen in erster Linie dadurch, dass die komplexen kunsthistorischen und theologischen Zusammenhänge handfest und anschaulich auf den Punkt gebracht werden.
Ein Kamm fürs bessere Denken
Tatsächlich gibt es viel zu erfahren. Die einzelnen Kapitel sind eine Einladung, sich intensiv auf die Objekte einzulassen. Der bloße Augenschein mag ausreichen, um einen ersten ästhetischen Genuss zu verbuchen. Doch entscheidend gesteigert wird der Eindruck, wenn Hintergründe ausgeleuchtet werden. Nehmen wir doch mal den Kamm des Heiligen Heribert – sinnbildlich – in die Hand. Der ist um 870 in Metz aus Elfenbein geschnitzt worden. Er stammt aus einer Zeit, als die Priester noch zum liturgischen Kamm griffen, bevor sie vor den Altar traten. Zum einen richteten sie auf diese Weise ihr Haar, nachdem sie die schweren Gewänder übergestreift hatten. Zum anderen ging es darum, „vor Beginn der Messe symbolisch die Gedanken zu ordnen.“ Gut zu wissen: wer sich kämmt, denkt besser.
Auch Humor ist mit im Spiel. So beim Blick auf die Buchmalerei eines Psalters, der um 1300 in Frankreich entstanden ist und allerlei amüsantes Rankenwerk aufbietet. Ausgehend von der Frage, ob man beim Beten lachen darf, wird ein Witz erzählt, der von der Schläue der Jesuiten handelt: „Kommt also ein Benediktiner auf einer Zugfahrt ins Raucherabteil und sieht dort einen Jesuiten sitzen, ins Brevier – das Gebetbuch der Priester und Mönche – vertieft und mit einer Zigarette in der Hand. ‚Pater‘, sagt der Benediktiner erstaunt, ‚wie kommen Sie dazu, beim Beten zu rauchen?‘ – ‚Ich weiß nicht, was Sie meinen, lieber Bruder‘, entgegnet der Jesuit. ‚Ich bin vorher eigens zu meinem Oberen gegangen und habe ihn gefragt: Ehrwürdiger Vater, ist es wohl erlaubt, beim Rauchen auch zu beten?‘“

Susanna als Lustobjekt
Selbstverständlich blicken wir aus der Gegenwart auf die Objekte aus alter Zeit. Das wird deutlich bei einem niederländischen Dosendeckel aus dem 17. Jahrhundert, auf dem Susanna im Bade dargestellt ist. Die biblische Erzählung der schönen Susanna, die Opfer sexueller Nötigung wird, sei für die christliche Kunst eine willkommene Gelegenheit gewesen, lesen wir, vorbei an kirchlicher Moral und Prüderie den nackten Frauenkörper zu zeigen.
Barbara Schock-Werner, die sich in diesem Zusammenhang „als erklärte Feministin“ bezeichnet, sagt, was zu sagen ist: „Männer degradieren Frauen zum Lustobjekt, missachten ihre Autonomie und Integrität, setzen psychische und physische Gewalt ein, um Sex zu erzwingen.“ Einst seien die Rillen im Perlmutt mit schwarzer Farbe gefüllt gewesen, um das Relief auf dem Deckel kontrastreicher zu gestalten. Die Expertin schaut genau hin und stellt fest: „Heute ist die schwarze Farbe stark abgerieben, ganz besonders am Körper der Susanna. Ob das nur ein Zufall ist?“

Auf ins Museum!
Moritz Woelk, seit 15 Jahren Direktor des Museum Schnütgen, sieht sein Haus durch die Neuerscheinung aus dem Greven Verlag in ein attraktives Licht gerückt. Bei der Buchpremiere lobte er Ton, Haltung und Deutung. Sein Lektüre-Eindruck: „Der Band wirkt auf mich, als ginge man mit Freunden durch das Museum.“ So klingen die Beiträge in der Tat.
„Unser Schnütgen“ lädt ein zu einer abwechslungsreichen Reise ins Mittelalter und in die frühe Neuzeit. Es ist eine Zeit, als der Glaube in Europa ohne Wenn und Aber die Basis des Zusammenlebens war. Der Band ist Lesebuch und Museumsführer in einem – erhellend, pointiert, entspannt. Was jetzt noch zu tun bleibt? Auf ins Museum Schnütgen!
Martin Oehlen
Auf diesem Blog
sind wir schon einige Male auf das Museum Schnütgen eingegangen. Da ging es um Ausstellungen über Arnt den Bilderschneider (HIER), „Von Frauenhand“ gestaltete Schriften des Mittelalters (HIER), den Sprayer und Zeichner Harald Naegeli (HIER) und über die „Magie Bergkristall“ (HIER).
Das Bild
am Kopf der Seite zeigt den Ausschnitt einer Reliquienbüste des Heiligen Sebastian, in Köln aus Nussbaum geschnitzt um 1340. Foto: HAStK-RBA / Wolfgang F. Meier / Greven Verlag
Barbara Schock-Werner und Joachim Frank: „Unser Schnütgen“, Greven Verlag, 192 Seiten, 25 Euro.
