
Das letzte Kapitel dieses bemerkenswerten Buches ist ein Gebet. „Gott“, heißt es darin, „wenn du die Welt noch einmal erschaffst und dabei auch die Männer und Frauen neu zusammenbaust, dann sei bitte nicht noch einmal ein unerfahrener Töpfer. Komm, komm ein einziges Mal als Frau auf die Welt, Herr!“ Dann, so die Hoffnung der Schreiberin, würde Gott vielleicht begreifen, was es bedeutet, als Frau in einer patriarchalischen Welt leben zu müssen.
Der Appell an den Allmächtigen bildet das Schlusskapitel der Prosasammlung „Meistens bleibt ja die Frau zu Hause“. Deren Autorin – die indische Juristin, Journalistin und Frauenrechtsaktivistin Banu Mushtaq – erhielt dafür 2025 den International Booker Prize. Nun ist das Werk, eine Zusammenstellung von zwölf Erzählungen aus den Jahren 1990 bis 2015, in deutscher Übersetzung erschienen. Das Original wurde in Kannada, der offiziellen Sprache des südindischen Bundesstaates Karnataka, verfasst.
Unter dem Gesetz der Scharia
Banu Mushtaq, 1948 in Hassan in Karnataka geboren, schildert darin das Leben in einer kleinen muslimischen Gemeinde und entführt ihre Leserschaft in eine nahezu archaisch anmutende Welt. Der Alltag der Frauen wird von den Gesetzen der Scharia bestimmt. Das islamische Rechtssystem wird innerhalb der ländlich geprägten Gemeinschaft streng ausgelegt und schränkt die Rechte der Frauen auf Bildung und ein selbstbestimmtes Leben massiv ein.
„Würmer“ seien sie, klagt eine von ihnen, ausgelaugt von mehreren ungewollten Schwangerschaften. Millionen von „Würmern“, die nach der Hochzeit zum Spielzeug der Männer würden und deren emotionalem Missbrauch ausgesetzt seien. „Mir blieb nichts Eigenes. Ich musste in einem fremden Garten Wurzeln schlagen, wachsen und blühen“, schildert sie ihr Leben im Haus der Schwiegereltern. „Sogar mein Name verschwand. Weißt du, was mein neuer Name war? Seine Frau.“
„Stolz in Stücke gerissen“
Eindringlich beschreibt Banu Mushtaq die Verzweiflung von Frauen wie Ashraf, die von ihrem Mann verlassen wurde, weil sie ihm nur Töchter geboren hat. Inzwischen vergnügt er sich mit einer anderen und verweigert die Unterhaltszahlungen. Nun sitzt Ashraf in der Moschee und verlangt Gerechtigkeit. Oder wenigstens eine regelmäßige finanzielle Unterstützung. „Sie würde nicht mehr mit gefalteten Händen dastehen und betteln“, hat sie sich geschworen. Doch der zuständige Mutawalli, der Verwalter der Gemeindespenden, verweigert ihr seine Hilfe.
Viele solcher Schicksale lernen wir kennen. Da geht es um Erbstreitigkeiten und übermächtige Schwiegermütter. Oder um Frauen wie Mehrun, die kurz vor ihrem Schulabschluss zwangsverheiratet wurde. Sie verliert ihren Ehemann nach 16 Jahren an eine jüngere Frau. Nach mehreren Geburten ist sie für Inayat unattraktiv geworden. „Er kritisierte Mehruns schlaffen Bauch und die Brüste, die den Hunger seiner Kinder gestillt hatten.“ Außerdem habe sie beim Liebesakt stets dagelegen wie eine Leiche, wirft er ihr vor und reißt mit seinen harschen Worten „ihren Stolz in Stücke“.
Frauen proben den Widerstand
Eine Rückkehr in ihr Elternhaus ist ausgeschlossen. Auch dort ist Mehrun nicht mehr willkommen. „Geduld, mein Kind“, rät ihr die Mutter. „Du solltest versuchen, ihn liebevoll auf den richtigen Weg zurückzubringen.“ Er sei halt ein Mann und habe aus Versehen in einen Haufen Dreck getreten. „Sobald er eine Pfütze findet, wäscht er ihn wieder ab und kommt zurück.“
Doch Banu Mushtaqs Frauen proben den Widerstand. Die Autorin erzählt auch von Frauensolidarität und dem verzweifelten Mut der Betroffenen, sich gegen die Zwänge einer patriarchalisch bestimmten Welt aufzulehnen. Oft sind es nur kleine, interfamiliäre Trotzreaktionen, mit denen sie die Vormachtstellung der Männer unterminieren. Aber es ist ein Anfang. Immerhin.
Petra Pluwatsch
Banu Mushtaq: „Meistens bleibt ja die Frau zu Hause“, dt. von Katrin Binder, Kjona, 256 Seiten, 23 Euro. E-Book: 16,99 Euro.
